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JEKATERINENBURG/Russland: II. INTERNATIONALES EURASIA-MUSIKFESTIVAL

Jekaterinburg / Russland: II. Internationales Eurasia-Musikfestival vom 4. – 16.10.2010

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Geschichtlich Interessierten ist Jekaterinburg als der Ort in Erinnerung, in dem im Juni 1918 die russische Zarenfamilie ermordet wurde, vielleicht auch noch als Geburtsort Boris Jeltsins. Weniger bekannt ist jedoch, dass die im Ural gelegene drittgrößte Stadt Russlands in der Sowjetzeit eine abgeschlossene Stadt war, d.h. für Ausländer geschlossen. Grund war die in Swerdlowsk, wie Jekaterinburg zwischen 1924 und 1991 hieß, konzentrierte Rüstungsproduktion. Ein wenig spürt man diese ehemalige Abgeschlossenheit noch daran, dass viel weniger Menschen als z. B. in St. Petersburg der englischen Sprache mächtig sind, selbst im Servicegewerbe, außer in den besten Hotels.

So wird es verständlich, dass es – ohne Zögern von der Festivalleitung ausgesprochen – eines der Ziele dieses neuen Festivals ist, die neue Offenheit zu demonstrieren und attraktiv für Touristen aus dem Ausland zu werden. Dabei war diese Stadt seit jeher von großer kultureller Bedeutung. So war das 1912 gegründete Opernhaus von Swerdlowsk Sprungbrett für eine große Karriere solcher sowjetischer Spitzensänger wie Sergey Lemeshev, Ivan Kozlovsky und Irina Arkhipova, und das Orchester der Stadt, 1936 als Orchester von Radio Swerdlowsk gegründet, seit 1992 unter dem Namen Ural Philharmonic Orchestra, erfreut sich unter der Leitung seines Chefdirigenten DMITRY LISS, eines Kitajenko-Schülers, bester nationaler wie internationaler Reputation.

War 2011 das erste Eurasia-Musikfestival mit 18 Konzerten in 19 Tagen noch die übliche Mixtur aus nicht zusammenhängenden Programmen, hatte man für dieses Jahr die St. Petersburger Musikwissenschaftlerin und –kritikerin GYULARA SADYKH-zade  gewonnen, dem Festival ein neues Format zu verleihen.

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Direktor Alexander Kolotursky, Programmdirektorin Gyulara Sadykhzade und Chefdirigent Dmitry Liss (Foto: Eurasia-Festival).

Sie stellte es unter das Motto „Ex oriente lux“, ein äußerst passendes Thema, liegt doch Jekaterinburg auf der Schwelle zwischen Europa und Asien. Kompliment, dass es ihr gelungen ist, diese Thematik nicht nur in (fast) allen Konzerten durchzuhalten, sondern auch ein Programm zu schaffen, dass vielen vieles bot. Dieses Kompliment möchte ich ausdrücklich aus das Publikum ausweiten, das für eine gute, aber nicht optimale Auslastung des 700 Zuhörer fassenden Saales der Philharmonie sorgte, und das selbst bei Programmen abseits des Gewohnten. Darüber hinaus war es eine Wohltat gerade für den aus St. Petersburg anderes gewohnten Gast, mitzuerleben, wie interessiert, konzentriert, diszipliniert (kein Applaus zwischen den einzelnen Sätzen eines Werkes!) und am Schluss enthusiastisch dieses Publikum mitging. So etwas erlebt man z. B. am Mariinsky-Theater selten, wo es zur schlechten Sitte gehört, während der Musik Handyanrufe zu beantworten oder sich zu unterhalten – nicht hier in Jekaterinburg.

Um den Erfolg dieses Festivals in die Welt zu tragen, waren Journalisten nicht nur aus Moskau und St. Petersburg, sondern auch aus Italien, Dänemark, Österreich und Deutschland eingeladen worden, die mit einer an Herzlichkeit nicht zu überbietenden Wärme umsorgt wurden. Eine perfekte Organisation, ein Vorbild für jedes Festival!

