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Jean-Philippe Rameau: ZAIS , Heroische Pastorale – Erste Gesamtaufnahme mit Les Talents Lyriques unter Christophe Rousset

13.09.2015 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

3149028060126 Jean-Philippe Rameau: ZAIS , Heroische Pastorale – Erste Gesamtaufnahme mit Les Talents Lyriques unter Christophe Rousset – 3 CD, harmonia mundi

Bekannt von dieser Oper auf ein Libretto von Louis de Cahusac ist manchen Musikfreunden höchstens die wahrlich kühne und innovative Ouvertüre. Diese beschreibt den Schock der vier Elemente im Moment, wo sie sich aus dem Chaos voneinander lösen. Oromazès (Aimery Lefèvre), König der Genien, fordert die Geister der Elemente Erde, Feuer, Wasser und Luft auf, die Welt zu erschaffen. Die wagemutige Harmonik der Ouverture erstaunt selbst heutige Hörer stets auf neue. Christophe Rousset, der schon sehr schöne Aufnahmen von Opern Lullys (Phaeton, Bellérophon, Amadis) mit seinem Orchester, den Talents Lyriques, vorgelegt har, reüssiert nun auch bei Rameau. Die Oper wurde im Jahr 2014, im Jahr des 250 Todestages des Komponisten,  in der Opéra Royal du Château de Versailles aufgenommen. Vorangegangen waren Aufführungen in Beaune, Amsterdam und Wien.

Und die Bühnenluft, ein lebendiger Theatergeist animiert auch diese Aufnahme des musikalisch üppig reichen, bislang eher unbekannten Werks Rameaus um Liebe und Treue, Prüfungen, Sterblichkeit und Unsterblichkeit.  Die Handlung bis zum obligaten Happy End dreht viele Volten, die Gelegenheit zu effektvoller Musik oder Balletteinlagen geben.  Zais, König der Sylphen (Julian Prégardien), liebt die Hirtin Zélidie (Sandrine Piau). Die beiden kommen auch rasch zusammen, wie es sich gehört. Aber damit die Oper nicht schon am Ende des 1. Aktes zu Ende ist, gibt es auch Cindor (Benoit Arnould), einen Freund Zais‘, der vor der Mésalliance warnt und dann bei den zahlreichen Treueproben seine Finger im Spiel hat. Und nicht zu vergessen den (intriganten) Liebesgott Amor (Hasnaa Bennani) der zuvor Zais und Zélidie anbefohlen hat, dass sich ihre Liebe erst bewähren muss. Verzicht, Großzügigkeit und ein Bündel an anderen Tugenden des Liebespaars überzeugt den Gott Oromazès finalmente, beide, Zais und seine Zélidie, unsterblich zu machen.

Allerlei Zauberisches ereignet sich, Statuen erwachen zu Leben, und was tun sie? Tanzen natürlich. Aber ganz so banal ist das Wahrnehmen übernatürlicher Vorgänge nicht. Dahinter steht Rameaus Interesse für die Schriften John Lockes, die auch Rameaus Freund Denis Diderot beeinflusst haben. Aber auch die Freimaurerei hat Spuren in Zais hinterlassen. Wie Zoroastre und Les Boréades, die etwa 40 Jahren vor der Zauberflöte geschrieben wurden, geht es auch in Zais im Wesentlichen um Licht/Erleuchtung durch Initiation.

Also selbst bei einer so einfach gestrickten Handlung gibt es jede Menge an zeitgeschichtlich Interessantem zu entdecken. Wer das nicht möchte, dem bleibt, sich an einem wunderbaren Stück Musiktheater zu erfreuen, die in der vorliegenden Wiedergabe sowohl vom Orchester, den durchwegs fabelhaften Sängerinnen und Sängern, dem Chor und der wohl beispielhaften Leitung durch Christophe Rousset her typisch französische Barockmusik auf höchstem Niveau bietet. Etwas für Entdeckungsfreudige und musikalische Hedonisten! Vergleichbar der Haute Cuisine serviert Rameau im Vorspiel und den 4. Akten allerlei Köstliches, Überraschendes, Originelles, Unerwartetes, das süße Dessert nicht zu vergessen. Nach den 3 CDs kann sich der Hörer beglückt, vielleicht ein wenig erschöpft, zurücklehnen und das Genossene nachwirken lassen.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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