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INNSBRUCK: ORPHÉE ET EURIDICE – der Tanztheaterchef als Opernregisseur

03.06.2017 | Oper

INNSBRUCK
„ORPHÉE ET EURIDICE“ – der Tanztheaterchef als Opernregisseur (Pr. 20.5., bes. 2.6.2017)

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Aco Aleksander Biscevic, Sophia Theodorides, Susanne Langbein. Copyright: Rupert Larl

Enrique Gasa Valga, vormals Tänzer am TLT und seit 2009 Chef der Tanzcompany des Hauses, schuf in den Jahren seiner Direktion das Kunststück, das ohnehin schon für Tanzproduktionen anfällige Tiroler Publikum dank größtenteils überzeugender Choreographien und einem erstklassigen Tänzersensemble in einen Taumel der Glückseligkeit zu versetzen. Der über Rattenfängercharme verfügende, im örtlichen Stadtbild omnipräsente Spanier und seine Tänzer sorgen stets für ein volles Haus und einen darüber strahlenden Intendanten. Was lag also näher, Gasa Valgas Wunsch nach einer Opernregie bereitwilligst nachzukommen.

Wie schon so viele seiner Fachkollegen, die zur Oper gier(t)en, fiel die Wahl auf Christoph Willibald Glucks Orpheus-Vertonung. Nicht in der vertrauten italienischen Fassung von 1762, sondern um die um etliche Tanznummern reichere Pariser Version von 1774. Ein Grund mehr, dass sich das Interesse der Tanzfreaks erneut auf die Neukreation von Gasa Valga und seiner fabelhaften Company richtet. Der Opernbesucher indes richtet sein primäres Augenmerk auf die edle Musik des Opernreformators Gluck sowie in zweiter Linie dem Regiedebütanten. Der erste Teil des Abends (dieser endet mit dem wahrhaft furios choreographierten, beinahe akrobatischen Furientanz) zeigt einen noch eher neutralen Ansatz  bei der Führung der Sänger. Aber nach der Pause macht sich die Pranke des Theaterlöwen umso stärker bemerkbar. Absoluter Höhepunkt ist die spannungsgeladene, mit den Ausdrucksmitteln des Tanzes unterstrichene leidenschaftliche Auseinandersetzung zwischen Orphée und Euridice, wenn diese mit allen Mitteln versucht, dass Orphée sie ansieht. In dieser Szene konnten sich die beiden Titelrollensänger schauspielerisch voll einbringen.

Als sängerischer Glücksfall erweist sich der Slowene Aco Aleksander Biscevic, einer der wenigen Tenöre, der mit der unangenehm hohen Lage des Orphée bestens zurecht kommt und die von Gluck eingeforderte Kunst eines „Hautecontre“  einzulösen vermag – dies alles mit einer perfekt sitzenden Stimme von betörendem Klang. Susanne Langbein berührt als leidenschaftliche Euridice mit beseeltem Sopranglanz, der etwas unglücklich ausstaffierte und sich neckisch geben müssende Amour ist bei der süßstimmigen Sophia Theodorides bestens aufgehoben. Der beherzt ins Geschehen eingreifende Chor des TLT (Einstudierung Michel Roberge) zeigte sich stimmlich und auch tänzerisch von seiner besten Seite.

Ein Ereignis für sich ist die großartige Bühnenlösung von Helfried Lauckner. Eine riesige, lamellenartige Konstruktion, welche zuerst als Begrenzung dient, dann aber von hinten nach oben gekippt wird und – unterstützt durch eine faszinierende Lichtregie – die verschiedenen Handlungsebenen verdeutlicht. Günther Egger steuerte einige Video- und Fotoprojektionen bei – hübsch anzusehen. Andrea Kuprian, wie Lauckner stets bei  Gasa-Valga-Produktionen mit von der Partie, schuf zeitlose Kostüme und für Euridice ein besonders schönes Brautkleid.

Seokwon Hong und das hoch motivierte Tiroler Symphonieorchester Innsbruck bringen Glucks prachtvolle, zu Herzen gehende (weil so ehrliche) Musik prächtig zum Erklingen und das konzentriert lauschende Publikum zum Jubeln.

Klar, dass auch die Tänzer ihr verdientes Jubel-Fett reichlichst abbekommen. Wir haben zu danken: Lara Brandi, Sayumi Nishii, Brigida Pereira Neves, Alessia Peschiulli, Chiara Ranca, Anna Romanova, Marie Stockhausen, Alice White, Jeshua Costa, Calogero Failla, Mingfu Guo, Léo Maindron, Gabriel Marseglia, Samuel Maxted, Federico Moiana, Samuel Francis Pereira.    

Dietmar Plattner

 

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