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KARLSRUHE: ANNA BOLENA – Wiederaufnahme

Belcanto-Glanz in symbolischem Gefängnis

08.10.2018 | Oper


Würdige Königin:  Shelley Jackson als Anna Bolena (mit Damenchor). Copyright: Falk von Traubenberg

Karlsruhe

„ANNA BOLENA“  7.10.2018 (WA) – Belcanto-Glanz in symbolischem Gefängnis

 

Im Juni dieses Jahres hatte die Inszenierung von Irina Brown Premiere, jetzt wurde sie mit neuem Damen-Personal wieder aufgenommen. Die in St.Petersburg geborene und seit 30 Jahren in Großbritannien arbeitende Regisseurin gab damit ihr Debut an einer deutschen Bühne. Sie tat genau das, was ein historisch verankertes Sujet für eine glaubwürdige Umsetzung benötigt: Kostüme (Moritz Junge) der entsprechenden Zeit in einem mit den heutigen Möglichkeiten spielenden symbolisch stilisierten Bühnenraum (Dick Bird), die Wertlegung auf eine konzentrierte, den musikalischen und vor allem vokalen Bedürfnissen Rechnung tragende Personenregie. So können sich die Konflikte des Königsdramas ganz ohne ablenkenden Aktionismus in aller Stringenz entfalten.

Die variabel verschiebbaren Wandsegmente, zu denen auch an einer riesigen Lanze aufgehängte Säulenornamente gehören, gemahnen in ihrer Schwere und Farbe an Teile einer Rüstung und sind, mal geweitet zu einer Galerie, mal geöffnet für einen Laufsteg für die königlichen Auftritte, Zeichen des Gefängnisses und der Macht, woraus sich Anna Bolena nicht befreien kann. Für die verhängnisvolle Begegnungen und diversen Aussprachen des Handlungsverkaufs bedarf es keiner Requisiten, lediglich eine lange schmale, mit Kerzenleuchtern flankierte Tafel füllt in einigen Szenen die Mitte des Geschehens. Zu einem Höhepunkt gerät das musikalisch fortschrittlichste und bezwingende Aufeinandertreffen von Anna und ihrer ersten Hofdame Jane Seymour. Spürbare Erregung beider Damen, wechselnde Blicke und Positionen sorgen für jene Spannung, die sich in der beständigen Steigerung der Singstimmen niederschlägt. Hier sind zwei Künstlerinnen gefragt, die sich in technischer und ausdrucksmäßiger Präsenz auf Augenhöhe begegnen. Shelley Jackson und Jennifer Feinstein schaffen es beider aufgewühlte Situation und Erregung verständlich zu machen, hin und hergerissen zu sein, ehe sich nach dem Geständnis Janes und der Verzeihung Annas beider Stimmen in Harmonie, gekrönt von einem sicher gehaltenen Spitzenton vereinen. Ein Paradebeispiel für die kompositorische Entwicklung Donizettis, seiner Befreiung aus festgelegten Nummernschemen hin zu einer organischen Verbindung von rezitativischen und ariosen Abschnitten, die er dann in „Maria Stuarda“ weiter verfeinert hat.

Doch zurück zu den beiden amerikanischen Solistinnen dieser Aufführung. Shelley Jacksons klarer, leicht dunkel getönter Sopran erweist sich trotz üppigen Stimmvolumens mit natürlich eingebundenen Tiefen als jederzeit flexibel für das Spinnen feiner lyrischer und mit Koloratur durchsetzter Phasen. Die Fiorituren wirken nie exaltiert und erhöhen unter Nutzung der eigenen Möglichkeiten noch den Reiz der musikalischen Ausgestaltung. In Verbindung mit ihrer großen schlanken und attraktiven Gestalt rundet sich Portrait in entsprechenden Roben zu königlicher Würde.

Der etwas rustikalere, dabei aber dynamischen Nuancen fähige Mezzosopran von Jennnifer Feinstein gibt der zunehmend nervöseren und aufgekratzten Jane impulsiven Ausdruck. Nach anfänglichen Härten in der Tongebung und in der Gesangslinie rundete sich ihr Einsatz zu immer druckfreierer Ansprache. Hinsichtlich stimmlicher Schönheit und füllig warmem Klang wurden die beiden Protagonistinnen von Alexandra Kadurina als unglücklich in die Königin verliebter und zu ihrer Verurteilung mit beitragender Page Smeton noch übertroffen – ein bemerkenswert ausgeglichener Mezzosopran von edlem Timbre und mit lebhafter Rollenzeichnung.

Nicolas Brownlee empfahl sich bereits mit seinem Paolo in „Simone Boccanegra“ als idealer Bösewicht und gab hier dem macht- und frauengeilen Heinrich VIII, unterstrichen durch seine historisch authentische Gewandung und Maske, unmissverständliches despotisches Profil. Mit leicht herbem, sonorem und technisch den Belcanto-Anforderungen gerecht werdendem Bass schuf  er eine schwankende Faszination zwischen verlockender Autorität und brutaler Härte.

Eleazar Rodriguez erweckte als letztlich chancenloser Lord Percy in seinen mit Herzblut und Seele geäußerten Empfindungen und Verteidigungsversuchen viel Mitleid und zeigte sich der in den Arien teilweise unangenehm hoch notierten Partie, in offensichtlich guter Verfassung, voll gewachsen.

Andrew Finden als Annas Bruder Rochefort und Klaus Schneider als eiskalter Königsbeamter Sir Hervey hatten durch die aufrichtige Regiehand gute Kontur ohne sich gesanglich auffallender präsentieren zu können. Der Badische  Staatsopernchor wurde von Irina Brown, teilweise mit Masken vor den Augen, als mitgefangenes Hofpersonal in Szene gesetzt und die Möglichkeit gegeben, ihre sensibel intonierten Gesänge und Beiträge ohne störendes Drumherum wirken zu lassen. (Einstudierung: Ulrich Wagner).

Daniele Squeo konnte nach Bellinis „Capuleti e i Montecchi“ und Donizettis „L’Elisir d’amore“ als Erster Kapellmeister des Hauses sein Wissen um und Gespür für den Stil des Belcanto ein weiteres Mal beweisen. Mit viel Sinn fürs Detail der noch in der Tradition der melodie lunghe Bellinis stehenden, gut 3stündigen Oper (lediglich auf die Wiederholung einiger Cabaletten wurde verzichtet) und der Fähigkeit, den sängerischen Intentionen in die Hände zu spielen ohne das Orchester zu vernachlässigen, führte er die Badische Staatskapelle. Diese präsentierte sich durchweg wohlgeformt, in sauberer Intonation (Hörner) und ohne den Anflug einer Routine-Begleitung.

Gerecht verteilte Ovationen bestimmten den langen Schlußapplaus.

Udo Klebes

 

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