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JOSEPH HAYDN: SYMPHONY NR. 101 „DIE UHR“ – Robin Ticciati

08.01.2016 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

0691062050029 JOSEPH HAYDN: SYMPHONY NR. 101 „DIE UHR“ – Scottish Chamber Orchestra; Robin Ticciati, LP LINN – „Nicht Fisch, nicht Fleisch“

Robin Ticciati hat mit dem Scottish Chamber Orchestra für Linn die Haydn Symphonien Nr. 31, 70 und 101 als SACD eingespielt. Die Symphonie Nr. 101 wurde vom Label ausgekoppelt und auch auf 180 g Vinyl (45 RPN Supercut) herausgebracht. Diese Einspielungen wurden von der internationalen Kritik, zumindest was die Aufnahmetechnik anlangt, in höchsten Tönen gelobt. Hier beginnt für mich schon die Irritation, weil die Musik zwar beeindruckend räumlich und in hoher Tiefenstaffelung erklingt. Verstörend ist jedoch die hohe Basslastigkeit, die es in den Tutti manchmal wie in einem Technotempel wummern und die mittleren Frequenzen absaufen lässt. Da ist es kein Trost mehr, dass die Solopassagen für Flöte im Menuett besonders schon rüberkommen. 

Bei dieser Symphonie in D-Dur, die besonders schwer zu interpretieren ist, ist die Gefahr einer bleiernen Erdenschwere besonders groß. Und in diese Falle tappt Ticciati. Trotz seines historisierenden Ansatzes (die Schotten spielen auf auf modernen Instrumenten) hat man das Gefühl, dass die Sache nicht vom Fleck kommt, dass die Musik wie auf einem Band festklebt. Ich habe mir zum Vergleich die Aufnahmen unter Adam Fischer, Leonard Bernstein (New York Philharmonic), Georg Solti (London Philharmonic Orchestra) und Claudio Abbado (Chamber Orchestra of Europe) angehört. Bernstein geht die Ecksätze rascher an und lässt sich beim Andante und Menuett/Trio mehr Zeit, was dramaturgisch sinnvoller ist und auch in dieser späten Symphonie den Haydn‘schen Witz aufblitzen lässt. Insbesondere das Vivace des für die Konzerte des Londoner Impresarios Johann Peter Salomon geschriebenen Werks ist für Bernstein ein gefundenes „Fressen“, es voller Energie in ein fast schon Beethovensches Finale donnern zu lassen. Ganz anders Abbado, der von Beginn an feiner getunt als alle anderen die klassisch gelesenen Strukturen in wunderbaren inneren Proportionen leuchten lässt. Das nimmt der Musik aber etwas vom zwinkernden Kobold à la Bernstein und ist weniger spannend. Ticciati ist vom Konzept her Solti an ähnlichsten, der alle Sätze, das Finale ausgenommen, noch langsamer nimmt als Ticciati. Dafür – es wäre wohl sonst nicht Solti – lässt er so manches Detail opernhaft auftrumpfen. Auch sind Solti Kanten im musikalischen Fluss nicht fremd. Robin Ticciati geht zusätzlich in den Mikrokosmos der Komposition, löst so manches Thema aus dem instrumentalen Kontext bei seltsamer Nivellierung des überbauenden symphonischen Bogens. Das Ergebnis ist detailreich und langweilig gleichzeitig. Ein bisschen was von altösterreichischen Esprit Adam Fischers hätte da nicht schlecht getan, der die wahrscheinlich idiomatisch schönste Aufnahme vorgelegt hat.

Das Scottish Chamber Orchestra, das unter Sir Charles Mackerras noch Wunderdinge in Sachen Mozart vollbracht hat, gefällt mir nur bedingt, da durch den ausgedünnten und eindimensionaleren Ansatz die reichen Klangvaleurs weniger gut zur Geltung kommen. Bleibt noch von einem stylie Cover in schwarz-weiß und einer guten Pressqualität zu berichten.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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