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Kaiser / Reich-Ranicki / Everding: PRIMA LA MUSICA, DOPO LE PAROLE

23.08.2018 | buch

PRIMA LA MUSICA, DOPO LE PAROLE
Joachim Kaiser und Marcel Reich-Ranicki im Streitgespräch,
moderiert von August Everding
165 Seiten, Westend Verlag, 2018

Es muss damals, am 23. Juni 1995, eine wahre Sternstunde in Garmisch-Partenkirchen gewesen sein – eine „Besetzung“, als sängen Nilsson, Rysanek und Ludwig in „Elektra“… Unter der Leitung von August Everding (1928-1999) als Moderator (der dann immer auch seine Position als Opernregisseur einbezog) diskutieren im Rahmen der damaligen Richard-Strauss-Tage die Kritiker-Päpste Joachim Kaiser (1928-2017), der von seiner „Süddeutschen Zeitung“ aus Feuilleton und Meinung machte, und Marcel Reich-Ranicki (1920-2013), in der „Frankfurter Allgemeinen“, der  „Zeit“ und mit dem „Literarischen Quartett“ unterwegs, eine klassische Frage.

„Prima la musica, dopo le parole“ heißt es in „Capriccio“ von Richard Strauss, dem Genius loci des Unternehmens, und die Herren wussten von Anfang an, dass sie sich zu diesem Thema nicht würden einigen können. Weil es gar nicht möglich ist. Musik braucht, wenn sie auf die Bühne kommt, das Wort, aber dass die Musik rein emotional unendlich viel mehr erreichen kann als jegliche Sprache, das ist auch klar. Das Gespräch drehte sich also um die Kunst – die Reich-Ranicki nicht so hoch ansetzt – des Libretto-Schreibens. Logisch, dass die Beziehung Strauss-Hofmannsthal da einen Schwerpunkt in der Diskussion darstellte.

Im übrigen legen die drei großen Persönlichkeiten, einander durchaus immer wieder widersprechend, ihre jeweiligen Meinungen dar, die dann rund um das Thema Literatur / Musik / Bühne durchaus auch von Hundertsten ins Tausendste geraten konnten. Hoch interessant, wie hier 23 Jahre vor unserer Zeit, auch noch ein ganz anderer „Zeitgeist“ waltete, wenn etwa Reich-Ranicki meinte, man ging noch wegen der Schauspieler ins Theater, oder die Herren die mangelnde Sprechkultur der damaligen Schauspieler beklagten, worüber sich heute aus Ermüdung niemand mehr aufregt, weil es die absolute Regel geworden ist…

Sind Libretti „Dreck“, minderwertig, wie Reich-Ranicki meint, wäre der „Rosenkavalier“ schlechter, wenn Strauss den Hofmannsthal nicht immer wieder vom Dichterroß herunter geholt hätte? (Nur eines ist fraglich: Hätte Strauss seinen Titel, „Ochs von Lerchenau“, durchgesetzt – man zweifelt, ob der Welterfolg derselbe gewesen wäre…). Wo ist der Wert des Textes, den man ohnedies die meiste Zeit nicht versteht? Wie viel Vorbereitung kann man vom Opernbesucher erwarten, verlangen? Reich-Ranicki stand noch auf dem altmodischen Standpunkt, „Kunst ist vor allem da, Menschen Freude und Genuss zu bereiten“ (darüber ist der Zeitgeist wie ein Panzer hinweggerollt). Kaiser fand, „verdammt noch mal, man kann doch Kunst so ernst nehmen, dass man ihr eine gewisse Zeit in seinem Leben einräumt und nicht sagt: ‚Ich will mich amüsieren, und wenn ich das nicht tue, seid ihr schuld’.“ Worauf Reich-Ranicki wenig später konterte: „Die gehen doch ins Theater und nicht in die Universität!“

Aber Kaiser meinte auch, wie mutig (aber er konnte es sich leisten), dass er im Lauf der Jahre müde wurde, den modernen Komponisten sehr viel Zeit zuzuwenden, „weil mir doch die Vergangenheit in der Musik unendlich größer, reicher, stärker vorkommt.“ Reich-Ranicki stimmte zu: „Mehr als der ganze Beckett mit all seinen Dramen hat mir Shakespeares ‚Hamlet’ zu sagen…“

Und wenn Reich-Ranicki meinte, es gehe ihm ohnedies nur um die Musik, der Rest sei ihm egal, fuhr Everding hoch: Schwelgen in der Musik habe „mit Musiktheater überhaupt nichts zu tun, überhaupt nichts!“

Es gibt auch ein paar Zwischenbemerkungen von Herren aus dem Publikum, wobei Marcel Prawy es entzückenderweise unter seine Würde fand, auf Reich-Ranickis Behauptung, „Tristan und Isolde“ sei ein schlechtes Libretto, auch nur einzugehen…

Opernfreunde werden diesen Schlagabtausch lieben. Irgendwelche Stellen, wo einer der Herren ihnen aus der Seele spricht, müsste jeder finden.

Renate Wagner

 

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