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Jürgen Wilke: …UND IMMER WIEDER VON VORN

12.05.2012 | buch

Jürgen Wilke:
…UND IMMER WIEDER VON VORN
Mein Leben. Aufgezeichnet von Wolff A. Greinert
315 Seiten, Amalthea Verlag 2012 

Wessen Wiener Theatererinnerungen länger zurückreichen als nur kurze Zeit, der erinnert sich im Burgtheater der sechziger Jahre an einen wunderbaren Tempelherren an der Seite von Ernst Deutschs Nathan oder einen prächtigen Max Piccolomini neben dem Wallenstein von Ewald Balser. Jürgen Wilke, der nächstes Jahr 85 wird, blickt auf eine lange, glanzvolle Theaterkarriere zurück, und die meiste Zeit davon hat er, der blonde Recke aus Norddeutschland, in Wien verbrachte.

Das heißt, jahrzehntelang war er auch der mächtigste „Impresario“ des Niederösterreichischen Theatersommers, als er gleichzeitig die Festivals in Perchtoldsdorf, Stockerau und Laxenburg leitete. (Die Intendanz von Laxenburg hat er erst letzten Sommer zurückgelegt.) Denkt man als Theaterfreund an die wunderbaren Klassiker-Produktionen zurück, die er etwa mit dem großen Romuald Pekny in Perchtoldsdorf auf die Bühne brachte, weiß man, wie dankbar man ihm sein muss.

Jürgen Wilke hat viel zu erzählen, es war Zeit, dass er seine Erinnerungen niederschrieb. Wolff A. Greinerthat es liebevoll und detailgenau für ihn getan. Wlke-Originalton in der ersten Person wechselt mit ergänzenden Schilderungen ab. So richtig interessant wird seine Karriere, als er Anfang der fünfziger Jahre zu Gustaf Gründgens nach Düsseldorf kam, dem faszinierendsten Theatermann seiner Zeit, bei dem er vier Spielzeiten verbrachte, dann noch eine weitere in Hamburg. Wilkes Schilderung, wie Gründgens gearbeitet hat, werden jeden Theaterfreund fesseln.

Wilke kam 1956 unter Adolf Rott an das Wiener Burgtheater, und wie viele Direktoren er dort bis Claus Peymann aktiv erlebt hat, müsste man nachzählen (es gibt einen vorzüglichen Anhang mit allen seinen Theaterrollen). Wilke ließ es aber mit dem Burgtheater nie bewenden – immer gab es noch andere Engagements, sein Fleiß war ungeheuer. Nur Film und Fernsehen haben in seinem künstlerischen Leben so gut wie keine Rolle gespielt – sonst wäre seine Popularität vermutlich noch um ein vielfaches größer.

Zwischen den Buchseiten entsteht das Porträt eines Mannes, der seinen Beruf genau nimmt, der sich bis ins kleinste Detail um alles kümmert, der folglich in hohem Maße geeignet war, nicht nur selbst auf der Bühne zu stehen, sondern auch zu organisieren – zuletzt auch noch das Tourneetheater „Der Grüne Wagen“.

Besonders schön ist der überreiche Bildteil, der aus dem Besitz des Künstlers stammt und den privaten Wilke ebenso zeigt wie den Schauspieler. Einmal sieht man ihn mit Helene von Damm. Seit Reagans ehemalige Botschafterin in Österreich seine Lebensgefährtin ist, ist Wilke auch zu einem Liebling der Wiener Society aufgestiegen.

Renate Wagner

 

 

 

 

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