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KARLSRUHE: DIE PASSAGIERIN von Mieczysław Weinberg. Premiere

19.05.2013 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

Großer Premierenerfolg in Karlsruhe: „Die Passagierin“ von Mieczysław Weinberg (A-Premiere: 18. 5. 2013)


Die polnische Sopranistin Barbara Dobrzanska verkörperte die „Passagierin“ Marta (Foto: Falk von Traubenberg)

 Die Oper „Die Passagierin“ des polnischen Komponisten Mieczysław Weinberg, die 2010 bei ihrer Uraufführung im Rahmen der Bregenzer Festspiele einen Sensationserfolg feierte, erlebte nun am Badischen Staatstheater in Karlsruhe ihre Deutsche Erstaufführung – mit ähnlich großem Erfolg! Das Theater setzte damit ihre Reihe „Politische Oper“ fort, die in der vorigen Spielsaison mit „Wallenberg“ begonnen wurde.

 Mieczysław Weinberg (1919 – 1996) gilt als bedeutendster Schostakowitsch-Nachfolger. Er studierte als Sohn jüdischer Eltern in Warschau Klavier und floh im Jahr 1939 nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs nach Minsk. Seine Eltern und seine Schwester wurden von den Nazis ermordet. Weinberg setzte seine Studien bis 1941 am Minsker Konservatorium fort, 1943 ging er nach Moskau, wo er als Komponist und Pianist arbeitete. Als er im Jahr 1953 fälschlicherweise beschuldigt wurde, die Idee einer jüdischen Republikgründung auf der Krim zu propagieren und aus diesem Grund verhaftet wurde, setzte sich sein Freund Dmitri Schostakowitsch für seine Freilassung ein. Weinberg verfasste mehr als 25 Symphonien, Ballette und Opern. Lyrik und Dramatik ergänzen sich dabei zu einem Gesamtwerk von großer menschlicher Tiefe.

 Die Handlung der Oper „Die Passagierin“, deren Libretto Alexander Medwedjew nach dem gleichnamigen Roman der polnischen Autorin Zofia Posmysz schrieb, in Kurzfassung: Die Gattin des neuen Botschafters der Bundesrepublik Deutschland in Brasilien erfährt bei der Überfahrt nach Südamerika auf dem Schiff eine existentielle Prüfung: In einer Passagierin glaubt sie eine frühere Gefangene wiederzuerkennen. Was Lisas Gatte nicht weiß: Seine Frau war Aufseherin im KZ Auschwitz und hat den Freund der damals 20-jährigen Inhaftierten Marta auf dem Gewissen. In Rückblenden erfährt man, was damals in Auschwitz geschah, wobei die Aufführung der Karlsruher Fassung in deutscher, polnischer, russischer, jiddischer und französischer Sprache mit englischen und deutschen Übertiteln gezeigt wurde.

 Dem Opernmagazin (Nr. 7) des Badischen Staatstheaters, das nach der Premiere an die Besucher verteilt wurde, kann man entnehmen, mit welcher Akribie und Ernsthaftigkeit das Produktionsteam – Dirigent Christoph Gedschold, Ausstatter Philipp Fürhofer und Regisseur Holger Müller-Brandes, der auch den lesenswerten Beitrag „Fatale Erinnerung“ verfasste – an seine Aufgabe herangegangen ist. Unter anderem besuchte das Team die Gedenkstätte in Auschwitz und gemeinsam mit der polnischen Sopranistin Barbara Dobrzanska, die die Partie der im KZ inhaftierten Marta sang, in Warschau die Autorin Zofia Posmysz, die auch zur Premiere nach Karlsruhe eingeladen wurde.

 Die Regiearbeit möge ein Zitat aus dem Beitrag des Opernmagazins illustrieren: „Die Inszenierung macht sich das Verfahren von Zofia Posmysz zu eigen, indem sie allgemein verständliche heutige Bilder konsequent auf die Bilder von Auschwitz ausrichtet, die uns Zofia Posmysz und Weinbergs Oper überliefern, und die in unserem heutigen, wissenden Bewusstsein gespeichert sind. Wenn es adäquate Formen des Erinnerns gibt, die Handlungsmöglichkeiten in der Gegenwart eröffnen, so zeigt Zofia Posmysz in ihrer Kunst und in ihrem Zeugnis eine sehr persönliche Form auf, die man sich als Nachgeborener gerne aneignen möchte und die sich auch im Rahmen einer Operninszenierung angemessen niederschlagen kann.“

