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JÖRG SCHNEIDER – In bester Stimmung für das, was kommen mag

Gespräch mit dem Jaquino der Neuinszenierung FIDELIO I (Pemiere am 1. Feber 2020)

24.01.2020 | INTERVIEWS, Sänger

Szenefoto aus Elektra mit Jörg Schneider (Aegisth) und Wolfgang Bankl Foto: Wr. Staatsoper / Michael Pöhn

Das Gespräch in den Direktionsräumen der Wiener Staatsoper am 22. Jänner 2020 führte

Manfred A. Schmid

Herr Schneider, Sie kommen direkt von der Probe mit dem Orchester zu unserem Gespräch. Wie ist die Stimmung?

So hektisch, wie es bei Schlussproben eben zugeht, wenn die ersten Orchesterproben angesetzt sind. Szenisch sind wir bereits bestens eingestellt, es gibt einen weiträumigen Bühnenraum, so dass alle Mitwirkenden jederzeit zu sehen sind,. Auch die Bühne ist akustisch ideal angelegt. Ich darf ja nicht allzu viel verraten, nur so viel: Es ist leider nur eine Bahnhofshalle, was sich kaum beschönigen lässt, aber sie ist nach oben hin und seitlich nicht offen, sondern abgedeckt, so dass der Klang nicht entweicht und immer voll präsent bleibt. Akustisch also geradezu ideale Verhältnisse.

Die Regisseurin Amélie Niermeyer hat vor kurzem erst mit der Inszenierung der Rusalka am Theater an der Wien für Aufsehen gesorgt und ist auch an der Josefstadt bei Tschechows Der Kirschgarten neue Wege gegangen.

Ich habe prinzipiell keine Probleme mit neuen Inszenierungen, so lange man nicht am Stück vorbei inszeniert und so Opernbesucher, die zum ersten Mal die jeweilige Oper sehen, nicht ratlos im Regen stehen lässt. Es wird hier von der Regisseurin zwar, wie zu erwarten, auch etwas „quergedacht“, aber die Handlung bleibt, meine ich, doch nachvollziehbar.

Was ist bei diesem Ur-Fidelio anders als beim Fidelio, wie er üblicherweise bis jetzt auf den Bühnen zu erleben war? Welche Abweichungen gibt es für Sie in der Partie des Jaquino, den Sie ja schon oft, auch hier am Haus, gesungen haben?

Der Jaquino ist tatsächlich eine meiner Lieblingsrollen, und der Fidelio gehört zu meinen Lieblingsopern, weil es diese Oper war, in der ich – vor fast 30 Jahren, damals noch als Mitglied des Staatsopernchores – erstmals auf der Bühne gestanden bin. Das war allerdings nicht hier in Wien, sondern bei den Salzburger Festspielen unter Kurt Masur am Dirigentenpult. Aber zurück zu Ihrer Frage bezüglich der Unterschiede zwischen beiden Fassungen: Wenn sich an meiner vorliegenden Partie musikalisch viel ändern würde, dann wäre das vermutlich etwas einfacher. So aber gibt es eher nur Abweichungen in Details, und das ist dann fast schon gemein zu nennen. Da kann man leicht darüber hinwegsingen und wie gewohnt weitermachen und wo z.B. zwei Takte zu früh einsetzten, obwohl es nun dort plötzlich zwei Takte Pause gibt. Oder man macht in einem Duett den gewohnten „Abbieger“ und übersieht dann 30 Takte, die Beethoven in der Spätfassung gestrichen hat. Überhaupt gibt es für den Jaquino in der Urfassung leider bedeutend weniger zu singen. Mein Gesangsanteil  in der Leonore ist gegenüber dem Fidelio also viel kleiner geworden, obwohl der Jaquino bekanntlich  ja auch schon im Fidelio nicht gerade viel zu tun hat: Das Duett „Jetzt Schätzchen, jetzt sind wir allein“ mit Marzelline, dann das wunderbare Quintett „Mir ist so wunderbar“, dann die Stelle im Gefangenenchor und seine Mitwirkung im Finale Nr. 2, und das war´s dann schon. Jetzt habe ich im 1. Akt zwar ein Terzett dazu bekommen, aber dann ist es – bis auf 16 Takte im Finale – auch schon wieder aus. Da geht’s der von Jaquino angebeteten Marzelline um einiges besser, denn die kriegt in der Leonore bedeutend mehr zu tun als im Fidelio. Aber so ist es nun einmal.

Hält sich dadurch Ihre Freude an der Mitwirkung in Grenzen?

Natürlich nicht. Es ist großartig, hier dabei sein zu dürfen. Denn musikalisch erschließt sich einem eine ganz neue Erfahrung. Zuweilen erinnert mich Beethovens Erstentwurf auf dem Gebiet der Oper an Mozart – auch in der Instrumentierung, die mir stellenweise weniger opulent und insgesamt transparenter vorkommt. Manchmal denke ich fast, ich bin in Mozarts Figaro – und dann doch wieder nicht. Der schöne, volle Beethoven-Klang, wie wir ihn von seinem Fidelio her kennen, ist hier jedenfalls noch nicht ganz ausgereift. Ich bin nun freilich kein Musikwissenschafter, aber so erlebe ich es eben. Ein Beispiel – die Stelle „Euch, edle Frau allein euch ziemt es ihn zu befrein…“  Da habe ich im Fidelio immer das Hochgefühl, dass das Orchester aufrauscht und in aller Fülle erblüht, während sie mir in der Leonore doch noch eher recht simpel und schlicht begleitend vorkommt.

Gibt es, abgesehen von den musikalischen Abweichungen, auch dramaturgische Änderungen?

Ja, eine für Jaquino ganz wichtige: Er bekommt die Marzelline – nicht! In der Otto-Schenk-Inszenierung führt der Vater die beiden am Schluss einander zu. Das ist hier leider nicht der Fall. Dafür aber darf ich meinen Jaquino in dieser Version mit neuen, bisher unbekannten Wesensmerkmalen ausstatten: Er ist nämlich ein rechter Fiesling und ziemlich frustriert noch dazu. Kein Wunder, ist der Ausgangspunkt der Geschichte doch der, dass die beiden einander versprochen waren. Davon handelt auch das eingeschobene neue Terzett. Daher will Jaquin, als aus Roccos Plan, seine Tochter mit Fidelio zu verheiraten, nichts wird, wieder als ihr Bräutigam eingesetzt werden. Daraus wird aber nichts. Als Ensemblemitglied wird man ja immer wieder auch in kleinere Rollen eingesetzt. Jetzt, wo ich mich wohl und angenommen fühle, ist das kein Problem für mich, sondern vielmehr ein Ansporn, auch in diesen Rollen immer mein Bestes zu geben. Und im vorliegenden Fall verhält es sich nicht anders. Ich arbeite daran, das Maximum herauszuarbeiten, damit es heißt: Dieser Jaquin war super!

Szenenfoto aus Die Zauberflöte: Jörg Schneider umringt von den Drei Damen. Foto: Wiener Staatsoper / Michael Pöhn

Peter Dusek hat Sie in einer Merker-Rezension vor gute einem Jahr folgendermaßen charakterisiert: „Jörg Schneider als Tamino, das ist ein ,Zwischenfach‘-Tenor mit Belcanto-Qualitäten“. Trifft das auf Sie heute zu?

Ja, da hat sich etwas verändert. Früher war ich ein rein lyrischer Tenor. Man wird ja – auch von Agenturen – gerne in ein bestimmtes Fach gesteckt. Die Gefahr besteht, dass man dann z.B. nur noch Rossini und Mozart singt. Auch die Wagner-Rollen, die ich bisher hatte, waren demnach: Steuermann, Seemann und David. Plötzlich merkt man dann, dass die Stimme immer mehr will. Interessanterweise war der Tamino immer eine Partie, in der ich die Stimme am meisten nachjustieren musste. Und dann merkst du, dass Töne und Passagen, die dich früher Mühe gekostet haben, auf einmal wie von alleine gehen. Das war bei mir der Fall, nachdem ich bei der Uraufführung der Oper Geschichten aus dem Wienerwald von HK Gruber bei den Bregenzer Festspielen, in der Regie von Michael Sturminger, den Oskar gesungen habe. Diese Entwicklung wurde natürlich auch vom einzigartigen Adam Fischer gefördert, der einem – wie zuvor und unvergessen auch Mehta – das Gefühl gibt, von der Musik getragen zu werden und alles richtig zu machen: Sing, mein Engel, sing! – Unbeschreiblich. Und das war dann die Zeit, dass ich von der Cosi verabschiedet habe. In der Tat ist mein Tenor breiter, schwerer und gereifter geworden, hat auch in der Mittel- und Tiefenlage mehr Volumen bekommen, womit auch ein Richtungswechsel begonnen hat. Die leichten Belcanto-Rollen wie Ferrando ,Almaviva oder Ramiro habe ich längst abgegeben, dafür mich neuen Partien wie Herodes oder Aegisth zugewendet. Und den Max in Der Freischütz habe ich schon als Cover für Andreas Schager einstudiert.

Auf Narraboth folgte Herodes.

In dieser Phase einer Neuorientierung kam mir der Herodes gerade recht, den ich dann erstmals Klagenfurt gesungen habe. Bei der derzeit laufenden Aufführungsserie der Salome in Wien bin ich allerdings schon aus Zeitgründen angesichts der intensiven Probenarbeit nicht zum Einsatz gekommen, jetzt zeigt der großartige Herwig Pecoraro sein Können. Jeder macht das – nicht zuletzt ausgehend von der jeweiligen körperlichen und stimmlichen Konstitution – auf seine Art. Ich – als fülliger Mensch – lehne meinen Herodes mehr an Peter Ustinov an. Ein bisschen kindlich und verrückt, lustvoll und später dann natürlich auch panisch. Herwig Pecoraro stattet ihn mit wiederum anderen, spezifisch neurotischen Charakterzügen aus.

Ein Sänger, der den Jaquino singt, aber auch schon Tamino war, müsste eigentlich schon längst auf den Florestan spitzen.

Natürlich möchte ich eines Tages gerne auch diese Partie mit Stimme und Leben erfüllen, auch wenn in der Leonore der Florestan noch sehr lyrisch und nicht so dramatisch angelegt ist wie im Fidelio. Ich bin aber derzeit in einem Alter und Stadium der Karriere, in dem ich mit dem, was ich erreicht habe und was ich momentan mache, superzufrieden und glücklich bin. Ich fühle mich wohl und geschätzt und bleibe zudem, über den Direktionswechsel hinaus, im Ensemble des Hauses. Da warte ich gerne und voll Ruhe auf das, was auf mich zukommen wird.

Dazu gratuliere ich Ihnen sehr herzlich und freue mich auf viele weitere, unvergessliche Opernabende mit Ihnen.

22.Jänner 2020

 

 

 

 

 

 

 

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