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KARLSRUHE/ Badisches Staatstheater: FANTASIO von Jaques Offenbach

27.12.2014 | Allgemein, Operette/Musical

Staatstheater Karlsruhe: „Fantasio“ von Jacques Offenbach im Badischen Staatstheater Karlsruhe
GRÜNDUNG EINER NARRENREPUBLIK (27.12.2014)

Gelungene Inszenierung von Offenbachs „Fantasio“ im Badischen Staatstheater/KARLSRUHE

Unbenannt
 Foto: Falk von Traubenberg

Es ist verwunderlich, dass kein Geringerer als Georges Bizet Jacques Offenbachs Opera comique „Fantasio“ hasste und deren Verfasser ein „Schwein“ und „Vieh“ nannte. Das ganze Werk bezeichnete er gar als einen „Scheißdreck“ („ordure“). Diese wüsten Ausfälle eines vielleicht Neidischen sind umso betrüblicher, als es sich bei dieser Partitur um einen echten Offenbach handelt, dessen musikalische Einfallskraft überall wie ein herrlicher Blumenstrauß hervorblitzt. Bernd Mottl hat das Stück als satirische Parabel auf die bayerische Seele inszeniert. Die Handlung spielt nicht umsonst in einem Fantasiebayern zu einer Fantasiezeit.

Zwischen München und dem italienischen Mantua kriselt es gewaltig, denn der Freistaat steht vor dem Bankrott. Man sieht Fachwerkhäuser, die zwischen Kirchtürmen reihenweise zum Verlauf angeboten werden („Sale“). Die Italiener planen tatsächlich die feindliche Übernahme. Deswegen versucht der wie König Ludwig II. auftretende König von Bayern (voluminös: Luiz Molz) insofern Frieden zu stiften, als er seine Tochter Theres (mit einem kunstfertigen Koloraturenwerk begeisternd: Jennifer Riedel) mit dem Prinzen von Mantua (wandlungsfähig: Armin Kolarczyk) verheiraten will. Und die Münchner, die nichts von dem spektakulären Staatsbankrott ahnen, freuen sich nun auf die Hochzeit und jubeln dem König zu, der vom goldenen Mini-Schloss aus sein Volk begrüßt. Das königstreue Volk lässt laut Mottl sogar an das englische Königshaus oder bürgerliche Auswüchse wie
Obama, Merkel oder Putin denken. Die blinde Gefolgschaft wird hier gnadenlos auf die Spitze getrieben. Eine Gruppe Studenten ärgert sich sehr über die Schafgeduld der Bürger: „Und der Spießer liegt ganz still, weil er endlich schlafen will.“ Der König macht sich seine Untertanen mit Bier gefügig.

Der von Stefanie Schaefer mit wunderbarer Emphase verkörperte Student Fantasio erscheint: Er ist auf der Flucht vor seinen Gläubigern, die ihm zusetzen. Bei der „Ballade an den Mond“ blüht er richtig auf. Jennifer Riedel macht mit aller Inbrunst deutlich, wie sehr sie Angst vor der Zwangsheirat mit einem unbekannten Mann hat. Der italienische Prinz hat den frechen Einfall, mit seinem Adjutanten Marinoni (facettenreich: Matthias Wohlbrecht) zunächst einmal die Kleider zu tauschen, um die künftige Braut von einem „falschen Prinzen“ begutachten zu lassen. Im zweiten Akt sieht man dann auf Stofftüchern die Fassaden des Schlosses, das durch Windstöße immer wieder „gelüftet“ wird und die Sicht auf ein gewaltiges Bergmassiv freigibt. Ein hübscher Einfall (Bühne: Friedrich Eggert; Kostüme: Alfred Mayerhofer). Der stolze Vater und König stellt dem künftigen Schwiegersohn seine Tochter vor – und niemand ahnt, dass es gar nicht der richtige Prinz, sondern nur der Adjutant ist.

