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KARLSRUHE: BORDER von Ludger Vollmer. Sehenswerte Jugendoper

20.06.2013 | KRITIKEN, Oper

Sehenswerte Jugendoper in Karlsruhe: „Border“ von Ludger Vollmer (Vorstellung: 19. 6. 2013)

 

Eine herausragende Leistung bot die Sopranistin Jennifer Riedel in der Rolle der Makaria (Foto: Jochen Klenk)

 Im Kleinen Haus des Staatstheaters Karlsruhe wird im Rahmen des Programms „Junges Staatstheater“ die Jugendoper „Border“ des deutschen Komponisten Ludger Vollmer aufgeführt, deren Libretto Stephanie Schiller nach dem antiken Drama „Die Kinder des Herakles“ von Euripides verfasste. Die Uraufführung der Oper fand im April 2012 in Köln (als Auftragswerk der Kinderoper Köln) statt.

 Ludger Vollmer ist gebürtiger Berliner, der Violine, Viola, Improvisation und Komposition studierte und Seminare bei Alfred Schnittke besuchte. Er ist als Musikpädagoge tätig und erforschte die musikalischen Traditionen der Balkanländer und des Nahen Ostens. Neben geistlicher Musik und Kammermusik gehört seine Liebe der Oper. Seine wichtigsten Werke neben „Border“ sind „Paul und Paula . Die Legende von Glück“ (2004), „Gegen die Wand“ (2008), „Schillers Räuber_Rap’n Breakdance Opera“ (2009) und „Lola rennt“ (2013).

 Die Oper „Border“ erzählt die Geschichte der jungen Makaria, die mit ihren Geschwistern Abiah und Farid fliehen muss, da sie von der Staatspolizei nach der politisch motivierten Ermordung ihres Vaters verfolgt werden. Sie wollen zu Iolaos, einem alten Freund ihres Vaters, der schon längere Zeit im Exil lebt. Sie flüchten getrennt, Abiah mit Bus und Zug nach Norden, Farid mit dem Schiff und Makaria möchte trampen. Im Zug gelingt es dem Geheimdienstchef Kopreus, Abiah die Information zu entlocken, dass die Kinder zu Iolaos wollen. Als Makaria als Erste das Haus des Iolaos erreicht, verliebt sie sich in dessen Sohn Manol. Kopreus taucht auf und offenbart Manol, dass er mehr weiß, als seinem Vater lieb sein kann. – Als die drei Geschwister bei Iolaos zusammentreffen, wird ihnen bald klar, dass sie hier auch nicht sicher sind. Manol ist verzweifelt, dass ihn seine geliebte Makaria verlassen will. Kopreus bietet ihm seine Hilfe an: Manol soll seine Geliebte nur küssen, er kümmere sich um den Rest. Bei Iolaos ausgelassener Feier am Vorabend der Weiterreise der Kinder erscheint Kopreus. Als Manol Makaria küsst, wird sie erschossen – Manol begeht Selbstmord.

 Regisseurin Ulrike Stöck ließ sich für ihre Inszenierung einiges Erwähnenswerte einfallen. So sprachen während der Aufführung mehrere Jugendliche mit Migrationshintergrund kurz über ihr Leben in Deutschland und das ihrer Eltern, die beispielsweise aus Israel, Armenien, der Türkei und Afrika stammen. Überdies baute sie geschickt den Jugendchor der „Lutherana Karlsruhe“ und den Knaben- und Mädchenchor der „Cantus Juvenum Karlsruhe“ (Einstudierung: Dorothea Lehmann-Horsch und Stefan Neubert) sowie als Statisten Karlsruher Jugendliche in die flotte Inszenierung ein. Auf der Bühne standen 14 Stahl-Container, die auf einer Seite mit einem Gitter versehen waren, wodurch auch das drohende Gefängnis assoziiert wurde, und die von den Jugendlichen je nach szenischen Erfordernissen arrangiert wurden (Bühnengestaltung: Fred Pommerehn). Die bunten Kostüme (Entwürfe: Gabriele Kortmann) waren der heutigen Zeit angepasst, nur die Solisten waren ganz in Weiß gekleidet, wodurch sie stets aus der großen Menge an Jugendlichen herausstachen. Für kreative Lichteffekte sorgte Joachim Grüssinger.

 Aus dem sechsköpfigen Ensemble, das zur Hälfte Mitglieder des Opernstudios waren, stach die Sopranistin Jennifer Riedel als Gast heraus, die in der Rolle der Makaria stimmlich auch die höchsten Töne sicher meisterte und darstellerisch durch ihr sonniges Wesen beeindruckte. Dass gerade sie am Schluss den Tod fand, erschütterte das junge Publikum besonders, wie an den Reaktionen zu bemerken war. Ihre beiden Geschwister Farid und Abiah wurden vom australischen Bariton Andrew Finden und von der türkischen Sopranistin Dilara Baştar gut dargestellt. Iolaos’ Sohn Manol, der sich in Makaria verliebt und sie durch den Judaskuss unabsichtlich verrät, spielte der junge Tenor Max Friedrich Schäffer recht eindrucksvoll. Mit finsterer Bassstimme überzeugte Florian Kontschak als Geheimdienstchef Kopreus, während der Bariton Armin Kolarczyk in der Rolle des Iolaos zwar ausdrucksstark agierte, aber stimmlich etwas blass blieb.

 Die Badische Staatskapelle, die mit forschem Tempo die teils rhythmische, teils melodische Partitur von Ludger Vollmer nuancenreich wiedergab, wurde vom australischen Dirigenten Steven Moore geleitet. Zur Musik ein Zitat aus dem Interview mit dem Komponisten, das im gut illustrierten Programmheft abgedruckt wurde: „Ich verwende Tonleitern, Tetrachorde (Viertonreihen), die bestimmte Stimmungen transportieren. Jeder Protagonist hat sein Psychogramm: seinen Charakter, sein ‚Ethos‘, entweder heftig, wütend, sanft oder auch erotisch. Jedem Psychogramm wird eine Tonleiter aus zwei Mal vier Tönen zugeordnet, die dessen Stimmung transportiert. Jeder Protagonist lebt somit in einer eigenen Stimmung und singt, vereinfacht gesagt, in Tonleitern seine Melodik.“

 Die Mitwirkenden der schließlich tragisch endenden Oper wurden vom jugendlichen Publikum – es befanden sich fast nur Schulklassen im Staatstheater – am Schluss mit frenetischem Beifall und, wie es heutzutage bei Jugendlichen üblich ist, mit Jubelgeschrei bedacht. Noch ein Wort zu den jungen Besuchern der Vorstellung, die in den zwei Reihen vor mir saßen und fast ununterbrochen schwätzten und kicherten. Meine Bitte um Ruhe blieb ungehört, dafür erntete ich böse Blicke und dumme Bemerkungen. Bei solchen Vorstellungen müssten die Lehrerinnen und Lehrer ihre Schülerinnen und Schüler vorher über den Inhalt informieren und ihnen auch Verhaltensregeln für das Theater mitgeben. Ich habe viele Opernvorstellungen mit überwiegend jugendlichem Publikum in München, Dresden, Wien und Bratislava gesehen, aber noch nie ein so schlechtes und die Vorstellung störendes Benehmen erlebt.

 Udo Pacolt, Wien

 PS: Die Jugendoper, die etwa 1 3/4 Stunden ohne Pause dauert, wird in Karlsruhe noch am 2. und 18. Juli 2013 gespielt.

 

 

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