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Instrumental-Konzerte von Britten, Korngold, Brahms, Händel und Haydn

13.02.2016 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

0825646009213 BRITTEN/KORNGOLD: VIOLINKONZERTE – Vilde Frang und das Frankfurt Radio Symphony unter James Gaffigan / Warner Classics CD / VÖ: 26.2.

Der Hit auf der CD ist das Violinkonzert von Benjamin Britten. Die im Booklet konstruierten „Gemeinsamkeiten auf den ersten Blick zwischen Korngold und Britten“  (beides Wunderkinder, beide wanderten in die USA aus und arbeiteten dort, beide haben Filmmusikerfahrung) sind Makulatur, wenn man die Qualität der beiden so unterschiedlichen Kompositionen betrachtet. Beide Violinkonzerte stehen in D-Dur, wie auch die Violinkonzerte von Beethoven, Brahms, Tschaikovsky oder Stravinsky. Bei Korngold bekommt man eine spätromantische, das Ohr umschmeichelnde Musik zu hören, die sich für meinen Geschmack ziemlich populär-kommerziell geriert. Korngold verwendete für sein Violinkonzert Material aus seiner bereits vorhandenen Filmmusik, wie „Another Dawn“, „Juarez“, „Ein rastloses Leben“ oder „Der Prinz und der Bettelknabe“.  Das Ergebnis ist ein akustisches Kanapee, auf dem sich das Ohr mit angenehmer Feder kitzeln lassen kann. Selbstverständlich spielt eine Solistin vom Range einer Vilde Frange das Violinkonzert von Korngold mit allen ausgedachten Finessen, klangschön, technisch makellos und – wo gefordert  – auch sinnlich vibrierend bzw. frech zupackend. Auch das bestens disponierte Frankfurt Radio Symphony trägt mit breit aufgefächertem Cinemascope Klang und leuchtenden Klangfarben zu einem Hörerlebnis bei, das man schätzen kann, aber nicht muss. So hat schon die New York Sun „mehr Korn als Gold“ konstatiert. Wer allerdings klingende Cremepatisserie à la Hollywood schätzt, wird von diesem Alma Mahler Werfel gewidmeten Werk begeistert sein.

Das Konzert von Benjamin Britten wurde 1940 in der Carnegie Hall unter Sir John Barbirolli aufgeführt und ist da schon aus einem ganz anderen Holz. Für den brillanten spanischen Geigenvirtuosen Antonio Brosa komponiert, bietet das dreisätzige Werk jede Menge an originellen Ideen, die dem frühen Konzert Brittens eine geniale Note verleihen. Harmonisch durchaus im spätromantischen Duktus gehalten, ähnelt die kompositorische Dichte und der dringliche Diskurs zwischen Violine und Orchester einem intimen Tanz. Vielfältige Emotionen werden durch Anklänge an spanisches Kolorit noch verstärkt. Virtuosität und breit gespannte Kantilenen charakterisieren das Konzert. Der ersten Satz, Moderato con moto, ist eine Referenz an die lyrischen Möglichkeiten der Violine. Der als Vivace-Animando-Largamente-Cadenza bezeichnete Mittelteil des Konzertes erinnert an einen Totentanz. Als letzter Satz wird in der Passacaglia dann auch von letzten Dingen erzählt. Er klingt wie eine tiefgehende Reflexion zur Zeit, in der die Musik entstanden ist. James Gaffigan ist bei Britten wie gleichermaßen bei Korngold deren herausragender Anwalt am Pult des Frankfurt Radio Symphony. Die Geigerin Vilde Frang erspielt sich mit dem Britten Konzert eine ganz großen persönlichen Triumph. Das Cover-Foto ist eigenartig artifiziell, die Aufnahme- bzw. Klangqualität der CD dagegen erstklassig.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

3149028021325 BRAHMS Klavierkonzert Nr. 1 d-Moll, HÄNDEL-Variationen – Arrau / Kubelik, Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks / PRAGA Digitals SACD

Der chilenische Pianist Claudio Arrau León, dem das neue Album von PRAGA gewidmet ist, ist sicherlich einer der besten Brahms-Interpreten der Schallplattengeschichte. Das bezeugen die vielen Tondokumente, die Arrau etwa als Interpret der Klavierkonzerte hinterlassen hat. Das reicht von den berühmten Giulini Aufnahmen mit dem Philharmonia Orchestra, die DECCA Aufnahmen unter Haitink, Mitschnitten unter Basil Cameron, Juan Pablo Izquierdo, Alexander Gibson bis hin zu seiner Zusammenarbeit mit dem Orchester des Bayerischen Rundfunks unter Rafael Kubelik.

