Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

Kammermusik mit Dr. Ingobert Waltenberger

09.12.2015 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

 gran ENRIQUE GRANADOS/ JOAQUÍN TURINA – Klavierquintette – Javier Perianes wird vom Cuarteto Quiroga begleitet – harmonia mundi CD 

Manche Kammermusikafficionados werden das Klaviertrio von Granados mit Menahem Pressler und seinem Beaux Arts Trio kennen, aber das Klavierquintett? Es gibt zwar bereits einige Aufnahmen, darunter diejenige bei NAXOS mit dem LOM Piano Trio aus dem Jahr 2008, ins allgemeine Konzert-Repertoire hat dieses Werk sicher noch nicht gefunden. Dabei hätte es aufgrund seiner romantisierenden Grundtendenz und wie bei Granados üblich folkloristisch tänzerischen Elementen (im Finale) durchaus mehr Aufmerksamkeit verdient. Javier Perianes am Klavier ist der Richtige, um dem kompakt 15 minütigen, dreisätzigen Werk mit Schwung, Eleganz und abwägendem Fingerspitzengefühl auf die Sprünge zu helfen. Da „brahmselt“ es schon mal im Gebälk, was das nach dem berühmten Geiger Manuel Quiroga benannte formidable Quartett zum Wohle des Gelingens als Auftrag zu üppig raffiniertem Wohlklang und delikater Farbregie aufzufassen scheint. Alles in allem ein gelungenes Unterfangen.

Warum man sich aber dazu entschlossen hat, das meisterliche Quintett von Granados mit dem im Jahr 1907 entstandenen „Schülerstreich“ des Turina zu koppeln, kann wohl nur der nationalen Zugehörigkeit beider Komponisten, nicht aber der Qualität der Komposition zugeschrieben werden. Während Granados zur Zeit der Entstehung seines Klaviertrios und Klavierquintetts in einem Schaffensrausch und wohl auch persönlichen Höhenflug war („Ich strebe an, in meinem Land der zu werden, wie Saint-Saens und Brahms es in ihren Ländern sind.“), dürfte Turina mit seinem langen sperrigen Werk selber nicht zufrieden (er empfand es als unpersönlich) gewesen sein. Das während seines Studiums in der Schola Cantourm entstandene und mit der Opus Zahl 1 versehene über 30-minütige Werk enthält gregorianische Motive genauso wie Reminiszenzen an Vincent d’Indy oder Cesar Franck. Emotional gibt es nicht viel her und das Hören bereitet trotz der exzellenten Musiker kein echtes Vergnügen.

Die CD enthält noch einen kurzen Auszug, und zwar den Schluss aus Turinas Zyklus Las musas de Andalucia mit dem Titel „Caliope“. 

Dr.Ingobert Waltenberger

————————————————

 

tanej  SERGEI IWANOWITCH TANEJEW: Streichquintette Opp. 14&16 – Utrecht String Quartett, MDG CD zum 100. Todestag des Komponisten –

Alexander Zemtsov und Pieter Wispelway brillieren auf Viola und Violoncello

Die Musikproduktion Dabringhaus und Grimm ist zuvörderst bei Audiophilen für eine bestimmte direkte und von allem beigemengten akustischem „Mischwerk“ unbelastete Aufnahmephilosophie bekannt. Darüber hinaus erforscht sie aber auch Nischen im Repertoire, die mittels erstklassiger Interpreten in besseres Licht gerückt werden sollen.

Der Tchaikovsky Schüler Tanejew ist ja längst kein Unbekannter mehr, kürzlich wurde auf diesen Seiten auch dessen Hauptwerk, die Oper Oresteia, ausführlich besprochen. Die beim Label Melodiya endlich wieder auf CD erhältliche weißrussische Aufführung von Tanejews Oper ist sowohl in künstlerischer Hinsicht als auch klangtechnisch herausragend. Bewegend sind aber auch die Umstände seines Todes: 1915 zog sich der Pianist und Komponist auf der Beerdigung seines Schülers Alexander Skrjabin eine schwere Erkältung zu, die zu seinem Tod führen sollte.

Der Meister des Kontrapunkts und der Vokalpolyphonie, der die Werke Palestrinas, Bachs, Händels und Mozarts aus dem Effeff kannte, war ein produktiver Geist, besonders was die Kammermusik anlangt. Neben 9 Streichquartetten, 4 Streichtrios, einem Klaviertrio, einem Klavierquartett und einem Klavierquintett hat er auch die beiden der vorliegenden Neuaufnahme zugrunde liegenden umfangreichen Streichquintette in G-Dur op. 14 für 2 Violinen, Viola und 2 Violoncelli (1901) und in C-Dur op. 16 für 2 Violinen, 2 Violen und Violoncello (1903/04) geschrieben.

