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Judith Wolfsberger: SCHAFFT EUCH SCHREIBRÄUME!

23.03.2018 | buch

Judith Wolfsberger:
SCHAFFT EUCH SCHREIBRÄUME!
Weibliches Schreiben auf den Spuren Virginia Woolfs.
Ein Memoir.
292 Seiten, Böhlau Verlag, 2018

Virginia Woolf hat die Forderung der kreativen Frau formuliert: „Ein Zimmer für sich allein“, ist die Voraussetzung, in ihrem Fall (und in sehr vielen anderen) ein Raum, wo man von der Umwelt (Haushalt, Mann, Kinder, Verpflichtungen) ungestört denken und schreiben kann. Sie wusste allerdings, dass auch Geld dazu gehört – umgerechnet würde die Summe, die sie damals veranschlagte, heute mit 3500 Euro monatlich zu Buche schlagen. Ja, damit könnte man auskommen…

Um das Schaffen von Schreibräumen dreht sich nun das Buch von Judith Wolfsberger, wobei man es keinesfalls – wie angesichts des Böhlau Verlags zu vermuten – mit einem wissenschaftlichen Werk zu tun hat, das Fallbeispiel in der Woolf-Nachfolge aufarbeitet. Die Autorin hat sich übrigens selbst gewundert, das Angebot eines wissenschaftlichen Verlags erhalten zu haben – wo sie doch geradezu tagebuchartig persönlich unterwegs ist.

Wolfsberger, die Geschichte, Wissenschaftstheorie und Creative Writing studiert hat, beginnt im Kino (später erfahren wir erst, dass es 2005 ist und sie zwölf Jahre für dieses Buch benötigt hat): Mit dem Film „The Hours“, in dem Nicole Kidman Virginia Woolf (1882-1941) darstellte und den ersten Satz ihres Romans „Mrs. Dalloway“ niederschrieb. Das wurde für Judith Ausgangspunkt einer mutigen Entdeckungsfahrt auf den Spuren dieser Autorin – begleitet von ihrem damaligen Lebensgefährten Paul, der immer hilfreich und verständnisvoll agiert. Wir werden immer wieder Privates über Judith und Paul erfahren, dass sie einen Sohn bekommen (ob sie ihn nur für das Buch „Beloved“ nennt, oder ob sie ihn so durchs reale Leben gehen lässt?), auch dass sie sich später auf ihren Wunsch trennen, ohne dass man eigentlich eine Begründung findet, warum…

Zu Beginn ist es ein klassischer Reisebericht von Erinnerungsort zu Erinnerungsort, die persönlichen Eindrücke angereichert mit dem Wissen, das die Autorin aus kompetenten Woolf-Biographien (vor allem des Neffen Quentin Bell) erworben hat. Durch das ganze Buch wird man, in Großschrift und in englischer Sprache, von stets zum Thema passenden Virginia-Woolf-Zitaten begleitet, ein starkes Argument für das Unternehmen. Man reist also mit (und da wohl vor allem Woolf-Interessenten das Buch lesen werden, sind sie gut bedient), nach London, nach Südengland, später nach Cornwall, man könnte den Weg glatt nachfahren, von Hotel zu Bed & Breakfast und zu den einzelnen Stationen mit Eintritt…

Nach 70 Seiten bricht dieser so sehr auf Virginia fokusierende Bericht ab. Da nimmt dann Judith Wolfsberger unter dem Titel „Mutter werden?“ zu der Zeit, als sie selbst schwanger wurde, eine quasi literarische Position ein. Orlando, die undurchsichtige Woolf-Figur, ob Mann, ob Frau, ob im Elizabethanischen Zeitalter, ob in der Gegenwart, unsterblich und problembehaftet, ist da die zentrale Gestalt, wird quasi weiter gedichtet, wird sowohl in die Woolf-Biographie (Abteilung Vita Sackville-West) wie in die der Autorin eingefügt. Es geht auch um Mutterschaft, wobei Judith meint, die Aussage, Virginia wollte keine Kinder, sei falsch  – man habe es ihr verboten…

Auf diese Passage, in der die Autorin gewissermaßen an ihrem Objekt und deren Figuren entlang dichtet, folgt erneut viel Persönliches – die Geschichte einer Judith Wolfsberger, die das Schreiben an sich zu ihrer Lebensbeschäftigung gemacht hat und in möglichst vielen Seminaren ausübt (da sind wir in Hawaii und New York, später auch in Weimar und Berlin), in inniger Verbindung mit ihren Mitschreiberinnen, die immer wichtiger werden und gegen Ende des Buches auch mit ihren Texten die Oberhand gewinnen. Virginia ist zwar noch da, die Spurensuche begibt sich diesmal nach Cornwall, aber Judith schreitet selbstbewusst und gleichberechtigt als ihre eigene Buchheldin an ihrer Seite.

Die dann Virginias Vision für 2028 („in hundert Jahren…“, hat diese gemeint) für ihre Conclusio benützt, die Virginia Woolf jetzt nur noch argumentativ für die Forderung der „Schreibfreiheit“ der Frauen einsetzt (Zitate finden sich genug). Nun erfährt man vor allem, wie es bei Seminaren und „Schreibtreffs“ zugeht. Und man landet bei einem in viele Punkte unterteilten Katalog von Forderungen, der fast an Charakter eines Pamphlets annimmt.

Letztendlich geht es darum, schreibenden Frauen Stipendien zu erteilen und sie von ihren materiellen Sorgen zu befreien.

Was sich vielleicht nicht ganz so leicht realisiert wie man es verlangt. Denn erstens kämen da wohl überwältigend viele Ansuchen auf die Geldgeber zu. Und zweitens handelte es sich dabei um Projekte mit hochgradigem Unsicherheitsfaktor (denn nicht einmal ein versierter Autor kann garantieren, dass etwas gelingt). Wenn sich eine Stadt einen „Stadtschreiber“ hält oder eine Universität einen „Writer in Residence“ einlädt, handelt es sich meist um Leute, die schon etwas vorzuweisen haben – und deren Engagement dann auch mit (wenn auch moderaten) Verpflichtungen verbunden ist.

Aber Geld einfach nur für die (sicherlich ehrlichen) besten Absichten auszuschütteln… da mag die Autorin mit ihrer flammenden Philippica möglicherweise scheitern. Auch wenn sie, wie in diesem Fall, ein ganzes, absolut interessantes Buch rundherum schreibt. Die Frage ist allerdings, wenn man ehrlich ist, ob man es hätte lesen wollen, hätte Virginia Woolf nicht als immer wirkungsvoller Lockvogel agiert…

Renate Wagner

 

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