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INFOS DES TAGES (SONNTAG, 11. JULI 2021)

11.07.2021 | Aktuelles

INFOS DES TAGES (SONNTAG, 11. JULI 2021)

ERL/Tiroler Festspiele: DAS RHEINGOLD – Kurzkritik der Premiere am 10. Juli 2021

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Foto: Xiomara Bender/ Festspiele Erl

Ein großer Abend im Erler Passionsspielhaus!

Gestern Abend fand die lang erwartete Premiere des Vorabends des neuen Erler „Ring des Nibelungen“ in der Inszenierung von Brigitte Fassbaender unter der musikalischen Leitung von Eric Nielsen statt. Wir erlebten am Abend nach der nicht ganz so überzeugenden Premiere der „Königskinder“ von Engelbert Humperdinck, die im Festspielhaus stattfand, ein die Erwartungen noch übertreffende erstklassige Aufführung des „Rheingold“ im Passionsspielhaus, wo auch Gustav Kuhn immer schon seine Wagner-Produktionen aufführen ließ…

Zur Kurzkritik von Klaus Billand
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STREAM-EMPFEHLUNGEN / AIX EN PROVENCE: TRISTAN UND ISOLDE  / LE NOZZE DIE FIGARO

Opern-Feuerwerk in Aix-en-Provence: Figaro, Falstaff und Tristan feiern  Premiere | News und Kritik | BR-KLASSIK | Bayerischer Rundfunk
Auf den Kopf gestelltes Finale in der U-Bahn. Isoldes neuer Lover, Isolde (Nina Stemme) und Tristan (Stuart Skelton). Foto: Youtube

Inszenierung: Simon Stone

https://www.arte.tv/de/videos/104666-001-A/wagner-tristan-und-isolde-live-aus-aix/

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LE NOZZE DI FIGARO: Hengelbrock,; J. Wagner, Fuchs, Desanders; Orendt, Schuen.

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Le Nozze di Figaro. Foto: Youtube

Inszenierung: Lotte de Beer

https://www.arte.tv/de/videos/103061-001-A/le-nozze-di-figaro-live-aus-aix/

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MÜNCHEN/Festspiele: Einige Umbesetzungen

Festspiel-Konzert AIDA: Umbesetzung der Amneris

Beim Festspiel-Konzert Aida im Rahmen von Oper für alle am 17. Juli 2021 übernimmt Judit Kutasi die Rolle der Amneris für Anita Rachvelishvili.

Kutasi Judit | Bayerische Staatsoper
Judit Kutasi. Foto: Bayerische Staatsoper

Judit Kutasi, geboren in Timisoara/Rumänien, studierte an der Universität Oradea sowie an der Musikakademie Gheorghe Dima in Cluj-Napoca/Rumänien und absolvierte Meisterklassen bei Virginia Zeani, Fabio Luisi, Brigitte Fassbaender, Ann Murray, Francisco Araiza und Christoph Loy. Sie war Ensemblemitglied am Opernhaus Zürich, wo sie in Opern wie Pique Dame, Falstaff, La fanciulla del West und Die Frau ohne Schatten zu erleben war. Gastengagements führten sie u. a. an die Deutsche Oper Berlin, die Staatsoper Hamburg, das Teatro alla Scala in Mailand, das Teatro Massimo in Palermo sowie zum Arena di Verona Opernfestival. Zu ihrem Repertoire gehören Partien wie Erda (Siegfried), Ulrica (Un ballo in maschera), Amneris (Aida) sowie die Titelpartie in Carmen.

Judit Kutasi an der Bayerischen Staatsoper

LE NOZZE DI FIGARO: Umbesetzung des Antonio

In der Vorstellung von Le nozze di Figaro am 14. und 16. Juli 2021 wird Karel Martin Ludvik die Partie des Antonio für Milan Siljanov singen.

Karel Martin Ludvik studierte Gesang an der McGill University Montreal, an der Hochschule für Musik Augsburg sowie an der Dutch National Opera Academy. Seit der Spielzeit 2016/17 ist er Ensemblemitglied am Aalto-Theater Essen. Gastengagements führten ihn u. a. nach Amsterdam, Basel, Innsbruck, Wiesbaden, Hannover, Oldenburg, Dortmund und Gelsenkirchen sowie zu den Festivals von Aix-en-Provence und Rotterdam. Zu seinem Repertoire gehören Partien wie Fasolt (Das Rheingold), Heerrufer (Lohengrin), Melot (Tristan und Isolde), Wassermann/Jäger (Rusalka), Micha (Die verkaufte Braut), Pistola (Falstaff), Antonio (Le nozze di Figaro), Masetto (Don Giovanni), Zuniga (Carmen), Crespel/Spalanzani/Schlémil (Les Contes d’Hoffmann) und Kuno (Der Freischütz).

OTELLO: Umbesetzung des Montano

In den Vorstellungen von Otello am 21. und 24. Juli 2021 wird Patrick Guetti die Rolle des Montano für Milan Siljanov singen.

Patrick Guetti studierte an der Academy of Vocal Arts in Philadelphia und absolvierte das Studioprogramm an der Santa Fe Opera sowie das Filene Artist Program der Wolf Trap Opera und war Mitglied des Patrick G. and Shirley W. Ryan Opera Center der Lyric Opera of Chicago. Seit der Spielzeit 2019/20 ist er Ensemblemitglied an der Deutschen Oper Berlin. Gastengagements führten ihn an Häuser wie die Opera Philadelphia, die Dallas Opera, die Staatsoper Stuttgart, zum Glyndebourne Festival sowie zusammen mit dem Los Angeles Philharmonic in die Hollywood Bowl. Sein Repertoire umfasst Rollen wie Fafner (Das Rheingold, Siegfried), Daland (Der fliegende Holländer), Graf Horn (Un ballo in maschera), Don Basilio (Il barbiere di Siviglia), Sarastro (Die Zauberflöte), Der Komtur (Don Giovanni) und Osmin (Die Entführung aus dem Serail).

SALOME: Umbesetzung des Jochanaan

In den Vorstellungen von Salome am 25. und 28. Juli 2021 wird Wolfgang Koch die Rolle des Jochanaan für Iain Paterson übernehmen.

Wolfgang Koch studierte Gesang in München und war anschließend Ensemblemitglied am Stadttheater Bern, am Staatstheater Stuttgart und an der Wiener Volksoper. Er gastierte u. a. an den Opernhäusern in Hamburg, Berlin, Frankfurt, Tokio, Zürich, Wien, Mailand, Paris und New York sowie bei den Festspielen in Bregenz, Salzburg und Bayreuth. Zu seinem Repertoire gehören Partien wie Scarpia (Tosca), Barak (Die Frau ohne Schatten), Wotan (Der Ring des Nibelungen), Mandryka (Arabella), Don Pizarro (Fidelio), Jochanaan (Salome) und die Titelpartien in Aribert Reimanns Lear und Paul Hindemiths Mathis der Maler. 2014 wurde er zum Bayerischen Kammersänger ernannt.

Wolfgang Koch an der Bayerischen Staatsoper

TANNHÄUSER: Umbesetzung der Venus

In der Vorstellung von Tannhäuser am 11. Juli 2021 wird Elena Pankratova die Rolle der Venus für Daniela Sindram übernehmen.

Elena Pankratova, geboren in Jekaterinburg/Russland, studierte Gesang u. a. am Rimski-Korsakow-Konservatorium in St. Petersburg. 2010 gelang ihr der internationale Durchbruch als Färberin (Die Frau ohne Schatten) beim Maggio Musicale Fiorentino. In dieser Partie debütierte sie u. a. auch am Teatro alla Scala in Mailand, an der Staatsoper Unter den Linden in Berlin und am Royal Opera House Covent Garden in London. Sie war als Kundry (Parsifal) und Ortrud (Lohengrin) bei den Bayreuther Festspielen zu erleben. Weitere Gastengagements führten sie u. a. an die Opernhäuser von Berlin, Dresden, Wien, Genf, Lyon, Amsterdam und St. Petersburg. Zu ihrem Repertoire gehören Partien wie Leonore (Fidelio), Venus (Tannhäuser), Brünhilde (Siegfried), Amelia (Un ballo in maschera), sowie die Titelpartien in Norma, Elektra, Turandot und Ariadne auf Naxos.

Elena Pankratova an der Bayerischen Staatsoper
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NATIONALTHEATER MANNHEIM: Premiere ALBERT HERRING (ML: Alexander Soddy, R: Cordula Däuper)

Ein verrücktes Jahr liegt hinter uns allen, das uns sehr viel Kreativität, Flexibilität und Geduld abverlangt hat. