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INNSBRUCK/ 45. Festwochen der Alten Musik: L’IDALMA OVERO CHI LA DURA LA VINCE von Bernardo Pasquini. 4. Vorstellung

13.08.2021 | Oper in Österreich

Bernardo Pasquini: L’Idalma overo Chi la dura la vince • 45. Innsbrucker Festwochen der Alten Musik, Grosser Saal im Haus der Musik, Innsbruck • Vorstellung: 12.08.2021

 (4. Vorstellung • Premiere am 06.08.2021)

 «Wer durchhält, gewinnt»

 

Wer durchhält, der gewinnt, lautet die Moral der Geschichte, das Fazit der Oper. Das gilt für die Liebe eines anderen, aber auch ganz simpel für den Opernabend. Denn mit ihrer diesjährigen Ausgrabung, Bernardo Pasquinis «L’Idalma overo Chi la dura la vince», ist den Festwochen der Alten Musik einmal mehr ein grosser Wurf gelungen.

INNSBRUCK/ Festwochen der Alten Musik: IDALMA von Bernardo Pasquini.  „Opernausgrabung“Online Merker

Idalma, 3. Akt; Foto © Birgit Gufler

Die Inszenierung von Alessandra Premoli spielt in der Gegenwart am Ort der Uraufführung, dem Teatro Capranica in Rom (Bühnenbild: Nathalie Deana). Die Protagonisten der Oper sind die Protagonisten der Uraufführung (Kostüme: Anna Missaglia): sie treten als Geister auf. Diese Vergangenheitsebene mischt sich mit der Gegenwart, verkörpert von einer Architektin und zwei Bauarbeitern, die sich um die Restaurierung des Teatro Capranica kümmern. Wenn sich die Protagonisten zur «scena ultima» versammeln, ist die Situation nicht mehr ganz so gespenstisch: das Teatro ist aufgeräumt und sanft renoviert und die Farben der Kostüme wirken nun etwas kräftiger. Alles was da war, ist geblieben und wurde aufgefrischt, nichts Neues hinzugefügt. So könnte die Architektin auch für Giovanna Barbati und Alessandro de Marchi stehen, die auf Grundlage der Handschrift V. m. 19 der Bibliothèque nationale de France die Neuedition erarbeitet (Übersetzung: Albert Gier) haben, und die Bauarbeiter stehen für die an der Produktion Beteiligten, die die ersten Aufführungen der Neuzeit ermöglichen. Und das Fazit, «Chi la dura la vince», «Wer durchhält, gewinnt», steht für die Ebene der Zukunft: die ersten beide Akte über sind nur die Trümmer der Inschrift an der Wand zu sehen. Während des dritten Akts ist die Inschrift verhüllt und wird zum Finale dann wieder enthüllt, bestätigt. Premolis Inszenierung kommt dem Stück sehr zugute, da sie den Protagonisten Raum gibt die Affekte ausführlich darzustellen und den Zuschauer nicht wirklich von der Musik ablenkt. Was der Zuschauer der Gegenwart als Länge empfindet, kann die Inszenierung nicht glätten. Und der Effekt «Arme hoch – Licht an» ist relativ rasch abgedroschen (ansonsten passendes Lichtdesign von Antonio Jesús Castro Alcaraz).

Bernardo Pasquinis Commedia per musica in drei Akten auf ein Libretto von Giuseppe Domenico de Totis wurde am 6. Februar 1680 in Rom im Teatro Capranica uraufgeführt. Pasquini, 1637 in der nördlichen Toskana geboren, kam bereits mit 18 nach Rom, das für den Rest seines Lebens seine Heimat bleiben sollte und wo er rasch Karriere machte. Vom Organisten entwickelte er sich zum gefragten Komponisten in allen Gattungen, über vierzig Jahre im Dienst der Familie Borghese, und Lehrer bis zum wichtigsten Opernkomponisten seiner Zeit an den Theatern Roms. In den Forschungen zur italienischen Oper tauchen sein Name und der seiner Zeitgenossen kaum je auf, denn auf dem Irrtum beruhend, das Papsttum habe eine Entwicklung der Oper in Rom massgeblich gehemmt, wird die venezianische Oper als zentral angesehen und die römische kaum beachtet. Kuriale Verbote untersagten wiederholt den Betrieb öffentlicher Theater, führten aber nie zu einer Krise der Oper, denn die adligen Mäzene stellten im Falle eines Verbots jeweils Privaträume für Opernaufführungen zu Verfügung. Gerade diese adligen Mäzene, die mit den Stellvertretern Petri kamen und gingen und der dadurch forcierte Wettbewerb sind ein besonderes Charakteristikum der römischen Oper. Und mit diesem Wettbewerb steht die Idalma Pasquinis, der zwischen 1672 und 1692 jährlich eine Oper komponierte, in besonderem Zusammenhang. 1678 beschlossen Gianlorenzo Bernini und seine Söhne, die das Teatro al Corso führten, nicht mehr auf Pasquini sondern den jungen Alessandro Scarlatti zu setzen. Das konkurrierende Teatro Capranica unter Führung von Pompeo Capranica schlug sofort zu und engagierte Pasquini. Pasquinis Oper des Jahres 1679, «Dov’è amore è pietà», war, vermutlich bedingt durch eine schnelle Komposition und eilige Einstudierung, ein Misserfolg. Umso wichtiger war es den Mäzenen des Capranica im folgenden Jahr zu reüssieren und so wurde «L’Idalma overo Chi la dura la vince» frühzeitig und mit ausreichenden Mitteln geplant und einstudiert. Pompeo Capranica liess das Theater umbauen und für die Aufführung wurde ein Team erstklassiger Künstler verpflichtet. «Idalma» wurde zu einem grossen Erfolg: das exemplarische Meisterwerk der Gattung «Commedia per musica» blieb über ein Jahrzehnt im Umlauf.

So wie damals wurde auch in Innsbruck der Saal angepasst – das Tiroler Landestheater wird bis im Herbst saniert und so musste man in einen Konzertsaal, den Grosser Saal im Haus der Musik, ausweichen, und ein Team erstklassiger Künstler, in der Mehrheit Gewinner des festivaleigenen Cesti-Preises, engagiert. Arianna Vendittelli verkörpert die Hauptfigur mit allergrösster Verve und füllt alle ihr zugedachten Affekte bestens aus. Rupert Charlesworth Lindoro, den Gatte der Idalma und Nachkommen Don Juans (auch er führt ein Register) mit wunderbar metallischem Tenor. Die Entdeckung des Abends ist der Contralto von gewaltigem Ambitus von Margherita Maria Sala, die die Irene mit enormer Bühnenpräsenz verkörpert. Mit einem aussergewöhnlich hellen, bombensicheren, im wieder an Tenori die grazia erinnernden Tenor gibt Juan Sancho den Celindo, den Gatten der Irene. Ebenfalls sehr hell timbriert ist der Bariton von Morgan Pearse, der Irenes Bruder Almiro singt. Anita Rosati als Dorillo ist ein Page, wie man sich ihn besser nicht vorstellen könnte. Rocco Cavalluzzi brilliert mit enorm beweglichem und wohltönendem Bass als Lindoros Diener Pantano. Alessandro de Marchi hat für sein Herzensprojekt ein Sängerensemble engagiert, wie man es sich besser nicht denken könnte!

Mit dem Innsbrucker Festwochenorchester unter Leitung von Alessandro de Marchi steht auch das beste denkbare Orchester zu Verfügung. Mit einem so inspirierten und enorm farbenreichen Klang werden die knapp viereinhalb Stunden zum Hochgenuss!

Die Produktion bestätigt den Ausnahmerang der Innsbrucker Festwochen der Alten Musik.

Weitere Aufführung im Grossen Saal im Haus der Musik:

Montag, 16. August, Beginn: 18.30 Uhr, Ende: ca. 23.00 Uhr, Einführungsgespräch: 17.30 Uhr

14.08.2021, Jan Krobot/Zürich

 

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