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KARLSRUHE: DOCTOR ATOMIC. Premiere

26.01.2014 | KRITIKEN, Oper

Karlsruhe „DOCTOR  ATOMIC“ 25.01.2014

 Die Oper „Doctor Atomic“ von John Adams erlebte am Badischen Staatstheater eine bemerkenswerte – nein grandiose, begeistert gefeierte Premiere. Zum Inhalt des Werkes zitiere ich aus einer Broschüre des Hauses:

 Noch nicht zehn Jahre alt ist diese Oper, die sich mit dem Jahrhunderttrauma beschäftigt „der Atombombe“! Die Welt zitterte davor, wer einen Atomkrieg auslösen würde. Die Entfesselung der Atomkraft war jedoch von Anfang an umstritten auch in der Physiker-Gruppe um J. Robert Oppenheimer, die den ersten Test in der Wüste von Nevada durchführte. Oppenheimers Zitat aus der „Bhagavad Gita“, der Urschrift der indischen Religionen, als er die erste Explosion der neuen Bombe sah, ist berühmt geworden. Er erinnerte dabei an die Beschreibung, wo Krishna eine so blendende wie schreckliche vielarmige Form annimmt und dem Krieger Arjuna verkündet: „jetzt bin ich der Tod geworden, der Zerstörer der Welten“. John Adams, der bedeutendste lebende amerikanische Komponist, ließ sich in seiner Oper von 2005 davon inspirieren.

 Oppenheimer sprach fließend Sanskrit und studierte die „Bhagavad Gita“ mit Eifer, sie war ein Teil seiner Gedankenwelt. Peter Sellars der Liberettist von „Doctor Atomic“ griff mehrmals auf diese Schriften zurück und verwendete für die Texte ausschließlich Originale der Dokumentationen der beteiligten Personen sowie aus Gedichten von Muriel Rukeyser.

Die Diskussionen der Wissenschaftler sind ebenso wie die Chöre aus unzähligen der Original-quellen zusammengestellt. Sellars gelang  in mühevoller Arbeit eine sehr lebendige Fiktion, wie es gewesen sein könnte bei den Debatten beim Bau, ihren vermutlich verheerenden Folgen der neuen Waffe „Atombombe“ und ebenso die Darstellung wenige Stunden vor der Zündung, der neuesten schrecklichsten Apokalypse der Menschheit.

 Ein derart brisantes Projekt in Szene zu setzen gelangen dem Regisseur Yuval Sharon, dem Bühnenbildner Dirk Becker, der Designerin Sarah Rolke und ganz besonders den Herren der Videoanimationen Benedikt Dichgans, Phlipp Engelhardt, Andreas Grindler in trefflichster Form. Die Bühnenbreite eine riesige (Kino)Leinwand zeigt sichtbar Radiofrequenzen, akustisch aus Lautsprechern untermalt, in filmischer Folge werden Comics sichtbar, Originaldokumente der gesungenen Texte, kleine Wandfenster öffnen sich zeigen variiert die Wissenschaftler, den General, Mitarbeiter bei ihren Diskussionen. Das Wohnhaus der Oppenheimers nähert sich aus der Ferne und präsentiert links das Wohnzimmer und rechts die Bibliothek. In spannender Folge wie im Film erfolgen die Szenenwechsel deren Höhepunkt zweifellos, sehr realistisch die Gewitterszene vor der Wüstenlandschaft bildet. Jenes unvorhergesehene Naturereignis dessen eventuelle Folgen, die Wissenschaftler kurz vor dem „Countdown“ in hilfloser Unwissenheit schier verzweifeln lässt. Szenenwechsel nach der Pause: bühnenbeherrschend sich nach oben wölbend ein weiß-rotes Karoreißbrett als Tinity-Testgelände. Orientierungslose Menschen irren umher, sparsam realistisch  demonstriert man Szenarios „danach“, man ist übermüdet, die Nerven zum zerreißen gespannt. Militärs und Wissenschaftler diskutieren in Mutmaßungen, versuchen sich zu beruhigen. Das Tewa-Kindermädchen der Oppenheimer erscheint als beschwörend-visionäre Kassandra, äußert mit Kitty ihre Angst in apokalyptischen Gedichten, ein Indianer kriecht verwirrt umher, der Chor beschwört die schreckliche Allgewalt „Vishnus“. Niemand weiß etwas Sicheres was da  kommen wird, eine Uhr zeigt die letzten 5 Minuten vor der Zündung, keiner kennt die Folgen! Die Bühne fast dunkel, Oppenheimer steht vor einer züngelnden Flamme, eine mexicanische Frauenstimme zitiert aus dem Lautsprecher:  „wir brauchen Wasser, ich finde meinen Mann nicht mehr“. Der Vorhang fällt langsam, atemlose fassungslose Stille – dann bricht die zehnminütige Begeisterung los und schließt alle einschließlich das Produktionteam mit ein.

In jüngeren Jahren lehnte ich zeitgenössische Musik rigoros ab, nun im reiferen Zenit meines Daseins  öffne ich mein Gehör, meinen Geist immer mehr Kompositionen der Gegenwart und hätte es früher nie für möglich gehalten, dass mich ein modernes Musikwerk derart in Begeisterung versetzen könnte.

Adams Musik angelehnt an Glass, enthält auch unüberhörbare Wagner-Strauss-Motive wirkte auf mich zuweilen phantastisch symphonisch breit, eruptiv-explosiv dann wieder sehr melodisch, lyrisch, elegisch ganz besonders zur Szene im Hause Oppenheimer. Diese Musik offenbart artikulare Finessen im Detail, lyrische Grundstimmungen, vitale Gliederungen und erscheint selbst in voluminösen Extremfällen noch hörbar. Kurzum ich konnte mich der Faszination der Klänge in Verbindung der famosen Optik nicht entziehen und war hin und weg – der absolute Hammer! Adams verkündete einst: „die Qualen der Hölle stelle ich mir vor – meine Musik dort singen zu müssen“. Doch weit gefehlt,  diese strukturelle detaillierte Musik zielt auf üppige Klanglichkeit, vielschichtige Ausdrucksstärke und scheint den Sängern sehr entgegen zukommen.

Als Titelheld J. Robert Oppenheimer leistete jedenfalls Armin Kolarczyk mit wandlungsfähigem, herrlich timbriertem Bariton Großartiges. Seine resignierend- philosophischen Monologe gingen unter die Haut, machten betroffen. Es ist schwer einem der restlichen Sängerdarsteller (alles tiefe Stimmen) Lucas Harbour (Edward Teller), Renatus Meszar (General Groves), Jaco Venter (Frank Hubbard) und dunkel-tenoral  Klaus Schneider (Captain Nolan) den Vorzug zu geben, wuchsen sie doch in prächtiger Gesamtleistung zusammen. Wie ein Lichtstrahl erschien in dieser dunklen Riege die hell-strahlende Tenorstimme von Steven Ebel (Robert Wilson). Zwei Frauen behaupten sich zudem in der Männerwelt: Katherine Tier, Kitty des Physikers Gattin absolvierte ihren Part in den ruhigen, lyrischen Momenten mit gut fokussierten hellen Mezzotönen, lediglich ihre Höhenausbrüche neigten zu kantigen Verhärtungen. Den Vokal-Parcours  des Kindermädchens Pasqualita bewältigte Dilara Bastar vorzüglich, sang herrlich timbriert, mit dunkler in allen Lagen ansprechender Mezzostimme. In bester Klangbalance, flexibler Formation präsentierte sich der Badische Staatsopernchor (Ulrich Wagner).

Sehr detailliert lässt Johannes Willig die bestens disponierte Badische Staatskapelle musizieren. Ausladend, schwelgerisch breitete Willig die ungewöhnlichen Strukturen der Partitur aus, präsentiert in Klangfülle deren repräsentativen Vielschichtigkeiten und vereint die Blech- und Trommelsegmente zum exzellenten charakteristischen Gesamtsound.

Fazit: ein Werk von ungeheurer Präsenz, suggestiver Faszination ähnlich wie Wallenberg oder die Passagierin sollte man mehrmals auf sich einwirken lassen. Ein ganz großer Theaterabend – Bravo!

Gerhard Hoffmann

 

 

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