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INNSBRUCK: EIN WALZERTRAUM

28.12.2012 | Allgemein, KRITIKEN, Oper

Innsbruck: „EIN WALZERTRAUM“ 27.12. 2012 (Premiere 15.12.) – Preußen contra Wien


Stimmige Fürstentum-Kulisse in Innsbrucks „Walzertraum“. Copyright: Rupert Larl

Eine Lebenspartnerschaft oder gar Ehe funktioniert nur, wenn gegenseitiges Interesse und beidseitiger Wille existiert, Mentalität und Kultur des anderen zu verstehen und akzeptieren. Ganz besonders wenn sie verschiedener Herkunft und Lebensweise entstammen. Ein zeitloses, bei der heute üblichen Multikultur umso aktuelleres Thema. Genau das ist der Kern der Handlung dieser 1907 im Wiener Carltheater uraufgeführten Operette und straft alle Vorwürfe von Altmodischsein dieses Genres Lügen. Zusammen mit Lehárs „Lustiger Witwe“ schlug sich das Hauptwerk des nicht zur berühmten Walzer-Dynastie zählenden Oscar Straus um den Rekord an Aufführungszahlen. Warum es um das nach einer Novelle von Hans Müller gemeinsam mit den Librettisten Felix Dörmann und Leopold Jacobson entworfene Stück heute recht ruhig geworden ist, kann in Anbetracht des auf der Höhe einiger Dauerbrenner befindlichen musikalischen Erfindungsreichtums und seiner melodischen Schlagkraft nicht nachvollzogen werden – selbst wenn eine Aufführung wie die aktuell am Tiroler Landestheater zu sehende dem vollkommenen Operetten-Glück einiges schuldig bleibt.

Das betrifft weniger die szenische als die musikalische Komponente. Stefan Tilch hat dankenswerterweise keinen Versuch unternommen, das in der Entstehungszeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts verwurzelte Stück einer Zwangs-Modernisierung zu unterziehen. So konnten die beiden britischen Ausstatter Charles Cusick Smith und Philip Ronald Daniels ihrer Lust an einer kontrastreichen Ästhetik zwischen verstaubter Noblesse und erfrischendem Wienertum freien Lauf lassen. Geschickt wird im ersten und dritten Akt die Drehbühne dazu benutzt, die wechselnden Räumlichkeiten des Schlosses des norddeutschen Fürstentums Flausenthurn (Vorraum, Empfangshalle, Schlafgemach) ohne störende Pausen schnell parat zu haben, während der zweite Akt den Pavillon im Park samt rückwärtigem Mini-Wohnwagen zeigt, in dem die mit ihrer Damenkapelle reisende Dirigentin Franzi wohnt. Die Gegensätze von dunkler, ländlicher Biederkeit und strenger Hofetikette sowie hellem Wiener Jugendstil, in den sich das Schloss zur Erzielung eines dauerhaften Glückes der preußischen Prinzessin Helene und des Wiener Leutnants Baron Niki auf rasche Weise verwandelt und dem zunächst erzwungenen Gemahl endlich Luft zum Atmen gibt, sind im Detail treffend veranschaulicht. Der Umbau vom zweiten zum dritten Akt wird durch die Einlage eines Extempores in Nestroy-Manier vor dem Vorhang überbrückt, das mit Begleitung eines Teils der Damenkapelle in wechselnden solistischen Einsätzen in bewährt humoristischer Form Bezug auf das Geschehen nimmt. Ob der regierende Fürst Joachim sich bei seiner Ansprache zur Vorstellung des Hochzeitspaares als vertrottelter Aristokrat geben muss, bleibe dahin gestellt; entscheidend ist, dass die Regie die Handlungssituationen ohne Umschweife auf den Punkt bringt und vor allem die zentralen Begegnungen von Niki und Helene, deren kühle Hausbackenheit ihm zunächst fremd bleibt, und Franzi, mit der er gleichzeitig seine geliebte Heimat zu umklammern versucht, aber auch den Wandel der beiden Kontrahentinnen zu Freundinnen, glaubhaft ausspielen lässt.

