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Karl Jeitler: IN FRACK & LEDERHOSE

01.11.2012 | Allgemein, buch

Maria Jeitler: 
IN FRACK & LEDERHOSE
Karl Jeitler: Aus dem Leben eines Wiener Philharmonikers
168 Seiten, Styria Premium Verlag, 2012

Man sieht die Herren bei Konzerten in Musikverein und Konzerthaus am Podium (wenn es ein Neujahrskonzert ist, sieht sie zusätzlich die ganze Welt), sie spielen im Orchester der Wiener Staatsoper, sie sind die Wiener Philharmoniker, ein berühmtes Kollektiv. Es ist schön, sich einmal einen einzelnen „herauszupicken“ und sich zu fragen, wie so ein Musikerleben aussieht. Karl Jeitler, Posaunist der Wiener Philharmoniker, ist seit dieser Spielzeit „in Pension“.Dass er vor seinem letzten Atemzug aufhören wird, Musik zu machen, ist nicht anzunehmen.  Seine Tochter hat sein Leben aufgezeichnet.

Zumindest eines macht dieses Buch klar: Orchestermusiker zu sein, ist kein Beruf wie alle anderen, da reichen Ausbildung und Routine-Können nicht aus. Wer hier nicht die wahre Leidenschaft mitbringt, die Besessenheit für Musik, und das von frühester Kindheit an, der kann es in dieser Welt nicht schaffen. Der würde es vermutlich gar nicht aushalten, dermaßen mit Haut und Haar in seiner Profession zu stecken.

Karl Jeitler, Jahrgang 1947, geboren in dem niederösterreichischen Ort Grafenbach unweit von Neunkirchen, war als kleiner Junge schon dankbar, wenn er Unterricht bekam, und wollte gar nicht aufhören zu üben. Die Familie war musikalisch, schon der Vater mit mehreren Instrumenten und der Stimme unterwegs (wenn auch in bescheidenem Rahmen), der Onkel Musiker mit Leib und Seele bei der Militärmusik – so entschied sich auch der kleine Karl für die Blasinstrumente. Er ist 15, als er Mitglied in der Blasmusikkapelle seines Ortes wird, 22, als er an die Volksoper kommt. Berührend seine Erinnerung, dass ihn als Kind der „Jägerchor“ aus dem „Freischütz“ so tief beeindruckt hat. Als er erstmals in der Volksoper Dienst hat, wird „Martha“ gespielt (später gibt er seiner zweiten Tochter diesen Namen): Als die Ouvertüre beginnt, kann er nur denken – „Um Gottes Willen, ist das schön!“ Und diese Begeisterung für die Musik hat Jeitler, der dann zu den Symphonikern und schließlich zu den Philharmonikern wechselte und dort von 1974 bis 2012 Mitglied war, nie verloren.

Jeitler hat seiner Tochter ausführlich sein Leben erzählt, das künstlerische und das private (mit der großen Liebe zu den Bergen, mit den kleinen Details des Alltags wie Wohnungen oder Autos, wobei vor allem die Anfänge auf finanziell sehr bescheidener Basis ruhten), und schließlich möchte der Musikfreund ja auch aus erster Hand über Karajan, Solti, Kleiber oder Bernstein lesen – hier kann man es tun. („Karajan war ein Genie“ beginnt er seine Analyse dieses Dirigenten.) Zu Philharmonikern gehören die Reisen, die großen Tourneen, auch hier blickt man durchs Schlüsselloch – da weiß jeder Musiker immer noch mehr als die begleitenden Journalisten, die zu Jubelberichten abkommandiert sind. Und Jeitler erzählt auch von seinen Erfahrungen mit Räumen, vor allem Konzertsälen.

Übrigens: Wer Posaune spielt, spielt Fanfaren, etwa zum Philharmoniker-Ball. Lebenslang hat Jeitler auch bei jeder Gelegenheit irgendwelche Blasmusik-Ensembles gegründet. Dazu hat er nun, in der Pension, mehr Zeit denn je in diesem arbeitsreichen, interessanten Musikerleben.

Renate Wagner

 

 

 

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