Bernd Mottl legt bei seiner Inszenierung auf satirische Übertreibungen großen Wert, dramaturgisch gibt es eigentlich kaum Schwachstellen. Die Prinzessin wird von Fantasio schließlich kunstfertig dazu überredet, Widerstand gegen die Zwangsheirat zu leisten und verspricht ihr, den seltsamen Prinzen in die Flucht zu schlagen. Fantasio entblößt den falschen Prinzen, indem er ihm unter dem Gespött der Leute einfach die Hose auszieht. Der Hof fordert Strafe für den Narren, die Italiener wollen sogar Blut sehen. Fantasio landet deswegen im Gefängnis. Das komödiantische Element steigert sich in Bernd Mottls durchaus vergnüglicher Inszenierung immer mehr. Als sich Theres hereinschleicht, gesteht ihr Fantasio seine Liebe. Vor dem Schloss ist halb Bayern in Kisten zum Ausverkauf nach Mantua verpackt. Die Studenten wiegeln das Volk auf, indem sie Fantasios Freilassung fordern. Die Münchner sind in ihrem Trachten-Einsatz dabei und tragen alle Schilder mit der Aufschrift: „Nein!“ Der Volkszorn brodelt sehr bedrohlich. Das bannt Mottl sehr einfallsreich und lebendig auf die Bretter, die hier tatsächlich die Welt bedeuten. Fantasio überzeugt aber das Volk, dass Krieg nicht das richtige Mittel ist, schafft so Frieden und wird zum Dank ins Kabinett aufgenommen. Denn für das Volk ist er der Narrenkönig.

Trotz mancher Horn-Wackler und rhythmischer Verschiebungen sowie Rubato-Verzögerungen ist es ganz erstaunlich, was der Dirigent Andreas Schüller aus der Badischen Staatskapelle hervorzaubert. Auch der von Ulrich Wagner sorgfältig einstudierte Badische Staatsopernchor kann das Publikum aufgrund der Intonationsreinheit seiner Einsätze für sich gewinnen. Die musikalischen Anspielungen werden sehr präzis herausgearbeitet. Parodie und Romantik kennzeichnen den „Narren in Ketten“: „Für den Staat ist es doch das Beste, lieber Hochzeit als wieder Krieg.“ Man erkennt plötzlich Mendelssohns „Sommernachtstraum“, hört überrascht den Bayerischen Defiliermarsch, vernimmt das Glockenlied der Rheinnixen und Klänge aus Giuseppe Verdis Opern „Rigoletto“ (Motiv des buckligen Narren, Verschwörer-Chor) und „Don Carlo“ (Motiv des Liebesverzichts aus Staatsräson, Kerkerbild mit Schicksalsakkorden).
Ausgesprochen feinnervig ertönt außerdem Richard Wagners „Lied an den Abendstern“ aus der Oper „Tannhäuser“ bei der Romanze von Theres. Man muss nämlich wissen, dass Offenbach Wagners Musik bewunderte. Der Studentenchor mit Hörnerbegleitung erinnert bei der Opera comique „Fantasio“ an Carl Maria von Webers „Freischütz“. Selbst reizvolle Reminiszenzen an die Belcanto-Opern von Bellini und Donizetti („Beatrice di Tenda“ und „Maria Stuarda“)  sind ebenfalls
auszumachen. Im Finale tauchen Bolero-Rhythmen auf. An Giacomo Meyerbeer erinnern die großen Volks- und Revolutionsszenen. Zu Fantasios Worten „Bringt euch doch um, denn uns geht das alles nichts an“ erklingt ein militaristisches
Motiv, das Bizet später sogar in seiner Oper „Carmen“ verwendete. Das Motiv von Antonias Mutter aus Offenbachs Erfolgsoper „Hoffmanns Erzählungen“ ist geheimnisvoll in der Ouvertüre herauszuhören. Dennis Sörös, Max Friedrich Schäffer, Nando Zickgraf und Daniel Pastewski stellen die Studenten Spark, Facio, Max und Hartmann in modernen Kostümen mit „Nasa“ – und „Che Guevara“-Aufschrift sehr burschikos und ungestüm dar. Alexander Huck mimt einen unauffälligen Passanten, während Thomas Rebilas dem Leichenträger beim Erscheinen des Chors der Säufer stoische Würde verleiht: Der Hofnarr Saint-Jean wird ziemlich unsanft zu Grabe getragen. Katharine Tier als Hofdame Flamel und Peter Pichler als Haushofmeister Rütten fügten sich gut in die Ensembleleistung ein.

Insgesamt ist es also eine wertvolle Produktion, die großen Appetit auf weitere Werke Jacques Offenbachs macht. Lang anhaltender Schlussbeifall und „Bravos“.      
 
Alexander Walther     
  

 

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