Der Mitschnitt des ersten Klavierkonzerts aus München, aufgenommen vom Bayerischen Rundfunk am 24. April 1964, ist nichts weniger als sensationell. Die künstlerische Koppelung Arrau und Kubelik ist Garant für ein dramatisch überzeugendes Ringen um innere Seelenkämpfe von Himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt. Begonnen hat Brahms die Komposition des dreisätzigen Werks im Jahr 1854, dem Jahr des versuchten Selbstmords von Schumann. Zuerst als Sonate versucht, als Symphonie fortgesetzt entstand dann schließlich das berühmte Maestoso des ersten Satzes, das nicht nur Pianisten das Äußerste abfordert. Es ist eine emotionale Berg- und Talfahrt, ungestüm und männlich den Unbilden des Lebens trotzend, zwischen Moll und Dur changierend, die schöne Träne in stets aufrechter Pose nicht aussparend. Erstaunlich immer wieder, wie es Rafael Kubelik gelingt, in seinem strukturell strengen Ansatz den vielfältigen Gefühlen Raum zu lassen, ohne exaltierte Gesten über die musikalische Dimension hinaus zuzulassen. Claudio Arrau ist dem ein kongenialer Partner, der in der dramatischen Zuspitzung des Klavierparts sogar manchmal die spielerische Contenance verliert. Das ergibt Momente der Wahrhaftigkeit, die das Hören abseits der herrlichen formalen Beherrschung der Partitur so spannend machten. Das Live Erlebnis ist halt im besten Fall stets anregender als die perfekte Studiokonserve. Man höre nur das Rondo mit dem Allegro non Troppo des dritten Satzes, wo sich frühlingshafte Kraft und positive Lebensenergie ihren Weg in unser Ohr bahnen. Grandios, wie Claudio Arrau diesen Überschwang in einen furiosen Klavieparforceritt transponiert. Kubelik ist hier ein wahrer Hexenmeister an vorwärtsdrängender Motorik und Intensität. Das reisst den Hörer vom Sessel. Die Tonqualität lässt keinen Wunsch offen.

Ergänzt wird die CD durch die Aufnahme der Variationen und Fuge über ein Thema von Georg Friedrich Händel Op. 24, aufgenommen live in Lugano vom Radio Swizzera Italiana am 20. Mai 1963. Das Werk mit 25 Variationen samt Fuge hat Brahms für den 42. Geburtstag von Clara Schumann kreiert. Und wieder einmal zeigt Claudio Arrau, was er zusätzlich zu seinem festen konkreten Anschlag alles an musikalischer Verführungskunst drauf hat, selbst wenn das barocke Thema doch eher nüchtern beginnt. Je weiter die Variationen  fortschreiten, umso mehr sind Brahms Kompositionskunst und des Interpreten Fähigkeit, diese kongenial in klingende Geschichten zu gießen, zu bewundern. Was übrigens auf Brahms bezogen schon Richard Wagner tat. Und so wird aus den (strengen) „Variationen für einen lieben Freund“ ein Liebeszeugnis eines Komponisten für eine Frau, das in seinem beinahe unendlichen Kosmos mehr als tausend Gedichte aufwiegt.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

0825646052042 JOSEPH Haydn Concertos – Il Pomo d’Oro / Erato 2 CDs –

Maxim Emelyanychev brilliert am Cembalo und als Dirigent 

Haydn hat neben über hundert Symphonien und 70 Streichquartetten auch 40 Konzerte geschrieben. Auf der vorliegenden Neueinspielung ist das Violinkonzert in G-Dur, das Hornkonzert in D-Dur, die Cembalokonzerte in G-Dur und D-Dur sowie das Konzert für Violine und Cembalo in F-Dur zu hören. Ergänzt wird dieses Programm eher bekannter Stücke durch die Symphonie Nr. 83 „Die Henne“ (die zweite aus den Pariser Symphonien) und die Fantasie in C-Dur für Cembalo solo. 

Das forsch zupackende Originalklangensemble Il Pomo d‘Oro wird von Riccardo Minasi (auch Violine solo) bzw. Maxim Emelyanychev geleitet. Das von der Tessitura her extrem schwere Hornsolo wird von Johannes Hinterholzer auf einem Naturhorn beeindruckend klangschön und ohne „Kiekser“ gespielt. Absolute Höhepunkte der CDs sind das für die blinde österreichische Pianistin Maria Theresia von Paradis komponierte „Klavierkonzert“ in G-Dur und das noch bekanntere Klavierkonzert in D-Dur. Beide werden vom Russen Maxim Emelyanychev nicht nur mit unglaublichem Brio, dynamisch differenziert und höchster Anschlagskunst, sondern auch mit unbändiger Spiellaune realisiert. Damit holt dieser Wundermusiker aus Dzerjinsk Haydn ins Hier und Jetzt. Der Hörer kommt vor lauter Staunen über die Brillanz des Spiels vielleicht zur Erkenntnis, dass Mozart zwar beim Genre Klavierkonzerte sicher die Nase voraus hat, aber nicht so weit, wie vielleicht angenommen. Maxim Emelyanychev hat sich auch als Dirigent schon einen Namen gemacht. So hat er etwa das gelungene Album Arie Napoletane mit Max Emanuel Cencic musikalisch glänzend geleitet. 

Das Violinkonzert in G-Dur wurde für Luigi Tomasini, den italienischen Virtuosen und Orchesterleiter auf Schloss Esterhàzy geschrieben. Riccardo Minasi führt als allseits bekannter Virtuose und Leiter des Ensembles vor, wie man sich Haydn nicht nur formal aus Barocksicht nähert. „Rohrau am Lido“: Minasi überträgt den tänzerischen Schwung Vivaldis auf den niederösterreichischen Meister. Diese Italianità  verleiht dem Haydn’schen Kosmos exakt das Mehr, das es braucht, um den Komponisten aus seiner altväterlichen Ecke zu holen. Interpretation als direkter Draht zwischen Ohr und Herz. 

Von den zwei erhaltenen Bläserkonzerten (Trompeten- und Hornkonzert) haben die Produzenten das Hornkonzert gewählt.  Warum dann allerdings auf eine weitere Konzertaufnahme zugunsten der Symphonie Nr. 83 verzichtet wurde, erschließt sich mir ungeachtet der hohen Qualität der Darbietung bei der programmatisch „Concertos“ getauften Box nicht. 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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