Das Eröffnungskonzert am 4.10. begann mit einem Paukenschlag: neben dem Violinkonzert von Philipp Glass (Solist der hervorragende SERGEY KRYLOV) zwei Weltpremieren und ein speziell für dieses Festival revidiertes Werk, OLGA VICTOROVAs „Azure Dragon of the East“. Während die in Berlin lebende und lehrende südkoreanische Komponistin EUN HWA CHO ihr Werk „Back into. Out of“ für die koreanische Trommel Changgu und Orchester geschaffen hatte (Solist: WOON SIK KIM), stand im Mittelpunkt von LEONID DESYATNIKOVs Vokalzyklus „The Journey oft he Fox to the North-west“ die junge Sopranistin VENERA GIMADIEVA, und wer die zur Zeit am Moskauer Bolshoi-Theater beheimatete Sängerin bisher noch nicht gehört hat (so z. B. in ihrer Paraderolle Violetta in Savonlinna), sollte sich diesen Namen unbedingt merken. Ich wage es, Venera Gimadieva bei vorsichtiger Führung eine Karriere à la Netrebko oder Peretyatko zu prophezeien. Die Voraussetzungen dazu, eine bildschöne Stimme von hohem Wiedererkennungswert bei hervorragender Technik, besitzt sie. Allerdings machte es ihr Desyatnikov auch leicht, denn er gehört zu den zeitgenössischen Komponisten, die für, nicht gegen die Stimme komponieren können. Da auch die beiden Komponistinnen Victorova und Cho Werke beisteuerten, denen ich gerne wieder begegnen möchte, und DMITRY LISS die Ural Philharmonic perfekt vorbereitet hatte, machte dieser Festivalauftakt Appetit auf mehr. Es gehört Mut dazu, Festspiele, die sich nicht als Avantgarde-Festspiele verstehen, mit einem der zeitgenössischen Musik gewidmeten Konzert zu starten. Der enthusiastische Beifall des außerordentlich konzentrierten Publikums demonstrierte die Richtigkeit dieser Entscheidung. Wenn man nach einem Konzert mit Musik dieser Zeit mit dem Wunsch herausgeht, diese noch oft hören zu können, möge dies als Kompliment an die Komponisten (und natürlich auch an die Interpreten) verstanden wissen.

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Venera Gimadieva umrahmt von Dmitry Liss und Leonid Desyatnikov (Foto: Manninen)

Am 5.10. war das Hongkong Chinese Orchestra zu Gast, dessen Künstlerischer Direktor und Chefdirigent HUICHANG YANG sich als ein Meisterentertainer erwies. Fiel der Anfang dieses Konzerts mit traditioneller chinesischer Musik noch arg Ohren-belastend aus, war die zeitgenössische chinesische Musik von großem Interesse, bei denen auch das Instrument Sanxian (Solist: ZHAO TAICHENG) zu hören war. In der Pause waren 700 kleine chinesische Trommeln an das Publikum verteilt worden, das vom Dirigenten in deren Gebrauch unterwiesen wurde.

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Huichang Yan demonstriert dem Publikum  den Gebrauch chinesischer Trommeln (Foto: Eurasia-Festival)

So wurde diese Veranstaltung zu einem interaktiven Konzert unter Beteiligung des Publikums, das bei einem weiteren Stück seine Schreikünste (Hu! Ha!) unter Beweis stellen konnte. Und als das Orchester als Zugabe „Kalinka“ auf chinesischen Instrumenten spielte, kannte die Begeisterung keine Grenzen.

Um ehrlich zu sein, war das Konzert am 6.10. weniger nach meinem Geschmack. In einem zudem mit über drei Stunden (zu) langen Konzert stellte der Pianist ALEXEI LUBIMOV unter dem Titel „Way of Water, Way of Bamboo“ Werke von John Cage, Morton Feldman und vom chinesischen Komponisten Tzo Cheng-Guang vor – für meine nicht daran gewöhnten Ohren mehr „Geräusch“ als „Musik“ (die Avantgarde-Fans möge meine fehlende Bildung verzeihen!), doch  trotzdem Kompliment an die Festspielleitung, ein solches Konzert auf das Programm gesetzt zu haben, das dem Festival-Motto vollkommen entsprach, und auch an das Publikum, das sich erst zum Schluss hin à la Haydns Abschiedssinfonie abzusetzen begann.

