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Joseph Beer: POLNISCHE HOCHZEIT, Münchner RFO, Ulf Schirmer cpo 2 CDs

08.10.2016 | cd

Joseph Beer: Polnische Hochzeit, Münchner RFO, Ulf Schirmer cpo 2 CDs 

Nikolai Schukoff glänzt in einem rundum guten Ensemble

Live Aufnahme aus dem Münchner Prinzregententheater vom November 2015

Bildergebnis für joseph beer polnische Hochzeit

Ein schöner Abgesang auf die Wiener Operette ist sie geworden, die „Polnische Hochzeit“ des 28-jährigen Joseph Beer, Schüler von Joseph Marx. 1937 in Zürich uraufgeführt, war die Polnische Hochzeit dessen größter Erfolg, und wurde nach der Premiere an weiteren 40 Bühne aufgeführt sowie in acht Sprachen übersetzt. Beim Anhören der wie Giuditta von Lehar durchwegs opernhaften Musik scheint man das gesamte musikalische Kaleidoskop der alten Monarchie zu hören, die Formen wechseln von Wiener Walzer zu Klezmer, von Jazz bis zu ungarischen und polnischen Folkorismen. Die Musik ist trotz aller Ekletizismen kurzweilig, voller Schwung und großem melodischem Reichtum. Vieles erinnert stilistisch an Paul Abraham. Hits daraus sind das Lied „Katzenaugen“, die Arie „In der Heimat blüh’n die Rosen – nicht für mich, den Heimatlosen“ und das „Weinlied“.

Die Librettisten Fritz Löhner-Beda und Alfred Grünwald haben – nebstbei bemerkt – tief in dem Fundes der Operettengeschichte gelangt, wie Stefan Frey trefflich im Booklet bemerkt. „Boleslav, der junge Freiheitskämpfer inkognito ist unverkennbar ein Bruder des Bettelstudenten von Carl Millöcker, ebenso wie Suza, die wilde Verwalterin, eine Schwester der Helena aus Oskar Nedbals Polenblut. Das ganze Milieu aber erinnert an Emmerich Kálmáns Gräfin Mariza.“ Es gibt auch durchaus stumpfsinnigen bzw. surrealen Text (je nach Perspektive), wie etwa der Reim „Du riechst nach Milch und Butter, Du bist de beste Mutter.“ Aber solche poetischen Monster kann man ja auch mit Humor nehmen.

Die Handlung ist in ihrer Mischung aus typisch operettenhafter Liebesgeschichte, ein bissl Militärkolorit, Sehnsucht nach der Heimat, Generationenkonflikt zwischen gräflichem Onkel Staschek Zagorsky und auf das Erbe wartenden Neffen Boleslav Zagorsky, Leben auf dem Landgut des Baron Oginsky, und exzentrischen Typen wie der strengen Gutsverwalterin Suza, genau so gut oder schlecht wie andere Beispiel ihrer Art. Es ist die Musik, die in die Knochen und Beine fährt, einem aus dem Sessel reißt und die ganze Sache wert ist. Es gibt Arien, Duette, Sextett, ein Walzerquartett, und zwei ausladende Finali nach dem ersten und zweiten Akt. Gute Laune garantiert.

In Kooperation mit dem Staatstheater am Gärtnerplatz entstanden, dirigiert der musikalische Chef der Leipziger Oper, Ulf Schirmer, das Müncher Rundfunkorchester und ein großartiges Ensemble mit dem Grazer Allrounder Nikolai Schukoff an der Spitze, so als hätte er niemals etwas anders in seinem Leben getan, als Operette zu machen. Die enorm anspruchsvolle Tenorpartie des in Jadja, der Tochter des Barons Oginsky verliebten Graf Boleslav Zagorsky, ist bei Nikolai Schukoff in allerbesten Händen. Wie einstens Gedda schmettert Schukoff in der Form seines Lebens die Arien, bezirzt in den Duetten und hat dieses gewisse unbeschreibliche Etwas, das Operette erst so spannend und sexy macht. Ein flotter und doch sensibler „Kraftlackl“ mit Schneid und Schmäh. Nach Giuditta und dem Zigeunerbaron ist das jetzt Schukoffs dritte Operettenaufnahme mit Ulf Schirmer. Der Musikfreund darf auf weitere Entdeckungen mit ihm in diesem Genre hoffen. Als Sopranpartnerin hat er in Martina Rüping als Jadja eine junge Sängerin mit dunkel melancholischen Grundton als Kontrast. Suza wird mit Autorität und prächtiger Mittellage von der fabelhaften Susanne Bernhard verkörpert, ihr Geliebter Casimir von Kawietzky von Mathias Hausmann. Der böse Onkel Graf Staschek Zagorsky wird vom Wagner-erfahrenen Bariton Michael Kupfer-Radecky charaktervoll gesungen. In weiteren Rollen sind Florence Losseau (Stasi), Bernhard Spingler (Hauptmann der russischen Gendarmerie), Friedemann Röhlig (Baron Mietek Oginsky) und Alexander Kiechle (Stani) zu hören. Alle sind um Textverständlichkeit bemüht und reüssieren auch ausdrucksstark in den gesprochenen Dialogen.

Die Aufnahmequalität ist erstklassig, die Stimmen klingen klar und natürlich, das Orchester ist ohnedies eine Klasse für sich. Der jubelnde Applaus ist mitgeschnitten und gibt die gute Stimmung während der Aufführung wider. Lassen auch Sie sich von dieser herrlichen Musik verzaubern, übrigens der einzigen Aufnahme im Katalog.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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