Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

KAISERSLAUTERN: FRIEDENSTAG von Richard Strauss

28.09.2014 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

Pfalztheater Kaiserslautern: FRIEDENSTAG am 27.9. 2014

 Friedenstag 05
Maria Lobanova. Foto-Copyright: Jörg Heieck

Vor knapp zwei Wochen besuchte der Rezensent eine Aufführung von Walter Braunfels‘ „Ulenspiegel“ in Linz, dessen Credo im Aufruf gipfelt, sich stets gegen Unterdrücker mit allen – nicht nur friedlichen – Mitteln zur Wehr zu setzen. Die Oper spielt in der Zeit der spanischen Inquisition im Flandern des 16. Jhd. Richard Strauss`Oper „Friedenstag“, op. 81, spielt nun 80 Jahre später, genau am 24. Oktober 1648, dem letzten Tag des 30jährigen Krieges in der Zitadelle einer belagerten Stadt.

 Nach dem Tod seines Textdichters Hugo von Hofmannsthal 1929, fand Richard Strauss in Stefan Zweig einen geeigneten Librettisten für seine komische Oper „Die schweigsame Frau“, die 1935 an der Semperoper in Dresden uraufgeführt wurde. Da die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 die Macht in Deutschland übernommen hatten, war aber eine weitere Zusammenarbeit zwischen dem jüdischen Textdichter Stefan Zweig, der sich noch rechtzeitig nach London retten konnte, und dem Komponisten Strauss nicht mehr möglich.

 Stefan Zweig entwarf jedoch noch ein Szenario für „Friedenstag“ unter dem Titel „1648“, welches über seinen Vorschlag vom Theaterwissenschaftler Joseph Gregor (1888–1960) ausgearbeitet wurde, der dem Komponisten später noch die Textvorlagen zu dessen Opern „Daphne“ (1938) und „Die Liebe der Danae“ (1952) liefern sollte. Die Idee zu der Oper geht auf das Drama „Die Kapitulation von Breda“ von Pedro Calderón de la Barca zurück und Richard Strauss kannte vermutlich auch das Gemälde „Die Übergabe von Breda“ (Las lanzas, um 1635) von Diego Rodríguez de Silva y Velázquez (1599-1660).

Friedenstag 06
Copyright: Jörg Heieck

 Zum Inhalt: Der Kommandant einer von den Schweden belagerten Stadt, weigert sich diese zu übergeben. Viel mehr noch, er möchte die Stadt mit allen Bewohnern in die Luft sprengen, hat er doch dem Kaiser geschworen, Stadt und Festung um jeden Preis zu halten. Da verkünden Glocken den Friedensschluss von Münster und die gegnerischen Truppen nähern sich mit weißen Fahnen der Festung. Der Kommandant glaubt jedoch an eine Kriegslist und will weiter kämpfen. Da tritt ihm jedoch seine Gattin Maria entgegen. Überwältigt wirft er seine Waffen weg und umarmt den Anführer der gegnerischen Truppen unter dem Jubel des Volkes. Die ehemaligen Feinde stimmen nun gemeinsam eine Hymne an den Frieden an.

 Die Oper wurde bei ihrer Uraufführung am 24. Juli 1938 in München begeistert aufgenommen und bis zur Schließung der Theater im Krieg noch von rund 20 Bühnen aufgeführt. , war es bei Kriegsausbruch um diese Oper wegen ihrer pazifistischen Utopie natürlich geschehen. Nach dem zweiten Weltkrieg sind nur mehr vereinzelte Aufführungen zu verzeichnen und dabei sollte diese Oper gerade in der heutigen Zeit, wo der Weltfriede einer globalen Bedrohung durch extremistische Gruppen wie Boko Haram, Al-Quaida und IS, ausgesetzt ist, auf möglichst vielen Bühnen gezeigt werden.

Musikalisch betrachtet ähnelt die Oper natürlich mehr einem Oratorium und Strauss hat sich bei dem bombastischen Chorfinale in strahlendem C-Dur auch bewusst an Ludwig van Beethovens „Fidelio“ orientiert. Dazwischen gibt es einige Elektra-Zitate und wunderschöne Melodiebögen. Besonders anspruchsvoll ist die Rolle der Maria, die an Schwierigkeit einer Elektra, Salome oder Färberin um nichts nachsteht.

Als einziges deutsches Theater zeigt nun das Pfalztheater Kaiserslautern im Strauss-Jubiläumsjahr seine gröblich vernachlässigte 12. Oper „Friedenstag“ und kombiniert diese mit einer nahtlos daran anschließenden szenischen Installation zu Richard Strauss‘ Studie für 23 Streicher „Metamorphosen“.

Regisseurin Kerstin Maria Pöhler, die in Wien bereits Jacopo Peris „Euridice“ (2002) an der Kammeroper und Nigel Osbornes „The Terrible Mouth“(2004) im Semper Depot inszeniert hat, verlegte die Handlung der einaktigen Oper in die Gegenwart. Sie zeigt eine von der langen Belagerung bereits verrohte Soldateska, die einen piemontesischen Kameraden quält, ihn bepisst, Frauenkleider und eine Perücke anzieht und schließlich vergewaltigt. Die Bevölkerung dieser Stadt aber ist ausgehungert und entkräftet.

