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Karl Löbl: ICH WAR KEIN WUNDER – HERBERT VON KARAJAN

05.04.2014 | buch

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Karl Löbl: 
ICH WAR KEIN WUNDER
HERBERT VON KARAJAN –
LEGENDE UND WIRKLICHKEIT
168 Seiten, Seifert Verlag, 2014 

Vermutlich gibt es immer noch Musikfreunde, die am 5. April (laut Löbl am 6. April, nach Richard Osborne „kurz vor Mitternacht“ am 5. April, ein Sonntagskind) den „Geburtstag des Chefs“ feiern. Heuer, 2014, wäre es der 106. Gestorben ist er vor einem Vierteljahrhundert, am 16. Juli 1989 in seinem Haus in Anif bei Salzburg. Die Rede ist natürlich von Herbert von Karajan.

Unvergessen ist er noch immer, teils, weil er selbst dafür gesorgt hat. In den Herzen jener, die ihm verfallen waren, hat er sich mit Unverwechselbarkeit eingebrannt, für sie hat es nimmer seinesgleichen gegeben. Andere betrachteten ihn als Phänomen, der seiner Zeit weit voraus war, und er hat wahrlich nicht nur Sympathie hervorgerufen.

Karl Löbl, der vor kurzem verstorben ist, hat als letzte Arbeit seines Lebens „sein“ Karajan-Buch noch einmal geschrieben. 1978 war – manche haben das Heyne-Taschenbuch noch in ihrem Besitz – Löbls „Das Wunder Karajan“ als „die aktuelle Biographie zum 70. Geburtstag“ erschienen. Er konnte sich nun für sein Buch zum 25. Todestag weitgehend auch bei sich selbst bedienen, obwohl er auch versucht hat, ein paar neue Aspekte zu finden: Über einen Toten schreibt es sich allemale leichter als über einen Lebenden.

Löbl war der Journalist, den Karajan sich erwählte, als er seinen Rücktritt aus der Wiener Staatsoper publik machen wollte. Seither hatte er in Löbl, der in vielen Funktionen Karriere machte und am Ende auch für Fernsehinterviews nützlich war, einen treuen Adlatus, der auch immer wieder mit Informationen aus erster Hand versorgt wurde. Sehr viel Originalton Karajan steht also zur Verfügung,  wenn auch natürlich klar ist, dass der nie naive „Chef“ damit die Dinge so darstellte, wie er sie in der Öffentlichkeit gesehen haben wollte.

Löbl konterkariert gelegentlich mit einer kleinen, nicht ganz so positiven Meinung anderer. Aber im großen und ganzen ist er dem „Wunder Karajan“ auch treu geblieben, wenngleich er gewissermaßen demütig zugeben wollte, dass er den Begriff überstrapaziert hat, den einst der „Musikberichterstatter“ (bei den Nazis durfte es bekanntlich den Begriff „Kritik“ nicht geben, da ohnedies nur Arier auf den Bühnen standen und als solche über jeder Kritik standen) Edwin van der Nüll 1938 für den gerade 30jährigen Karajan in Berlin fand. Angeblich war Karajan (obwohl wahrlich nicht bescheiden) dies gar nicht recht. Sein Protest „Ich war kein Wunder!“ ist nun zum Titel des derzeitigen Löbl/Karajan-Buches geworden.

Erzählt wird die Geschichte einer Karriere von der Wiege bis zur Bahre, der Aufstieg eines Mannes, der sich nicht unterordnen konnte und wollte und folglich alles tat, um die absolute Selbständigkeit und Entscheidungsfreiheit  zu erlangen, was ihm bei den Salzburger Osterfestspielen gelang. Sonst ist sein Weg, so unglaublich erfolgreich er war, so geschickt kalkuliert und vernetzt, immer wieder ein Zusammenprall mit Institutionen, von denen er sich nichts sagen lassen wollte, ob Politiker, ob Operndirektoren, ob Orchesterchefs.

Ob Karajan Nazi war, kommt noch einmal vor – Parteimitglied sicher, nach dem opportunistischen Motto: Alles für die Karriere. Sonst hatte er immer nur Karajan im Kopf. Und die Geschicklichkeit, mit der er agierte, die Unermüdlichkeit, mit der er arbeitete – das bringt Löbl hier sehr gut auf den Punkt.

Es ist ein schmales Buch, mehr Fakten als Analyse, und das macht es so sympathisch, wenn man denkt, was über den Fall Karajan schon an heißer Luft (und Tausende Buchseiten, am Thema vorbei) produziert wurde. Hier bekommt man den Künstler und auch den Menschen, der sich nicht immer wohl in seiner (vielfach kranken) Haut fühlte, nahe gebracht. Was er jedem einzelnen Musikfreund  bedeutet hat, entzieht sich ohnedies einem definitiven Urteil. Seine Leistung als Mann, der dem Medienzeitalter immer um eine Nasenspitze voraus war, aber auch als Künstler, ist in ihrer Größe nicht klein zu reden.

Renate Wagner

 

 

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