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JANACEK SINFONIETTA, DVORAK 9. SYMPHONY, Anima Eterna Brugge unter Jos van Immerseel

12.09.2015 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

3760014192067 - Kopie JANACEK SINFONIETTA, DVORAK 9. SYMPHONY, Anima Eterna Brugge unter Jos van Immerseel – CD Alpha Classics  

Im 30. Gründungsjahr des Ensembles Anima zeigt der unermüdliche Gründer und innovative Geist, der belgische Dirigent und Hammerklavierspezialist Jos van Immerseel, was es heißt, einen Gedanken konsequent weiter zu entwickeln. Aus den anfänglich fünf Streichern zur Aufführung von Barockmusik 1985 hat sich ein wandlungsfähiger Klangkörper entwickelt, der inzwischen bei Ravel, Tschaikovsky, Brahms, Liszt, Poulenc, Debussy und jetzt Janacek angelangt ist.

Die neueste CD, beim Label Alpha Classics erschienen, ist einem rein tschechischen Programm gewidmet. Laut Immerseel handelt es sich bei der Sinfonietta um ein Monument vom Kaliber des Sacre du Printemps, keiner Kategorie zugehörig, einer Suite mit fünf lose verbundenen Sätzen. Was aber wichtiger ist, das Resultat der neuen Sicht auf diese von einer Militärfanfare inspirierten Komposition auf historischen Instrumenten überzeugt voll. Kein Kiekser bei den Trompeten ist auszumachen, was keinesfalls eine ausgemachte Sache ist (den beiden fabulösen Trompetern Thibauld Robinne und Sebastian Schärr sei Dank); überhaupt wurde das „Blech“ den damaligen Konventionen entsprechend aus Instrumenten tschechischer, deutscher, russischer, französischer und Wiener Provenienz zusammengestellt, ein Cuvée an Farben und unterschiedlicher Stilistik, der sich zu einem gar feinen lukullischen Hörgenuss bindet. Wobei das Studium  von Aufnahmen der Lieblingsinterpreten Janaceks verrieten, das mehr Portamento und metrische sowie rhythmische Flexibilität üblich waren. Gemeinsam mit der Aufnahme von Sir Charles Mackerras und den Wiener Philharmoniker ist diese neue Sinfonietta-Aufnahme für mich maßstabsetzend.

Bei Dvoraks neunter Symphonie, einem dutzende Male eingespielten „Gassenhauer“, hat Immerseel die Orchesteraufstellung nach dem Prinzip des 18. Jahrhundert so vorgenommen, dass die Gruppe der Bässe getrennt wurde. Ansonsten lässt Immerseel Dvorak so nuanciert und tschechisch klingen, wie man sich das nur wünschen mag. Die Cellistin Hilary Metzger hat die Produktion musikwissenschaftlich betreut und viele Informationen aus den Archiven des New York Philharmonic über Stricharten, Fingersätze sowie Artikulation konnten so in die Interpretation einfließen. Besonders interessant fand ich folgenden Befund von Frau Metzger: „Ich war überrascht, wie oft tschechische Künstler nicht nur lange Noten über die vorgeschriebene Tondauer hinaus dehnten, sondern auch ihre rhythmischen Werte kürzten, um die nachfolgenden schnelleren Noten ruhiger und ausdrucksvoller spielen zu können.“ Vielleicht ist genau das das Geheimnis der  genuinen Lesart der beiden vorgelegten Werke. Dass das vorliegende Ergebnis nicht einmal in der Verdacht einer akademisch Lehrstunde verkommt, sondern zu äußerst lebendigen, inspirierten und freudvollen Aufnahmen geführt hat, ist dem traumwandlerischen Musikantentum Immerseels und seiner Mitstreiter zu verdanken. Im November feiert Jos van Immerseel seinen 70. Geburtstag. Da hat er sich selber und den Musikfreunden ein schönes Geschenk gemacht.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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