 

Das entdeckungsfreudige Utrecht String Quartet trägt mit seiner herausragenden Spielfreude und ausdrucksintensivem Elan zu der einsetzenden Rehabilitation bei: Zum 100. Todestag legen die Niederländer zusammen mit Pieter Wispelwey und Alexander Zemtsov, die beiden Streichquintette Tanejews in einer CD vor. Aus dem Geiste der Polyphonie wollte Tanejew die russische Musik erneuern, ein Versuch, der auch in den beiden Streichquintetten und den sie beschließenden komplexen Fugen nachhörbar wird.

Die kompositorische Raffinesse treibt Tanejew im Quintett Op. 14 auf die Spitze: Ein abwechslungsreicher Variationssatz von ausladender Dimension beschließt das Opus, mit einer fulminanten Tripelfuge als Höhepunkt, bevor das Stück mit rätselhaften Reminiszenzen an die russische Legendenwelt abschließt, was in seiner dunklen Erdigkeit an Schuberts Vorbild erinnert.

Das nur wenige Jahre später entstandene Opus 16 hingegen kommt mit doppelt besetzten Bratschen deutlich heller daher. Die lang währende C-Dur-Sicherheit verschwindet am Ende in einem wilden C-Moll-Prestissimo. Die vielbesungene Zerrissenheit der „russischen Seele“ wird hier auf musikalische Weise zum Ereignis.

Eine expressive hochinteressante Aufnahme, die gemeinsam mit der direkten Mikrophon-Technik für ein aufregendes Hörerlebnis sorgt.

Dr. Ingobert Waltenberger

 ————————————-

  

wien  JÓZEF WIENIAWSKI – Musik für Violine und Klavier – Liv und Marian Migdal – NAXOS CD – Ein leidenschaftliches, klanglich faszinierendes Plädoyer für den im Schatten seines Bruders Henryk stehenden polnischen Pianisten und Komponisten

Beide Brüder waren Wunderkinder, der eine auf der Violine und der andere auf dem Klavier, beide haben in Lublin und Paris studiert, beide haben neben virtuoser Reputation ein beachtliches kompositorisches Werk hinterlassen. Nachdem Józef einige Jahre als Begleiter seines Bruders aufgetreten war, entschloss er sich zu einer eigenen Karriere als Klavierspieler. Während Henryk schon früh mit nur 44 Jahre in Moskau starb, unterrichtete Józef 34 Jahre in Brüssel am Konservatorium.

Die Violinsonate in d-moll, Op. 24, aus dem Jahr 1866 bildet das Zentrum der CD. Was für ein wundersames romantisch-elegant grundiertes Sehnsuchtswerk, wo beide Instrumenten sich verspielt-keck die Bälle zuspielen. Leichtigkeit und expressive Spielfreude vermitteln auch das Duo Liv Migdal (Violine) und Marian Migdal (Klavier). Für Marian Migdal sollte es die letzte Aufnahme werden. Der zuletzt in Hamburg als Professor tätige polnische Pianist ist im Frühjahr in Bochum verstorben. Um so mehr berühren die Lebensfreude, Passion und schier unbändige kämpferische Energie, die beide Interpreten nicht nur der herrlichen Sonate, sondern auch den beiden anderen auf der CD präsentierten Werke einhauchen: Einem Allegro in g-moll und einem Grand Duo polonais in g-dur, deren Urheberschaft auf beide Wieniawski-Brüder zurückgeht.

Die CD bietet ein wunderbares Exempel dafür, welch grandiose Musik polnische Künstler und Virtuosen im 19. Jahrhundert abseits von Chopin geschaffen haben. Kompositorisch steht zwar die Violine im Vordergrund, doch ist der Klavierpart stets originell und umschmeichelt oft auf sehr intime Art und Weise die Höhenflüge des Streichinstruments. Stupend ist auch die technische Virtuosität (Grand Duo), mit der sich Liv und Marian Migdal jedoch nicht begnügen, sondern jede noch so vertrackte spielerische Herausforderung in tief empfundenen Ausdruck und in ein lichtes Plädoyer des Lebens wandeln. Großartig. Welch schönes künstlerisches Vermächtnis. Ein echter Geheimtipp!

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

Diese Seite drucken