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KARLSRUHE: DAS RHEINGOLD – Ring-Menü in vier Gängen. Premiere

10.07.2016 | Oper

Karlsruhe: „DAS RHEINGOLD“ 09.07.2016

 Ring-Menu in vier Gängen ….

Götter-Tafelrunde (c) Falk von Traubenberg
Götter-Tafelrunde. Copyright: Falk von Traubenberg

Alljährlich kämpft das Badische Staatstheater um finanzielle Mittel zum Überleben der „Händel-Festspiele“, grundsätzlich um Subventionen, deshalb erscheint es sehr verwunderlich, dass man schon wieder an einem neuen „Ring“ von Richard Wagner bastelt. Dient dies rein aus Prestigegründen oder fielen die Holzkonstruktionen der letzten Ring-Schmiede dem Weltenbrand der finalen „Götterdämmerung“ vor wenigen Jahren zum Opfer?

Wie denn auch sei zum Slogan „Viele Köche verderben den Brei“ (?),  versuchen sich vier Jungköche am  neuen Ring-Menu und servierten zum Entrée „Das Rheingold“. Erwartete man zur Rezeptur fin herbes des chefs  de cuisine (David Hermann) zum pot-au-feu, weit gefehlt das Küchenteam servierte nur schwer verdauliche, badische Hausmannskost mit Zutaten quer vom Kraut- und Rübenacker. Kostüme alltagstauglich mit wenig Chic (Bettina Walter) einfallslose  Bühnenausstattungen (Jo Schramm) wie wir sie seit Jahrzehnten kennen langweilen inzwischen. Alles wie gehabt, getreu nach Wiederkäuer-Art.

Unwillkürlich stellt es dem Betrachter die Frage: lesen die jungen Akteure die Libretti?

Ein halbwegs intelligenter Mensch versteht die Materie des Inhalts. Jedoch wurden einige Regisseure der jüngeren Generation in die Aera des modernen Regietheaters hinein geboren, sahen nichts anders, lernten (?) nichts anderes und kennen nichts anderes?

Doch nun kurz zu Hermanns Rheingold-Version: während der Spielszenen im Bühnenbereich sowie auf der oberen Ebene mimen Tänzer Sieglinde, Siegmund (Siegfried wird gezeugt),  Brünnhilde sowie weitere Protagonisten bis zum Ring-Finale erscheinen regelrecht als Stummfilm-Parodie. Der Zuschauer hat´s kapiert und könnte sich nun Angesicht der überflüssigen Illustrationen drei weitere, zeitraubende „Sitzungen“ ersparen oder sollte dieses Pantomimen-Manöver lediglich von der wenig spektakulären Personenregie ablenken?

Erwartete man culinaire cuisine für die Ohren wurde man auch hier teils herb enttäuscht.

Ohne mystisches Weben, ohne die sich allmählich steigernde Klangarchitektur des Vorspiels ging GMD Justin Brown gleich breit raumfüllend zur Sache. Pech natürlich, dass die Blechbläser sogleich ihre nicht glückliche Abenddisposition offenbarten und diese Eindrücke im Verlaufe des Abends noch verstärkten. Denke ich zurück an orchestrale Wagner-Wonnen beim „Tristan“, taten sich heute deutlich Defizit-Abgründe auf.

Gewiss hätte man sich mehr Spannung der betont zurückhaltenden Tempi gewünscht, ebenso mehr instrumental-differenzierte Präsenz der analytischen ausmusizierten Motive im komplexen Notengeflecht. Doch entschädigten flirrende Streicherklänge, zarter Harfenklang (vortrefflich links über dem Orchester platziert) sowie schwelgerische, bestens ausbalancierte Passagen der tiefgründigen Partitur von der motiviert aufspielenden Badischen Staatskapelle serviert.

Zwiespältige Eindrücke in meinen Ohren hinterließen auch so manche Unpässlichkeiten im vokalen Bereich. Im Gegensatz zum sonst gewohnten hohen Sängerniveau des Hauses, war ich heute sehr irritiert. Darstellerisch regiebedingt recht blass konnte Renatus Meszar auch stimmlich nicht sonderlich überzeugen. Seinem Wotan fehlte die kernige kräftige Substanz, die Stimmschönheit, kurzum die vokale Autorität des durchschlagkräftigen Göttervaters.

Eine prächtig nuancierte Fricka bildete dagegen den reizvollen Kontrast zum weniger präsentablen Gemahl und ließ aufhorchen, Roswitha Christina Müller bestach mit klarem formschön geführtem, herrlich timbriertem Mezzo bestens in allen Lagen fokussiert.

Weniger klangvoll mit höhenverengtem Sopran gestaltete Agnieszka Tomaszewska die flatterhafte Freia. In pastoser Altgrundierung und samtiger Mittellage erklang Erdas (Ariana Lucas) Warnung. Vokal differenziert unterstrichen die Rheintöchter ihr neckisches Spiel, helle Soprantöne schenkte Uliana Alexyuk (Woglinde), weiche dunkle Farben Stefanie Schaefer (Wellgunde), weniger klangvolles Ebenmaß Katharine Tier (Floßhilde).

Publikums-Favorit Matthias Wohlbrecht konnte zwar darstellerisch als hintersinnig-zynischer Loge überzeugen, bot jedoch stimmlich wenig überzeugende tenorale Glanzpunkte, charakterisierte in bester Artikulation (in welcher übrigens alle Sänger brillierten) mehr larmoyant Mime denn einen überzeugend frei aussingenden Feuergott.

Mit weniger kräftigen Heda! Heda!-Rufen verschaffte sich der Bariton Seung-Gi Jung veritable Donner-Autorität. Tenoral flachbrüstig kam Froh (James Edgar Knight) daher.

Als ungleiches Riesenpaar formierten sich Yang Xu als liebestoller Fasolt mit mächtigem, zuweilen blechern klingendem Basspotenzial sowie völlig unspektakulär sein Rauschebart-Bruder Fafner (Avtandil Kaspeli).

Jaco Venter schließlich interpretierte mit starkem Charakterbariton, bester Diktion und dämonischer Abgründigkeit den Alberich.

Entgegen meiner Einwände spendete das einst so kritische, fachkundige Karlsruher Premieren-Publikum allen Beteiligten lautstarke Begeisterung, lediglich beim Regie-Team meldeten sich wenige zaghafte Buhrufer zu Wort.

Zur leichten Verstimmung des schwer verdaulichen hors-d´oeuvre schaffen einige Gläschen Schwarzwälder  Kirschwässerle genesende Abhilfe. Schauen wir zuversichtlich auf das  seconde Entrée.

Gerhard Hoffmann

 

 

 

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