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JOHANN SEBASTIAN BACH: MATTHÄUS-PASSION

15.03.2016 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

matth. kl. JOHANN SEBASTIAN BACH: MATTHÄUS-PASSION mit Kammerchor und Barockorchester Stuttgart unter Frieder Bernius – CARUS SWR 2; 3 CDs bzw. SACDs 

„Aus Liebe will mein Heiland sterben“ 

Gibt es einen Fortschritt in Erarbeitung und Interpretation barocker Meisterwerke wie etwa der Matthäus Passion? Abseits konkreter Entstehungsbedingungen und historischer Rezeption zeigt sich in der Lesart von Frieder Bernius, dass höchstpersönliche Erfahrungen nicht zuletzt im Kontext mit der historischen Aufführungspraxis entscheidend für die „Sprachgewinnung“, also etwa der Wahl der Tempi, Phrasierung, der Besetzungsstärke, der Annäherung an ein chorisches Klangideal, sind. Für mich entscheidend ist im Ergebnis, das diese Sprache im doppelten Sinne (Libretto wie Umsetzung der Partitur) im Dienst der Aussage, der „Empathie für den leidenden Christus“ deklamiert wird. Jedes Nachdenken weicht in einer guten Aufführung rasch einem Versenken in den spirituellen Gehalt. Dabei kommt dem Chor die größte Rolle zu. Bei Affekten und in den lyrischen Passagen trägt der Sologesang das Passionsgeschehen.

Die vorliegende Neuaufnahme zeugt im wahrlich gewaltigen Reigen an herausragenden Interpretationen von einer tiefgehenden Auseinandersetzung mit dem Werk basierend auf der Ausreizung aller Klangfarben der historischen Instrumente, aber auch einer ganz persönlichen rhetorischen und affektbetonten Behandlung der Vokalpartien. Dabei beruft sich Frieder Bernius auf Bachs „Kurtzem; jedoch höchstnöthigem Entwurff einer wohlbestallten Kirchen Music“ als maßgeblich für die Besetzungsstärke von Sängern und Instrumenten. Frieder Bernius arbeitet zwar nicht mit Knabenstimmen, aber er versucht, im Chor ein Klangbild zu entwickeln, das dem Ideal der barocken Instrumente nahe kommen könnte. Dieses Bekenntnis klingt erfreulicherweise akademischer als die Umsetzung selbst. Die Stimmen sind klar charakterisiert und der Kammerchor Stuttgart entwickelt eine phänomenale Singkultur, ausgewogen in den einzelnen Gruppen, lupenrein intonierend und von höchster Textverständlichkeit. Die Artikulation ist im Vergleich zu manch anderen Einspielungen der letzten Jahre nicht allzu akzentuiert oder im Detail übertrieben aufgeladen. Der Text ist der Maßstab, die Noten bilden den Richtwert für die emotive Ausgestaltung. Und ja, hier ist er erfahrbar, der Fortschritt in den letzten 50 Jahren Aufführungsgeschichte. Wenn bei Verdi und Wagner mancherorts zu Recht ein Verfall an Stil und vokalem Vermögen beklagt wird, hat sich in der Rezeption der Werke Bachs vieles zum Besseren gewendet, wie auch diese Aufnahme belegt. Ich will nicht sagen, dass die neue Bernius-Aufnahme grundsätzlich besser oder schlechter sei als etwa diejenigen von Jacobs oder Herreweghe. Allerdings klingt bei Bernius vieles selbstverständlicher und organischer, unverkrampfter und fließender. Dabei hilft ihm auch das glänzend disponierte Kammerorchester Stuttgart und eine diskrete Solistenschar: Hannah Morrison (Sopran), Sophie Harmsen (Alt), Tilman Lichdi (Tenor Arien & Evangelist), Peter Harvey (Bass Arien), Christian Immler (Bass Jesus) treten weniger als Stars mit höchst individuellen Timbres zutage, sondern fügen sich in eine runde Ensembleleistung, die dem Bach’schen Meisterwerk mehr als gerecht wird.

Die neue Einspielung erscheint in zwei Varianten: als normale CD im Jewel-Case und als limitierte Deluxe-Ausgabe im CD-Buch- und SACD-Format. 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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