 Ausstatter Herbert Murauer hat diese Hoffnungslosigkeit des Krieges durch verschiedene Ebenen von bedrohlich wirkenden kalten Stahlgerüsten, die an der Spitze einen Ausguckturm formen, eingefangen. Die Soldaten tragen dunkle, düstere Uniformen. Das übrige Volk zu Beginn ärmliche Alltagsgewänder, im Jubelfinale dann Festtagskleider. Die Belagerer unter ihrem Anführer, dem Holsteiner, werden mit weißen Friedenstüchern winkend begrüßt. Während der Metamorphosen streifen dann etwa 60 Mitglieder des Chores diese weißen, nunmehr zu einer Armschleife, gebundenen Tücher von ihren Armen ab. Die unterschiedlichen Reaktionen in der Mimik und Gestik der einzelnen Choristen lässt naturgemäß auch den Schluss zu, dass diese Armbinden einst als Symbol einer totalitären Macht gedient haben mögen, womit der Regisseurin ein äußerst subtiler Hinweis auf das unselige NS-Regime gelungen ist.

 Karsten Mewes, den Christoph Schlingensief 2007 für die Rolle des Gurnemanz in seiner Parsifal-Inszenierung nach Bayreuth verpflichtet hatte, gab einen verbitterten harten Kommandanten der Stadt mit kraftvollem Bariton.

 Der Bürgermeister der Stadt, sein Gegenspieler, wurde von Carsten Süss, der zuletzt als solider Tassilo in der Neuinszenierung der „Gräfin Mariza“ an der Volksoper Wien gastierte, mit dem noblen Timbre eines noch jungen Tenors ausgezeichnet über die Rampe gebracht.

Wieland Satter gab den Holsteiner mit schmetterndem Bass als Politiker wieder, der zunächst vom ersten Rang in Begleitung eines Kamerateams auftritt, was man auch als zarten Hinweis dafür werten mag, dass es keiner der sonst so beflissenen Kultursender ARTE, 3-Sat oder Mezzo der Mühe wert befunden hätte, dieses herausragende Ereignis einer TV-Übertragung zu würdigen. Stattdessen pflegt man dort eher das ständige Einerlei von Rosenkavalier, Don Giovanni und anderen Opernalltagswerken ständig wiederzukäuen.

 Gesanglicher Höhepunkt des Abends war für den Rezensenten das Deutschland Debüt der litauischen Sopranistin Maria Lobanova. Sie meisterte die ungeheuren Intervallsprünge ihrer Partie schier problemlos und ging in der Rolle der treuen Gattin, die sich erst gegen ihren Mann auflehnt, als sie seinen Starrsinn erkennt, vollends auf. Brava!

 Die weiteren Rollen wurden engagiert gesungen und gespielt von Alexis Wagner/Wachtmeister, Peter Floch/Schütze, Ralph Jaarsma/Konstabel, Radoslaw Wielgus/Musketier, Bernhard Schreurs/Frontoffizier, Daniel Böhm/Prälat und Ariette Meißner/Frau aus dem Volk.

Lediglich Daniel Kim als Pietmonteser dürfte stimmlich indisponiert gewesen sein, denn bei seiner italienischen Canzone „La rosa, che un bel fiore come la gioventù“, verquollen intoniert, wollte sich keinerlei Italianità einstellen. Richard Strauss hat bekanntlich auch im Rosenkavalier und in Capriccio kurze italienische Arien eingestreut.

 Großartig war die Leistung des von Ulrich Nolte einstudierten Chores und Extrachores des Pfalztheaters, der zum jubelnden Finale der Oper aus den geöffneten Seiteneingängen des Zuschauerraumes auf die Bühne zog.

Und die phänomenale Umsetzung des völlig zu Unrecht unterschätzen Werkes von Richard Strauss lag in den Händen von Uwe Sandner am Pult des Orchesters des Pfalztheaters, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, vernachlässigte Werke des Opernrepertoires einer strengen Prüfung und Neuinterpretation zu unterziehen. Bei Friedenstag ist ihm dieses Unterfangen zweifellos gelungen und man ist geneigt diesen Tag mit dem Prädikat „Jubeltag“ zu veredeln!

 Dementsprechend großzügig fiel auch der Applaus des Premierenpublikums für alle Mitwirkenden aus. Einen zaghaften „Buhrufe“ könnte ich lediglich in der Verknüpfung der Oper mit den „Metamorphosen“ erblicken, in deren Verlauf alle Choristen in einer endlosen Prozession ihre Armbinden ablegten und die Bühne entvölkerten. Gerade diesen Kontrapunkt erachtete ich aber deshalb für so wichtig und gelungen, weil man nach dem eben Erlebten mit seiner höchst explosiven Musik wieder Zeit zur Entspannung und Reflexion und gewann. Bravissimo!                                                               

Harald Lacina

 

 

Diese Seite drucken