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KAISERSLAUTERN: ATTILA – Musikalisch ein Schmankerl, szenisch ein Schmarren…

18.09.2016 | Allgemein, Oper

Kaiserslautern: „ATTILA“  17.09. 2016. Musikalisch ein Schmankerl – Szenisch ein Schmarren …

Yamina Maamar-Wieland Satter-Paulo Ferreira (c) Thomas Brenner
Yamina Maamar, Wieland Sattler, Paulo Ferreira. Copyright: Thomas Brenner

Ein Sängerfest par excellence bescherte das Pfalztheater zur Saison-Eröffnung seinem begeisterten Premieren-Publikum mit Giuseppe Verdi´s neunter Oper „Attila“. Ohne die Vokalleistungen der Herrenriege zu schmälern, möchte ich der sensationellen Odabella von Yamina Maamar den Vorzug geben. Nach ihrer fulminanten Isolde der letzten Spielzeit erweiterte die vielseitige Sopranistin ihr Rollenspektrum mit einer grandiosen Partie im italienischen Fach. Mit beängstigendem Furor stürzt sich Yamina Maamar in  extreme Vokal-Attacken,  besticht mit prächtigen Spitzentönen, stupender Koloraturgeläufigkeit, gestaltet sehr musikalisch bringt wunderschöne Stimmfarben in reiner Tongebung mit ein und schenkt dieser rachsüchtigen Liebenden zudem ein tragisches nobles Profil.

In stimmlich optimaler Klangqualität präsentierte Wieland Satter den wandelbaren Attila, souverän geht der vortreffliche Sänger mit der Rolle um, führt seinen dunklen an Größe und Gefährlichkeit ausdrückenden Bass  musikalisch flexibel bestens phrasierend durch die Kantilenen der Partitur.

Als Gegenspieler Ezio mit den bedeutungsvollen Worten Avrai tu l´universo, resti l´Italia a me punktet heller timbriert mit jugendlich-metallischem Kern Michael Bachtadze. Der georgische Bassbariton verfügt über eine exzellente sensibel eingesetzte Verdistimme und harmonisiert in bester Manier verschmelzend mit dem dunkleren Timbre Wieland Satters im Duett.

Den beiden tiefen Prachtstimmen setzt Paulo Ferreira als Foresto sein höhenstarkes imposantes Stimmpotenzial entgegen. Sein charakteristisch timbrierter Tenor trumpft mit imposanten Höhen, weichem Legato sowie  aufwühlender Dramatik mächtig auf.

Bestens behaupten sich in tenoraler Intention Daniel Kim (Uldino) sowie baritonal der ewig durch die Szene geisternde tote König von Aquileia (Alexis Wagner). In Plastizität, unglaublich beweglich, enormem Vokalreichtum ergänzten Chor und Extrachor das vortreffliche Sängerensemble.

Eindrucksvoll in dynamischen Tempi lässt GMD Uwe Sandner sein Pfalztheater Orchester aufspielen, bietet sängerfreundlichen Spielraum. Der rhythmisch musizierende bestens disponierte Klangkörper überzeugt mit seidenweichen Streichern, präzisen Blechbläsern und schenkt der subtilen Verdi-Partitur die überwältigend-faszinierende Instrumentation.

Kein Wunder, das Publikum ließ seiner Begeisterung in lautstarken Bravostürmen freien Lauf und feierte alle Mitwirkenden frenetisch. Ein einzelner Buhruf und deutlich reduzierter Applaus bedachte das Regieteam.

Denke ich zurück an die grandiose Schaffensperiode von Bruno Klimek am Schauspielhaus  des Nationaltheaters Mannheim (1996-2000) fehlen dem Regisseur heute im reiferen Alter zur  fiktiven Story um Attila (welcher antiken Quellen zu Folge sich mit der Burgunderin Hildeko vermählte und 453 während des Rückzuges aus Italien starb)  jegliche sinnvolle Inspirationen. Personelle Leerläufe, wenige dramatische Einfälle, unfreiwillig komische dagegen zu Hauf, sinnlose Chorbewegungen grundsätzlich in Bodenakrobatik endend, stereotypes Rampentheater prägen diese fatale Umsetzung. Das nenne ich einen produktiven Abgesang, sei jedoch lediglich zur Ehrenrettung die optisch prägende Bühnenkonstruktion Bruno Klimeks erwähnt. Gab es bereits beim Tristan  Bühnenüberflutungen, durften auch heuer die Sänger im Blut- und Wasserkanal plantschen, etablieren  sich jene Wiederkäuer-Gags nun am Pfalztheater?

Unspektakuläre neuzeitliche Kostüme ohne historischen Hintergrund steuerte Alexandra Tivig bei, mit Ausnahme der Roben (Elsas Schwanen-Brautkleid?) der ohnedies attraktiven Yamina Maamar.  Das diagonale in schwarz und blau gehaltene Bühnenbild erschien in attraktivem Lichtdesign (Manfred Wilking).

Gewiss können Opernbesucher  mit diesen Banalitäten im Vergleich zum Wiener Kasperl-Theater anno 2013 leben, gesungen wurde heute ohnedies besser  und dürfen sich  die musikalischen Komponenten auf der Zunge, pardon im Ohr zergehen lassen. Allein dafür lohnt sich der weiteste Weg in die Pfalz.

Gerhard Hoffmann

 

 

 

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