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ISTVÁN KERTÉSZ AM PULT DER BERLINER PHILHARMONIKER – 4. Orchesterkonzert der Salzburger Festspiele vom 11.8.1962

02.12.2015 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

kertesz  ISTVÁN KERTÉSZ AM PULT DER BERLINER PHILHARMONIKER – 4. Orchesterkonzert der Salzburger Festspiele vom 11.8.1962 – Elisabeth Schwarzkopf triumphiert mit den 4 Letzten Liedern – ORFEO 2 CDs 

Auf dem Programm des exzellenten, in seiner unmittelbaren Konzertatmosphäre packenden Abends im (leider akustisch unzulänglichen) Mozarteum standen die 8. Symphonie von Ludwig van Beethoven, die Vier Letzten Lieder von Richard Strauss sowie das Konzert für Orchester von Béla Bartók. Den Kern des Abends bildete neben der ungemein draufgängerischen 8. Beethoven (man höre das Allegro Vivace des 4. Satzes) die Wiedergabe der Vier letzten Lieder der am 9. Dezember 1915 geborenen Starsopranistin Elisabeth Schwarzkopf. Ein Tag, der sich demnächst zum 100. Mal jähren wird. Neben der Marschallin im Rosenkavalier und der Figaro Gräfin sind vor allem die Vier Letzten Lieder wohl mit zum trefflichen Markenzeichen der Kunst dieser Sängerin geworden. Bislang waren drei Aufnahmen erhältlich: Die beiden Studioversionen aus 1953 und 1966 mit Otto Ackermann (Philharmonia Orchestra) und George Szell (Radio-Symphonie Orchester Berlin) sowie der Live Mitschnitt unter Herbert von Karajan aus den frühen 50-erJahren. Umso mehr ist die Publikation der Salzburger Festspiele mit dem leider viel zu früh bei einem tragischen Badeurlaub während eines Gastspiels in Israel 1973 tödlich verunglückten Dirigenten zu begrüßen.

Kertész, der bereits an der Budapester Staatsoper unter Otto Klemperer gearbeitet hatte, war in Salzburg bekanntlich mit Mozarts „Entführung“ und „Zauberflöte“ höchst erfolgreich. Dass er einem breiteren Repertoire ebenso Leben mittels individuell bis in die kleinste Zelle ausgestalteter, plastisch farbiger Interpretationen einhauchen konnte, dafür stehen Bartoks Konzert für Orchester sowie die 8. Beethoven beeindruckend und unwiderleglich Pate. Der Erzmusikant Kertész gab sich nie mit bloßem Virtuosentum zufrieden, sondern erzielte wie Knappertsbusch dort die größte Wirkung, wo kraftvolle Urwüchsigkeit und die vermittelte Authentizität des persönliche Gelebten Eingang in Klang und Expressivität gefunden haben.

Hier trifft sich der ungarische Maestro eigentümlicherweise mit Elisabeth Schwarzkopf, die live ebenfalls über die im Studio oftmals gepflegte pure Schönheit des Tons hinauswachsen und das Publikum mit subjektiv tief empfundenen Wiedergaben entzücken konnte. So auch anlässlich dieses Orchesterkonzerts in Salzburg. Zum gold-marmornen Glanz der berühmten Szell’schen Version gesellt sich eine feminine Spontaneität, eine dramatische Kreatürlichkeit rund um die Themen Tod und Abschied. Die in Phrasierung meisterliche und mit großer Farb- und Leuchtkraft gestaltete vokale Linie wird ganz in den Dienst der Dichtung, des musikalischen „Eigensinns“ gestellt. Darüber hinaus vermeint man ähnlich wie bei Schwarzkopfs Elvira oder Evchen eine autobiographische Wahrheit zu spüren, was einem bei genauerem Hinhören den Atem anhalten lässt. Natürlich bleibt aber alles – jede andere Deutung hätte sie sich strikt verbeten – streng im rein musikalischen Rahmen. Dieser Mut, dieses Unbedingtheit jedoch sind Voraussetzungen für ganz große Kunst. Die vorliegende Aufnahme trägt dazu bei, dass der Mythos Schwarzkopf (weiter) lebt.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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