Problematisch wird die Regie nur dort, wo die zum Verständnis so wichtige Wiener Eigenart aufgrund mangelnder Dialekt-Fähigeit der betreffenden Besetzungen in einem fragwürdigen Pseudo-Klang nicht richtig zum Tragen kommt. Zum Glück wurde ihr auf der musikalischen Ebene Rechnung getragen, wo Dirigent Hansjörg Sofka dem Tiroler Symphonieorchester Innsbruck zwar manchmal etwas verhuscht und dynamisch einförmig, aber doch mit Gespür den speziellen Reiz des Wienerischen und überhaupt den Wechsel von Schmiss und Sentiment, von Melancholie und Heiterkeit zu entlocken vermochte.

Im vokalen Bereich herrschte Licht und Schatten, wobei jene Momente, in der die Operette ihren überrumpelnden verführerischen Glanz ausspielen kann, leider sehr sparsam gegeben waren. Dafür fehlte es einfach an den erforderlichen gehaltvollen und strahlenden Stimmen sowie an restlos überzeugenden Gesamtkunstwerken der Figuren. Viel Herz, Einfühlsamkeit und im Hinblick auf ihre Vorahnungen passende Wehmut legte Susanne Langbein in die Gestaltung von Franzi, beglaubigt durch einen klaren, präzise ansprechenden und sich in der Höhe blühend öffnenden Sopran, dem es allerdings – bei der Operette generell oft aufgrund des phasenweise symphonisch eingesetzten Orchesters – an einer tragfähigen Mittellage fehlt. Mit Ausnahme von Christine Buffle, die als zunächst spröde, zuletzt lieblich auftauende Helene im mittleren Bereich Biss zeigt, dafür aber im Höhenregister zur Strenge neigt. Um bei den Damen zu bleiben: Kristina Cosumano bringt als Oberkammerfrau Friederike komödiantischen Sinn und eine brauchbare, wechselnd präsente dunkel getönte Stimme ins Spiel ein.

Michael Heim machte als Niki bis auf einen geringen Mangel an wienerischem Charme eine recht glaubhafte Figur zwischen Befangenheit und Begierde, doch entfaltete sein angenehmer, in der Mitte auch eher schmaler Tenor nur in einigen kurzen Spitzentönen das erwünschte Operetten-Leuchtfeuer. Sein Kompagnon Montschi hätte in Gestalt des ordentlich singenden Florian Stern besser ins Fürstentum als ins Wiener Garde-Regiment gepasst. Kurt Schober verleiht dem Fürsten Joachim trotz anfänglich parodistischem Einschlag eine gewisse adelige Würde samt gehaltvollem Bariton, und Dale Albright hat als gräflicher Vetter des Fürsten und heimlicher Verehrer Helenes hinreichend Gelegenheit seine kabarettistische Treffsicherheit auszuspielen und im köstlichen Piccolo-Duett mit Franzi auf seine hier nicht störende durchsetzungsfähige Charakterstimme aufmerksam zu machen. Irene Knapp als mütterliche Tschinellen-Fifi und Renate Fankhauser als quirlige Musikantin Annerl komplettieren das Personenregister. Der Chor des TLT füllt seine kurzen Auftritte als Gesellschaft und Dienerschaft situationsgemäß aus, während acht Solisten der Tanzcompagnie in einer die musikalisch tragenden Motive sinnbildlich verlängernden und überhöhenden Choreographie ihres Leiters Enrique Gasa Valaga mehr als nur Einlagen-Füllmaterial bieten.

„Es war recht nett, es hat mich sehr gefreut“- dieses mehrmals im Stück benützte Kaiser Franz Joseph-Zitat fasst den Gesamteindruck dieses Abends genau zusammen.

Udo Klebes

 

 

 

 

 

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