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JURA MARGULIS im Klavierduo mit MARTHA ARGERICH – OEHMs

07.12.2015 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

4260034864535 JURA MARGULIS im Klavierduo mit MARTHA ARGERICH – OEHMs Classics CD – Zeitreise mit Klangvergrößerung: Sordino-Pedal auf einem modernen Konzertflügel erprobt 

Ein klein wenig sollte der Musikfreund schon Acht geben bei dieser teils großartigen, teils die Sinne reizenden CD. Die zwei gleich großen Fotos auf dem Cover könnten ohne näheres Hinsehen suggerieren, dass es sich um eine komplette Duett-CD mit der argentinischen Wunderpianistin Argerich handelt. Diese wirkt aber nur die letzten 12 Minuten bei einer Transkription für zwei Klaviere der „Nacht auf dem kahlen Berge“ von Modest Mussorgsky mit (Aufnahme live aus Lugano 24. Juni 2014). Die 1998 von Jura Margulis erstellte Bearbeitung wartet in der Live-Version mit einer Überraschung auf: Die Morgenglocke nach der „Nacht“ wird tatsächlich von einem gewaltigen Orchestergong gespielt. Aber auch davon unabhängig ist der Mussorgsky dieser CD eine rechte Pracht: Mit der gesamten dem Komponisten zur Verfügung stehenden Archaik der musikalischen Sprache beschreibt er darin in passenden Klangcouleurs den wild schauerlichen Tanz der Hexen in der Johannisnacht (23. auf 24. Juni) auf dem Berg Triglav. Bekanntlich hat auch Walt Disney diese Musik als Teil des Zeichentrickfilms Fantasia in allseits bekannte Szenen umgesetzt. Margulis und Argerich gelingt eine dichte packende Wiedergabe voll dramatischer Wucht und Hingabe. Allein dieses Stück ist schon die Anschaffung der CD wert. 

Das Interesse (an) der CD richtet sich darüber hinaus dem sogenannten „Sordino-Effekt“ von Klavieren aus dem frühen 19. Jahrhundert. Margulis hatte beim Spielen dieser Instrumente unter Verwendung des Sordino-Pedals den Eindruck, dass sie „viel schöner sangen, viel später gellten und viel weicher flüsterten.“ Also ließ er flugs von der Firma Steingraeber & Söhne einen modernen Flügel mit der alten Technik bauen, der nun als Modell „D-232“ schon in der zweiten Generation vorliegt. Technisch ist das nicht so kompliziert: Der bereits existierende Drehmechanismus des mittleren Pedals wird verwendet, indem das Sordino Pedal zum Sostenuto Pedal hinzugefügt wird, und es wird ein sehr dünner Filz (nicht Leder) auf der bewegbaren Leiste aufgetragen. Dadurch wird das Klangspektrum erweitert und Dynamik hinzugewonnen. Wie Margulis erläutert, war der Zweck dieses Pedals nicht, „den Klang wesentlich zu dämpfen, sondern eine sphärische, distanzierte und spezifisch schöne Klangfarbe zu erzielen.“ 

Und wie bewährt sich nun dieses technische Experiment in der Praxis? Jura Margulis hat zur Demonstration eigens etliche (eingängige) Musikstücke für Klavier transkribiert bzw. arrangiert: Das beginnt beim Schlusschor „Wir setzen uns mit Tränen nieder“ aus Bachs Matthäus-Passion, geht über das „Confutatis maledictis“ und das „Lacrimosa“ aus Mozarts Requiem über „I Crisantemi“ aus dem gleichnamigen Streichquartett von G. Puccini, den „Mephisto-Walzer“ von Franz Liszt, Robert Schumanns Lied „Wenn ich in deine Augen seh‘“ (aus der Dichterliebe) bis hin zu Dmitri Schostakovitch‘ „Tocccata“ und Passacaglia“ aus der 8. Symphonie sowie die „Melodie-Elegie“ von Sayat Nova.

Der Unterschied ist jedenfalls sofort zu hören und wird auch räumlich greifbar. In der Tat gewinnt das neue Pedal eine andere fast möchte ich sagen exotische Dimension hinzu, die Bearbeitungen erklingen in einer reichen (so bislang nicht gehörten) Palette an Schattierungen, der Gesamteindruck ist aber allenfalls hallig und soft-romantisierend. Ich bin daher nicht überzeugt, dass sich daraus ein allgemein gültiges Urteil über eine Fortschreibung pianistischer Interpretation ableiten lässt. Für Barockes oder Zeitgenössisches findet das Sordino-Pedal wahrscheinlich weniger Anwendungsmöglichkeiten. Richtig eingesetzt wie im Falle der vorliegenden CD können sich jedenfalls neue Dimensionen erschließen, die zumindest die Sinne reizen. Ob musikalisch damit neue Erkenntnisse gewonnen werden können, mag ich jedoch anzweifeln. 

Klangtechnisch setzt die CD jedenfalls Maßstäbe. 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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