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JACK

08.09.2015 | FILM/TV, KRITIKEN

FilmCover Jack~1

Ab 11. September 2015 in den österreichischen Kinos
JACK
Österreich  /  2015
Buch und Regie: Elisabeth Scharang
Mit: Johannes Krisch, Corinna Harfouch, Birgit Minichmayr, Paulus Manker, Inge Maux, Sarah Viktoria Frick u.a.

 

Man erinnert sich noch gut daran, dass ein prominenter österreichischer Politiker den Hut nehmen musste, nachdem er den Selbstmord von Jack Unterweger mit „um den wäre eh nicht schade“ kommentiert hatte. Offenbar gab es damals schon engagierte Fans dieses Mörders, und heute, 21 Jahre nachdem er sich in seiner Zelle erhängt hat, gibt es sie noch immer. Zumindest ist Regisseurin Elisabeth Scharang diesem Medien-Mythos des Verbrechers mit den vielen schillernden Schichten seiner Persönlichkeit hoffnungslos verfallen. Ihr Film „Jack“ zeigt es – in manchmal geradezu peinlicher Art und Weise.

Nun hat ja dieser Jack Unterweger als Selbstdarsteller einiges geleistet, hat sich nach seiner für Mord abgesessenen Gefängnisstrafe nicht nur als Erfolgsautor, sondern auch als Partypflanze und vor allem als Frauenheld präsentiert. Für die Morde, die dann begangen wurden und wo er als Täter in Frage kam, fehlt die letzte Bestätigung: Unterwegers lebenslängliches Urteil war noch nicht gültig, als er sich in der Zelle erhängte – Grund genug für die Regisseurin dieses Films, an seiner Schuld zu zweifeln.

Sagen wir es, wie es ist: „Jack“ ist eine Liebeserklärung an Unterweger, wobei das Auseinanderklaffen zwischen Original und Abbild doch stark auffällt. Wer Unterweger nicht persönlich gekannt hat (also keine Chance hatte, irgendeinem dämonischen Charme zu erlegen), sieht auf den Fotos eigentlich ein bubiartiges Milchgesicht, dem man keinen zweiten Blick schenken würde. Johannes Krisch hingegen funkelt vor Dämonie, wie immer er auch dreinblickt, da ist Gefährlichkeit, Hintergründigkeit, Berechnung, der schillernde „Bösewicht zum Verlieben“ schlechthin, interessanter kann man eine Figur gar nicht machen. Nun  ja, Elisabeth Scharang sieht ihren Jack so.

Und sie hat sich seine Geschichte auch zugegebenermaßen dramaturgisch zurechtgerückt, was sie unschwer kann, denn wie will ein Toter sich wehren? Man lernt Jack und seine Freundin (des Burgtheaters Sarah Viktoria Frick) zuerst als eine Art jugendliches „Bonnie and Clyde“-Pärchen kennen, besoffen, zügellos (man darf auch beim Sex zusehen, mehr als üblich auf die Leinwand kommt), schließlich mörderisch (das sieht man nicht). Immerhin ist der Mord an dem jungen Mädchen 1976 der einzige, den Unterweger je eingestanden hat. Es bleibt festzuhalten: Der Mann war ein Mörder, ein brutaler und gewissenloser noch dazu, und nur weil „lebenslänglich“ ja leider nie „lebenslänglich“ ist, kam 1990 frei.

Nun setzt die Unterstützung der Frauen ein: Zwar kann man selbst einer so herausragenden Schauspielerin wie Corinna Harfouch nicht glauben, dass sich eine reiche Großbürgerin so heftig in Jack verliebt, dass sie ihm Luxusleben und Luxuswohnung finanziert… aber vielleicht war es so, vielleicht hatte der „Mörder“-Bonus genügend perversen Reiz.

Die Journalistin, die Birgit Minichmayr spielt, gab es wirklich, da war wohl ihrerseits die Lust auf eine Sensationsstory so groß wie die möglicherweise gar nicht so große Lust auf den Mann, der sich in der Gesellschaft herumreichen ließ, Maßanzüge bevorzugt, für Fotoserien posierte, eine mediale Sensation war.

Interessant, dass ausgerechnet Paulus Manker (wäre er jünger und schöner, hätte er den idealen Jack abgegeben) den Gefängnispsychologen spielt, der immer wieder davor warnt, man solle sich von der Story des „Resozialisierten“ nicht einkochen lassen. Dem staubigen Beamten glaubt keiner, auch wenn er recht hat.

Inge Maux hat in einer Szene die schwierige Aufgabe, als Prekariats-Mutter von Unterweger aufzutauchen und durch die Andeutung seiner unglücklich-elenden Jugend viel Schuld für das auf sich zu nehmen, was aus ihm geworden ist.

Tatsache ist, dass es zwischen 1990 und 1991, als der Autor und Society-Liebling Unterweger prominent herumgereicht und beachtet wurde,  elf Morde an Prostituierten stattfanden, und dass Unterweger stets –  in Wien, Graz, Lustenau, Prag und Los Angeles – vor Ort war. Und so dämonisch, unberechenbar und gefährlich Johannes Krisch diesen Jack auch zeichnet – man soll doch, bietet die Scharang an, zumindest zweifeln dürfen, dass er es war. Das auf der Leinwand gezeigte Geschehen bietet jedenfalls keinen Hinweis darauf.

Fazit des Films: Gott, ist er faszinierend, der böse Bube. Der Regisseurin zittern die Knie. Auch eine Art, die Sache zu betrachten.

Renate Wagner

 

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