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KARLSRUHE/ Badisches Staatstheater: GÖTTERDÄMMERUNG. Premiere der Tobias Kratzer-Inszenierung

16.10.2017 | Oper

Karlsruhe: GÖTTERDÄMMERUNG 15.10.2017  Premiere

Dilara Baştar (2. Norn / Wellgunde), Agnieszka Tomaszewska (Woglinde), Heidi Melton (Brünnhilde), Katharine Tier (1. Norn / Waltraute / Flosshilde)
Dilara Bastar,Agnieszka Tomaszewska,Heidi Melton, Katharine Thier. (c): Matthias Baus

Eine gute Idee auch  für die Verklammerung der vier Ringteile hat  der Götterdämmerungs-Regisseur Tobias Kratzer. Zu Beginn läßt er vor einem roten Vorhang mit „The End“- Aufschrift die drei Nornen als männliche Regisseure auf ihren Regiestühlen ‚Rheingold‘, ‚Walküre‘ und ‚Siegfried‘ sitzen. Aus großen Regiebüchern kramen sie die Vorgeschichten zusammen und singen sie dann als Nornenprolog, indem sie sich auch nach und nach ihrer männlichen Gewandung und Haartracht entledigen. Als Regisseure sind sie aber auch weiterhin permanent in der Handlung präsent, die 1.Norn der Katharine Thier wird zur Waltraute, später  stellen sie die 3 Rheintöchter dar. Brünnhildes Felsen ist ein aseptisches Schlafzimmer ganz in weiß. Den dunklen Gegensatz dazu bietet die Gibichungenhalle, die die gesamte leere Bühne einnimmt, nur hinten durch Spiegelglas begrenzt, das Dirigent

und Zuschauerraum spiegelt (Ausstattung: Rainer Sellmaier). Die Kostüme sind eher dürftig, Unterwäsche für Siegfried, das Geschwisterpaar in gammeligen Hausklamotten, nur Hagen in feschem schwarzen Anzug, dessen er aber auch von Vater Alberich, der selbst in ’sagenhafter‘ Weißwäsche auftaucht, entledigt wird. Fahrt nimmt die Regie bei Waltrautes Besuch im Schlafzimmer auf, wenn  sich die beiden Walküren erst bei einem Käffchen unterhalten, sich dann spinnefeind werden und sich gegenseitig jagen und das feine Mobiliar umwerfen. Bei der Brünnhilde-Entführung sind Gunther und Siegfried mit runtergeklapptem Fechtvisier gemeinsam zur Stelle und teilen sich quasi gesanglich Siegfrieds ‚Bariton‘-Partie auf, was Verwirrung stiftet. Die aggressiven Mannen in Straßenanzügen werden gut in Gruppen choreographiert, bis Brünnhilde in einem Pick-up herangefahren und von Gunther wie ein Stück Vieh angeseilt wird. Anstatt Speer und Schwert gibt es zu den Speereiden Kameras für Siegfried und Brünnhilde zum Live-Filmen! Das Pferd Grane wird auch auf die Bühne geführt, und nach Siegfrieds Tod noch einmal tot  als „getöteter Eber“ hereingetragen. Bei Brünnhildes Schlußgesang bemächtigt sich letztere der Regiebücher der Nornen-Regisseure und verbrennt Seiten daraus. Dann wird aber der „Ende“-Vorhang wieder hochgezogen, die herumliegenden Toten stehen auf als Symbol für die Wiederholbarkeit der Geschichte, Siegfried und Brünnhilde sind wiedervereint. Die RegisseurInnen waren bei der Gibichungen-Hochzeit als Putzpersonal tätig, übernahmen kurzerhand den Part des Damenchors und lassen es sich nun mit dem Ring vergüten.

Die Badische Staatkapelle findet fast durchgehend zu einem adäquaten Götterdämmerungs-Sound und wirkt in allen seinen Teilen sehr gut besetzt. Die erhöhten Harfen machen einen guten Effekt. Justin Brown arbeitet hochkonzentriert die wichtigen Motive heraus, die er gegen Ende zu immer größeren Klangballungen aufmischt. aber auch die mystisch vernebelte Nornenszene, der spannend austarierte Waltrautenritt sowie die fahlen Alberich Momente erscheinen bestens getimet. Die Blechbläser und auch die Hörner zeigen sich in großer Form.

Bei den Sängerinnen muß in erster Linie Katherine Thier hervorgehoben werden, die die Floßhilde, die 1.Norn und die Waltraute übernommen hat. Ihr berückend timbrierter voluminöser Mezzosopran ist ein wahrer Klanggenuß, den sie in der Erzählung vom Fällen der Weltesche, als Floßhilde in der Todesweisagung für Siegfried ganz fabelhaft darbietet. Er erreicht noch  eine Steigerung, wenn sie als Waltraute die Dystopie der Götter, Walküren und gefallenen Helden in Walhall beschreibt. Da stockt einem der Atem,da  sie auch unwillkürlich an die junge Waltraud Meier in dieser Rolle erinnert.

Auch Katharine Thiers Nornen- und Rheintöchter-Partnerinnen Dilara Bastar, Ann de Ridder und Agnieszka Tomaszewska machen im Team ihre Sache sehr gut. Ein gutes Porträt der Gutrune stellt Christina Niessen mit ausdruckstarkem Sopran. Jaco Venter singt bei seinem Kurzauftritt einen vehement intensiven Alberich. Einen großen ausgereiften Bariton führt Armin Kolarcyk als Gunther ins klaustrophobischeTreffen ein. Einen schlanken wie geadelt wirkendenden  Bass bietet Konstantin Gorny und ist ein sehr spielfreudiger, manchmal fast dämonischer Hagen. Daniel Frank hat sich seinen Naturburschen als Siegfried bewahrt  und singt mit lyrischen Tenor den späten Siegfried, aber alle Noten sitzen herrlich. Heidi Melton hat dagegen ein sehr großes und mächtiges Organ, das  aber manchmal etwas stumpf wirkt und die Spitzentöne oft zu brachial herausschleudert. Trotzdem ist das eine Ausnahmestimme und für die Brünnhilde angemessen.

Friedeon Rosén

 

 

 

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