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KARLSRUHE/ Händel-Festspiele: ALESSANDRO

23.02.2013 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

Händel-Festspiele in Karlsruhe:: Wiederaufnahme von „Alessandro“ (Vorstellung: 22. 2. 2012)


Der amerikanische Countertenor Lawrence Zazzo begeisterte als Alexander der Große  (Foto: Markus Kaesler)

 Im Rahmen der heurigen Händel-Festspiele wurde die erfolgreiche vorjährige Produktion des „Alessandro“ wiederaufgenommen. Die Uraufführung dieser Oper von Georg Friedrich Händel fand im Jahr 1726 in London in Starbesetzung statt – mit Senesino in der Titelrolle und den beiden berühmten Sopranistinnen Faustina Bordoni und Francesca Cuzzoni, die als die drei besten Sänger ihrer Zeit galten.

 Die Handlung der Oper, deren Libretto Paolo Antonio Rolli nach Ortensio Mauros „La Superbia d’Alessandro“ verfasste: Auf seinem Feldzug nach Indien belagert Alexander der Große die Stadt Oxydraka. Um seine Soldaten anzuspornen, springt er zum Entsetzen aller allein über die Mauer in die Stadt. Dass er als Sieger zurückkehrt, macht ihn so übermütig, dass er sich zum Sohn des Göttervaters Zeus erklärt und die entsprechende Anbetung fordert. Überglücklich über den guten Ausgang seines Abenteuers sind die persische Prinzessin Roxana und die skythische Prinzesin Lisaura, die beide in Alexander verliebt sind. Doch so stolz er als Eroberer auftritt, so rasch verprellt er die beiden Damen, kann er sich doch zwischen den beiden nicht entscheiden. Der indische König Taxiles, der Alexander sein Königreich verdankt, ist ebenfalls in Lisaura verliebt, allerdings vorerst erfolglos. – Als Alexander im Thronsaal die eroberten Länder großzügig an seine Vasallen verteilt, weigert sich Klytus, vom „Göttersohn“ Geschenke anzunehmen, und wird ins Gefängnis geworfen. Er wird von Leonatus befreit, der dafür Kleon einsperrt. Die Mazedonier sind inzwischen des Hochmuts Alexanders überdrüssig und wagen den Aufstand. – Alexander erklärt Lisaura, dem treuen Taxiles nicht länger im Weg zu stehen und will auf sie verzichten, worauf Taxiles ihn noch eifriger unterstützen will. Er schlägt den Aufstand nieder, worauf die mazedonischen Fürsten ihm ihren Respekt bekunden. Alexander verzeiht ihnen. – Im Zeus-Tempel freuen sich die beiden Damen über Alexanders Errettung. Er erklärt ihnen wieder seine Liebe und bietet Lisaura seine Freundschaft und Roxana seine Hand an. Damit sind beide einverstanden – und Lisaura macht Taxiles Hoffnung. Ein gemeinsames Lob auf die Treue beschließt die Oper.

 Alexander Fahima inszenierte das viereinhalb Stunden dauernde Werk, das in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln aufgeführt wurde, sehr humorvoll und mit exzellenter Personenführung. Großartig das köstliche „Rösser-Ballett“ der drei Feldherren Klytus, Leonatus und Kleon (Choreographie: Michael Bernhard). Gut unterstützt wurde der Regisseur von Claudia Doderer, die für Bühne und Kostüme zuständig war. Sie schuf ein stilisiertes Bühnenbild fast ohne Requisiten und prächtige Kostüme – insbesondere für die Damen –, die von der Barockzeit inspiriert waren. Eine große Bedeutung kam der Lichtregie zu. Durch die einfallsreichen Lichteffekte von Stefan Woinke wurden immer wieder stimmungsvolle Bilder erzeugt. Die Videos (Gestaltung: Dirk Schulz) schienen entbehrlich.

 Star des Abends war der amerikanische Countertenor Lawrence Zazzo, der mit seiner enormen Bühnenpräsenz eine Idealbesetzung für die Titelrolle war. Es gelang ihm, sowohl den Größenwahn und eitlen Hochmut Alexanders wie auch sein wankelmütiges Verhalten den beiden Angebeteten gegenüber schauspielerisch und stimmlich auszudrücken. Brillant seine Gesangskultur, die er in jeder seiner Arien eindrucksvoll bewies. Bezaubernd seine angebeteten Damen: die kubanische Sopranistin Yetzabel Arias Fernandez als Roxana und die italienische Sopranistin Raffaella Milanesi als Lisaura, die beide im schönsten Belcanto-Stil sangen und dazu auf beeindruckende Art und Weise ihre Gefühlsschwankungen – von Verliebtheit über Eifersucht bis zur Verzweiflung – darstellerisch und gesanglich wiedergaben. Man kann sich kaum vorstellen, dass die großen Stars der Londoner Uraufführung besser waren!

 Der argentinische Countertenor Martin Oro konnte der Figur des indischen Königs Taxiles das nötige Profil geben und buhlte schließlich nicht vergebens um die schöne Prinzessin Lisaura. Für die durchgehend erstklassige Aufführung sorgte auch die exzellente Besetzung der kleineren Rollen. Klytus, der noch ein treuer Feldherr von Alexanders Vater Philipp war, wurde vom australischen Bariton Andrew Finden ebenso rollengerecht dargestellt wie der mazedonische Fürst Leonatus vom mexikanischen Tenor Eleazar Rodriguez. Eine großartige humorvolle Leistung bot die aus Karlsruhe stammende Altistin Rebecca Raffell in der Hosenrolle des Kleon, der selbst in Roxana verliebt ist, aber keinen Widerstand gegen den König wagt, weshalb er von Klytus und Leonatus als Speichellecker verhöhnt wird. Das schon erwähnte, exzellent choreografierte „Rösser-Ballett“ der drei war eine besondere Delikatesse und zählte zu den Höhepunkten der Vorstellung. Der minutenlange Szenenapplaus des begeisterten Publikums war mehr als verdient!

 Eindrucksvoll auch die vier schwarzgekleideten Tänzer, die einige Szenen auf elegant-raffinierte Weise (zum Teil mit Speeren „bewaffnet“) untermalten. Sie verdienen es, genannt zu werden: Casey Banks, Tonia Convertini, Katharina Hörenberg, Andrey Korolkov.

 Das stark besetzte Orchester, das sich Deutsche Händel-Solisten nennt und von Michael Form sehr gestenreich geleitet wurde, gab die zarte, ornamenthafte Partitur der dreiaktigen Oper, die mit einer rauschenden Ouvertüre beginnt, mit allen Feinheiten wieder. Das Publikum, das des Öfteren mit atemloser Stille der Aufführung folgte, zollte am Schluss dem gesamten Sängerensemble, dem Orchester und seinem Dirigenten minutenlang frenetischen Beifall.

 

Udo Pacolt, Wien – München

 

 

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