 Trotz dieser unzweifelhaften Bemühungen und der gute Personenführung des Regisseurs wurde nicht jene dichte Atmosphäre erreicht, die David Pountney bei seiner Inszenierung im Bregenzer Festspielhaus auch durch die grandiose Bühnenlösung mit dem Schiffsrumpf – am Oberdeck herrschte die Freiheit der Gegenwart, im Unterdeck die tödliche Vergangenheit im KZ Auschwitz – geschaffen hat. Diese dramatische Symbolik versuchte der Regisseur in Karlsruhe durch die Spiegelung des Bodens und der verschiebbaren Trennwende darzustellen, doch war möglicherweise die stark abstrahierte und gestylte Bühnengestaltung (Ausstattung: Philipp Fürhofer) hinderlich, beim Publikum eine stärkere Beklemmung zu erzeugen. Wer allerdings die Bregenzer Uraufführung nicht erlebt hat, mag zu einem anderen Urteil kommen.

 Als Marta überzeugte die Sopranistin Barbara Dobrzanska sowohl stimmlich wie darstellerisch mit starker Ausdruckskraft. Berührend die Szene, als sie im Geiger Tadeusz ihren Jugendfreund erkennt, der vom australischen Bariton Andrew Finden gespielt wird.

Ausgezeichnet besetzt war Lisa mit der blonden Sopranistin Christina Niessen, der man schon durch ihr Aussehen und ihre Körpersprache die ehemalige KZ-Aufseherin abnehmen konnte. Der Tenor Matthias Wohlbrecht als ihr Ehemann Walter forcierte stimmlich stark und spielte den Mann, der sich mehr um seine berufliche Zukunft ängstigte als um die seelische Befindlichkeit seiner Frau, sehr glaubhaft.

 Aus dem gut ausgewogenen Sängerensemble, das insgesamt am Erfolg der Produktion einen großen Anteil hatte, seien noch genannt: die polnische Sopranistin Agnieszka Tomaszewska, die als Gast die Rolle der russischen Partisanin Katja darstellte, der chinesische Bassbariton Yang Xu als älterer Passagier, die Mezzosopranistin Sarah Alexandra Hudarew, die als junge Jüdin Hannah von ihrer Heimatstadt träumt, und die Altistin Rebecca Raffell als ältere Polin Branka, die in ihrem Glauben Zuflucht sucht. Stimmkräftig und sehr ambitioniert agierte der Badische Staatsopernchor (Leitung: Ulrich Wagner)

 Die wunderbare Partitur von Weinberg, die neben greller Musik auch karikierende Momente aufweist, in denen der Einfluss von Schostakowitsch hörbar wird, wurde von der Badischen Staatskapelle unter der Leitung von Christoph Gedschold exzellent wiedergegeben, wobei die Bläser einen großen Anteil hatten. Im informativ gestalteten Programmheft schrieb der Dirigent unter dem Titel „Ein Meisterwerk“ einen wissenschaftlichen Beitrag zu Weinbergs Musik, der einen guten Einblick auf das Werk gibt. Daraus zwei Zitate: „Die Musik wirkt auf den ersten Eindruck spröde. Je länger man sich allerdings mit dem Werk beschäftigt, findet man eine faszinierende, genau gearbeitete Leitmotivtechnik, die diese Oper durchzieht. … Die Musik lebt von dieser versteckten Leitmotivik und -Harmonik, die der Hörer beim ersten Mal leider nicht erkennt und erkennen kann, sie ist jedoch unterschwellig durchaus fühlbar und setzt sich im Körper fest.“

 Am Schluss der Vorstellung brauste nach kurzem Innehalten ein Jubel durchs Haus, den man nicht alle Tage erlebt. Minutenlanger Applaus und endlos viele Bravorufe des Publikums mündeten schließlich in Standing Ovations des gesamten Hauses für die polnische Autorin Zofia Posmysz, als sie auf die Bühne gebeten und mit Blumen beschenkt wurde. Man kann von einem denkwürdigen Opernabend sprechen.

Der Intendanz des Badischen Staatstheaters ist auf jeden Fall zu der Reihe „Politische Oper“ im Rahmen ihrer Spielplanlinie zu gratulieren!

 Udo Pacolt, Wien

 

 

 

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