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J. EDGAR

20.01.2012 | FILM/TV

Ab 20. Jänner 2012 in den österreichischen Kino
J. EDGAR
USA  /  2011 
Regie: Clint Eastwood
Mit: Leonardo DiCaprio, Naomi Watts, Judi Dench u.a.

Man weiß, wie gerne und gewissenhaft die Schauspieler-Regisseure Clint Eastwood und Robert Redford amerikanische Geschichte auf der Filmleinwand nacherzählen. Und dabei natürlich besonders heikle Themen aufgreifen. Es wird heutzutage allerdings keine große Erregung mehr darstellen, das Leben des legendären FBI-Chefs  J. Edgar Hoover zu betrachten, wie es Eastwood hier tut. Der Mann war verhasst wie wenige, umstritten wie wenige, aber wenn der Film etwas zeigt, dann vor allem die Geisteshaltung, die er repräsentierte – sie war in der letzten Bush-Ära noch voll wirksam: Wir sind die Guten, draußen sind die Bösen, und um diese zu bekämpfen, ist uns jedes Mittel recht. Guantanamo war die logische Folge. Heute, wo Obama-Amerika zwar auch noch viele Sorgen hat, aber nicht mehr diese, kann man gerne auf Hoover zurückblicken.

Er hielt sich wirklich für den „Guten“, aber für die Welt ist er der Inbegriff des „hässlichen Amerikaners“, und genau so spielt ihn Leonardo DiCaprio auch. Es ist geradezu faszinierend, wie aus diesem hübschen blonden Teenie-Liebling von einst aus eigenem Willen ein Charakterdarsteller düsterer Prägung und auch Optik geworden ist. Für den „J. Edgar“ wirkt er in seiner geradlinigen Verbohrtheit ideal, denn eines hat Eastwood der Figur gelassen – die Besessenheit und den Glauben an die Berechtigung des eigenen Tuns.

„J. Edgar“ ist (wie auch „The Iron Lady“, der Thatcher-Film, der demnächst in die Kinos kommt) ein „Bio-Pic“ klassischen Zuschnitts – Biographie in Schwerpunkten, auf  verschiedenen Zeitebenen erzählt, vor allem auf die Psychologie der Hauptfigur ausgerichtet, wobei Eastwood für einen optisch perfekten und brillant besetzten Rahmen sorgt.  Es geht um einen langen Zeitraum, Hoover leitete das FBI schließlich von 1924 bis zu seinem Tod 1972. Da akkumuliert sich historisch vieles, von der Verhaftung John Dillingers und der Entführung des Lindtberg-Babys (Josh Lucas  spielt Charles Lindbergh) bis zu den McCarthy-Kommunisten-Jagden, die Hoover unterstützte, Kennedys Ermordung und in die Ära Nixon hinein.

Dass dieser Hoover ein Muttersöhnchen war, macht die starke Persönlichkeit von Judi Dench als eisern entschlossene Frau im Hintergrund klar, die diesen Sohn immer wieder antreibt und bestätigt, dass er in einer homosexuellen Beziehung lebte (Armie Hammer nobel in der Rolle des Clyde Tolson), wurde in der Realität verschwiegen, wird im Film aber mit jener Selbstverständlichkeit gezeigt, mit welcher wir glücklicherweise gelernt haben, diesen Dingen gegenüber zu stehen. Toleranz war hingegen Hoovers Stärke nicht, hinter den Sex-Leben der anderen schnüffelte er pathologisch her und benützte es durchaus zu erpresserischen Zwecken …

Noch eine Fixfigur in den langen Jahren, wo viele Gestalten vorbeiziehen:  Naomi Watts altert anmutig in Gestalt seiner tausendprozentig vertrauenswürdigen Mitarbeiterin Helen Gandy, die zwar in der Jugend Hoovers Antrag ablehnt (sie versteckt sich hinter der Karriere, die sie machen will, witterte aber wohl, dass man mit diesem Mann kein privates Leben führen sollte), aber beruflich alles tut, um Hoovers Machenschaften auch zu verstecken, wo es nötig ist…

Kein sauberes Spiel, das sich da entwickelt, wie kann es auch bei einem Thema wie diesem anders sein? Ein anständiger Mann hätte das FBI, das mit so viel Verbrechen befasst war, ja wohl nicht leiten können. Hoover akkumulierte persönliche Macht mit den Dossiers, die er nicht nur über die Kriminellen, sondern auch über die Politiker anlegen ließ, was ihn persönlich unantastbar und bei allen zum Schreckgespenst machte – auch die Präsidenten haben ihn gefürchtet. Er war besessen etwa von der Verbesserung der kriminellen Verfolgungsmöglichkeiten (Fingerabdrücke, Karteien – der Mann wäre bei DNA und Computer-Kreuzrecherchen vor Seligkeit ausgeflippt).

Er war überhaupt so besessen davon, Amerika zu „beschützen“, so dass er – und das spielt DiCaprio in seiner harten Unerschütterlichkeit perfekt – nie auf die Idee gekommen wäre, dass er bei den Feinden der Freiheit in der ersten Reihe stand. Eastwoods Film zeigt es:  Nicht, dass man es nicht gewusst hätte…

Renate Wagner

 

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