An den nächsten drei Tagen war eine kleine Durststrecke zu verzeichnen, denn am 7.10. waren die erst 2009 gegründeten Mannheimer Philharmoniker unter ihrem jungen Chefdirigenten BOIAN VIDENOFF noch ein gutes Stück davon entfernt, ihrem Namen (Philharmoniker) gerecht zu werden. Lichtblick des Abends war einzig die eminent begabte russische Geigerin ALENA BAEVA, die mit Mendelssohn-Bartholdys Violinkonzert begeisterte. Überraschend schlecht besucht war das Konzert am 8.10., bei dem der britische Gastdirigent und Komponist BENJAMIN ELLIN die Ural Philharmonic in einem rein britischen Programm mit Werken von Elgar, Britten, Mc Millan und einer eigenen Komposition (einem Posaunenkonzert mit JOSEPH ALESSI) leitete, ein Konzert, das bei mir keinen nachhaltigen Eindruck hinterließ, ebenso wie das am 9.10., einem gemeinsamen Konzert der Mannheimer Philharmoniker und der Ural Young Philharmonic (Dirigenten: BOIAN VIDENOFF und ENKHE), ein Vergleich, der nicht zu Gunsten der Mannheimer ausfiel. Zudem malträtierte der vietnamesische Pianist DANG THAI SON den Flügel in Beethovens 5. Klavierkonzert in einer Manier, die mehr zu Prokofjews hämmernder Motorik gepasst hätte.

Am 10.10. gastierte das MDR-Sinfonieorchester aus Leipzig unter seinem Chefdirigenten KRISTJAN JÄRVI mit einem Programm, bei dem Klassisch-Romantisches (Brahms, Beethoven) das Violinkonzert von John Adam (Solist: CHAD HOOPES) umrahmte.

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Kristjan Järvi gewohnt ekstatisch (Foto: Eurasia-Festival)

Man muss den jungen Esten gesehen haben, wie körperbetont und dynamisch er seine Emotionen auf die (hervorragenden) Musiker überträgt, aber wie bei Bernstein früher scheint sein unkonventioneller Dirigierstil keine Masche zu sein, sondern ist Ausdruck seiner Empfindungen. Das Resultat seiner Arbeit kann sich jedenfalls hören lassen, und allein das ist wichtig!

Das Konzert am 11.10. war dem Andenken an Benjamin Britten gewidmet. Zu Gehör gebracht wurden als Erstaufführungen für Jekaterinburg seine Serenade für Tenor und Orchester sowie seine Spring Symphony. Im Verein mit den britischen Solisten KATRHERINE BRODERICK, MADELEINE SHAW, MARK WILDE und dem hünenhaften holländischen Hornisten HANS VAN DER ZANDEN bewies DMITRY LISS, dass für seine Ural-Musiker (Orchester, volumenreicher Chor, Kinderchor) auch diese nicht zum russischen Grundrepertoire gehörende Musik kein fremdes Territorium ist. Sehr beeindruckend!

Im Mittelpunkt des Wochenendes stand ein Projekt, das ganz offensichtlich die Lieblingsidee der Programmdirektorin war: „Die große Seidenstraße“. Begleitet von einer zweitägigen Konferenz in der Universität unter dem Titel „Orient & Occident; challenge and response“ gab es in vier Konzerten so spezifische Musik wie die mit dem Mugam Gesangsensemble aus Aserbaidschan, dem spanischen Flamenco-Ensemble Cante Jondo, dem Byzantion Choir aus Rumänien und einer Gruppe aus Indien zu hören. So interessant diese Idee vom Prinzip her war, so reserviert stehe ich der Ausführung dieser Konzerte gegenüber. Für mich am überzeugendsten war der Auftritt mit byzantinischer Chormusik, die jedoch in einer der nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion neu erbauten Kirchen noch besser zur Geltung gekommen wäre.

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Die Vokalisten des Mugam-Ensembles aus Aserbaidschan (Foto: Eurasia-Festival)

Die übrigen Konzerte krankten zumindest nach meinem Geschmack an einer Überlänge und –lautstärke; die Verwendung von Mikrofonen wäre angesichts der ausgezeichneten Akustik des Saales eigentlich unnötig gewesen. Für einen Nicht-Kenner dieser Materie (wie mich) klang ein jeweils über einstündiges Konzert zu monoton. Doch im Prinzip finde ich diese Idee sehr gut; sie sollte (in abgewandelter Form) nicht aufgegeben werden.

