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J. S. BACH: h-MOLL MESSE – Neuaufnahme mit dem Monteverdi Choir + Cello Suiten nach Anna Magdalena – Matt Haimovitz

21.11.2015 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

h-moll J. S. BACH – h-MOLL MESSE – Neuaufnahme mit dem Monteverdi Choir, den English Baroque Soloists unter John Eliot Gardiner – SDG Label 2 CDeine flotte Sache

123 Minuten dauert die h-Moll Messe unter Karl Richter in der berühmten Aufnahme aus dem Jahr 1962. John  Eliot Gardiner braucht in seiner neuesten Interpretation für die Realisierung derselben Partitur nur 106 Minuten, also 17 Minuten weniger. Das muss man mögen. Vom ersten Moment an fließt die Musik in einem steten entspannten Fluss, dafür streng artikuliert und prononciert akzentuiert. Wie immer bei Gardiner ist der Monteverdi Choir als einer der besten Kammerchöre der Welt Garant für eine tadellose chorische Umsetzung. Die Fugen und komplexen kontrapunktischen Sätze laufen wie am Schnürchen lupenrein intoniert und rhythmisch präzise wie eine Schweizer Uhr Parade.

Der Ansatz Gardiners nimmt der Messe viel von der spirituellen, quasi in Stein gemeißelten Größe, wie sie mich besonders in der Aufnahme unter Klemperer besonders berührt. Auf der Habenseite steht eine solch „lockere“ Bach-Rezeption im Dienste einer frappanten Natürlichkeit. Das Gloria ist wahrlich ein lachender Gruß an Gott, ein Hymnus an die Freude an Schöpfung und Dasein. Das erzeugt eine starke positive Energie und einen sonderbare Leichtigkeit, wie man sie sonst beim Anhören von Bachs Meisterwerken kaum empfindet.

Die Solisten sind allesamt keine Stars im Vergleich zu vielen früheren Aufnahmen. Hannah Morrison (Sopran), Esther Brazil (Mezzo), Meg Bragle (Alt), Kate Symonds-Joy (Alt), Peter Davoren (Tenor), Nick Pritchard (Tenor), Alex Ashworth (Bass) und David Shipley (Ebenfalls Bass) singen allesamt vibratoarm und stilistisch einwandfrei. Allerdings hinterlassen sie auch keinen individuellen footprint.

Die English Baroque Soloists spielen einfach herrlich. In den zahlreichen solistischen Passagen der Flöten, im Holz und der Blechbläsern geben allergrößte Könner in Phrasierung, Klang, Ausdruck ihr Bestes. 

Auch klangtechnisch ist diese im LSO St. Luke‘s London im März dieses Jahres entstandene Aufnahme von allererster Güte. Für Liebhaber perfekten Chorgesangs ein Muss.

Dr. Ingobert Waltenberger

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cello J. S. BACH – Cello Suiten nach Anna Magdalena – Matt Haimovitz; PENTATONE Oxingale Series 2 CD 

Der neugierige und vor allem auch als Vorkämpfer für die Rezeption moderner Celloliteratur bekannte Matt Haimovitz hat sich im Studio zum zweiten Mal mit dem Mount Everest für Cello-Solo, den Cello-Suiten von Bach, beschäftigt. Nach der „Casal’schen 20 Jahre-Regel“ entstand für das Label Oxingale Records bereits Ende 2000 die erste Einspielung. Als unermüdlicher Infragesteller des Erreichten, aber auch sensibler Nachspürer der jeweils persönlich (noch) gültigen Lesart legt Haimovitz nun eine extrem subjektive Deutung vor, die genuin aus dem Inneren schöpft und in nichts mit anderen berühmten Aufnahmen vergleichbar ist, schon gar nicht mit dem von ihm bewunderten Vorbild Pablo Casals. Bei der Neu-Erarbeitung des Notentextes spielte die aus Sicht des Cellisten dem Original am nächsten stehende Abschrift von Bachs zweiter Frau Anna Magdalena eine besondere Rolle. Bogenführung, Artikulation und Tempi sind maßgeblich davon beeinflusst.

Wie andere Cellisten (Pieter Whispelwey) verwendet Haimovitz für die Suite Nr. 6 ein Violoncello piccolo (aus dem 18. Jahrhundert von Georg Nicol), das besonders in der oberen Lage wunderschöne Hörerlebnisse beschert.

Am Beginn hat mich der Zugang von Haimovitz einigermaßen verstört. Insbesondere manche Tempi sind meinem subjektiven Gefühl nach zu schnell geraten. Da keine Angaben vorliegen, wie schnell oder wie langsam die Musik zu spielen ist, können, wie Haimovitz das im Booklet formuliert, „Betrachtungen dazu von vielen Faktoren beeinflusst sein: vom historischen Tanzstil, der Nähe der Basstöne zueinander, der kontrapunktischen Dichte, dem Gesamtimpuls sowie der Form jeder einzelnen Phrase.“ Inwieweit der Musikfreund sich mit einer seriös durchdacht und gearbeiteten Interpretation wie der vorliegenden anfreunden kann oder nicht, ist dann auch der inneren Uhr des Hörers geschuldet. Meiner „Uhr“ kommen auch manche dynamischen Wechsel zu abrupt. Was man auf jeden Fall merkt, ist aber die totale Immersion des Künstlers in musikalischen Welten Bachs. Diese Intensität macht aus der Begegnung mit dieser Neuaufnahme auf jeden Fall ein lohnendes Experiment. Wir stimmen dem Cellisten zu, wenn er meint, dass „keine Einspielung alle Bedeutungsebenen, alle Weisheiten, die ihnen innewohnen, freilegen kann.“ Matt Haimovitz hat jedenfalls mit seinem Beitrag die Diskussion und den unendlichen Kosmos Bachs um eine weitere Facette bereichert. Schon dafür gebührt ihm uneingeschränkter Dank.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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