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ISABELLE FAUST und ALEXANDER MELNIKOV – JOHANNES BRAHMS VIOLINSONATEN Nr. 2 und 3 etc.

17.09.2015 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

3149020221921 ISABELLE FAUST und ALEXANDER MELNIKOV erkunden Kammermusik auf höchstem Niveau – JOHANNES BRAHMS VIOLINSONATEN Nr. 2 und 3, Schumann Romanzen und F.A.E. Sonate von Dietrich/Schumann/Brahms – harmonia mundi CD 

Was sich simpel als die logische Vervollständigung eines Aufnahme-Gesamtprojekts der Violinsonaten von Brahms lesen könnte, entpuppt sich unter editorischen und Repertoirewertgesichtspunkten als wahre Sensation. Man verzeihe mir, dass ich die hervorragend und dank des sehr persönlichen, beinahe „feenhaften“ Tons von Isabelle Faust auch sehr persönlich interpretierten Sonaten von Brahms Op. 100 & 108 einmal beiseitelasse und mich ganz auf die auf dem Cover geheimnisvoll genannte F.A.E Sonata konzentriere. Grundsätzlich möchte ich noch festhalten, dass es für meine Ohren äußerst vorteilhaft ist, dass sich Alexander Melnikov für diese Aufnahme (anderes als beim jüngst erschienenen Schumann Klavierkonzert) für einen Bösendorfer-Flügel aus dem Jahr 1875 entschieden hat und nicht für ein Fortepiano, das älter als die Komposition selber ist und auch so klingt. Die pianistischen Fähigkeiten von Melnikov kommen dadurch erst richtig zur Geltung.

Also, was verbirgt sich hinter der geheimnisvoll unter dem Motto „frei, aber einsam“ stehenden F.A.E.-Sonate, wer ist ihr Widmungsträger (mit der seltsamen Lebensmaxime) und wer hat sie geschrieben? Ich lüfte das Geheimnis: Es handelt sich um eine Gemeinschaftsproduktion des Schumann-Schülers Albert Dietrich (1. Satz), von Robert Schumann selbst (Intermezzo und Finale – 2. und 4. Satz) und von Johannes Brahms (Scherzo – 3. Satz). Als heiteres Ratespiel für Joseph Joachim konzipiert, konnte der virtuose Geiger bei der Aufführung durch Clara Schumann und ihn selbst freilich die Komponisten der einzelnen Sätze ohne Weiteres erraten. Das Buchstabenmotto, übersetzt in die musikalische Tonfolge, war Träger des thematischen Materials in beinahe allen Sätzen. Nur Brahms schrieb ein feuriges, extravagantes Scherzo in c-moll, „dessen nervöses, ungestümes Kolorit mehr als einmal ins Gespenstische zu kippen droht“ (Roman Hinke im Booklet).

Diese nicht zuletzt wegen Schumanns unglaublich dichtem Intermezzo heute wohl eindeutig als Meisterwerk zu apostrophierende Sonate erschien in ihrer viersätzigen Gestalt erst 1935 im Druck (irrige Annahme: hybride Dinge können nicht gut sein!). Um noch einmal Hinke zu zitieren: „Wie sehr zu Unrecht ein solches Werk mit dem Etikett Randerscheinung oder Kuriosität versehen wird, mag diese Einspielung belegen.“ Ich ergänze, dass dem so spannend ungleichen Duo Faust und Melnikov nicht nur die Rehabilitation gelingt, sondern ein magisch intensives Musikerlebnis, das den Hörer sofort in seinen Bann zieht. Sie kennen das: Sie hören eine CD und sind so gefangen von einem bestimmten Track, das Sie sofort auf dem Cover nachschauen, was da soeben zu vernehmen war. Spätestens ab dem 2. Satz der F.A.E Sonate ist das der Fall. Möge diese CD noch jede Menge an neugierigen Musikliebhabern mit weit offenen Ohren finden.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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