Wie großartig die akustischen Verhältnisse in der Philharmonie sind, konnte man am 14.10. beim Auftritt des Amsterdam Baroque Orchestra unter Leitung von TON KOOPMAN bemerken. Bei der dieses Konzert einleitenden 3. Bach`schen Orchester-Suite wurde erstmals ein vom finnischen Cembalo-Bauer JUKKA OLLIKKA extra für die Philharmonie angefertigtes Cembalo benutzt; der zarte Ton dieses Instruments bedurfte selbst in diesem Saal keiner Verstärkung. Mozarts Fagottkonzert mit WOUTER VERSCHUREN war wenig überzeugend, so dass Dirigent und Orchester erst in der abschließenden Haydn-Sinfonie (Nr. 103) ihr Können unter Beweis stellen konnten.

Im Mittelpunkt der beiden letzten Konzerte (15./16.10.) stand der türkische Pianist FAZIL SAY. Dass er nicht nur Pianist, sondern auch Komponist ist, kam den Interpretationen selbst der bekanntesten Klaviersonaten (Beethovens Mondschein-Sonate, Mozarts „alla turca“) zu Gute. Sie wirkten unter seinen Händen frisch, wie gerade geschaffen. Selbst der Variationensatz in Beethovens Opus 111 war so voller Spontaneität. Seine zum Schluss gespielten Jazz-Fantasien erwiesen Fazil Say als einen begnadeten Jazz-Pianisten, doch auch in seinen 5 Balladen konnte er unter Beweis stellen, dass er ein Komponist mit interessantem, durchaus eigenständigem Stil ist.

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Fazil Say (Foto: Eurasia: Festival)

Dieser war auch in seinem 2. Klavierkonzert mit dem Untertitel “Seidenstraße” zu erkennen, einem 15minütigen Werk für Klavier und Orchester, das im Finalkonzert aufgeführt wurde. Dem vorangegangen war mit Mozarts KV 467 eines der schönsten und bekanntesten Klavierkonzerte, und wie der Pianist-Komponist diesem ein eigenständiges Profil verlieh, mich gespannt mit verfolgen lassend, wie Say diese oder jene Phrase spielen würde, gehört mit zum Faszinierendsten, das  ich jemals erleben durfte. Den Beginn des Abends hatte „Ocean Circulation“ des Japaners TOSHIO HOSOKAWA markiert, von Valery Gergiev 2005 mit den Wiener Philharmonikern in Salzburg uraufgeführt. Dem Vergleich mit seinem St. Petersburger Kollegen konnte DMITRY LISS bei Strawinskys dieses Festival abschließendem „Sacre du printemps“ nicht entgehen, denn während Gergievs Interpretation bei mir üblicherweise Atemlosigkeit produziert, war es höchst interessant, Liss‘ total anderen Ansatz nach zu verfolgen – mit insgesamt langsameren Tempi, dadurch die Kontraste mehr heraus modellierend, im Endergebnis sehr überzeugend. Seine Bläser mögen nicht den Ausnahmerang ihrer Mariinsky-Kollegen besitzen, doch insgesamt konnte das Ural Philharmonic Orchestra in allen seinen Konzerten unter Beweis stellen, dass es zu den besten in Russland gehört.

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Saal der Phiharmonie in Jekaterinburg (Foto: Eurasia-Festival)

Fazit:

Die 14 Tage dieses II. Eurasia-Musikfestivals vergingen wie im Fluge. Großes Kompliment an die Veranstalter, nicht nur ein programmatisch äußerst interessantes Festival auf die Beine gestellt, sondern auch für eine perfekte Organisation gesorgt zu haben. Die Zuhörer, für die am Ende jedes Konzerts sehr frequentierte Autogrammsitzungen organisiert wurden, bei denen (wie z. B. bei dem chinesischen Orchester) Instrumente demonstriert wurden, und die Journalisten, denen jeder Wunsch von den Lippen abgelesen wurde, werden es zu danken wissen. Dieses Festival verdient noch viele Wiederholungen – die Eurasia-Thematik ist noch lange nicht ausgeschöpft!

Sune Manninen

 

 

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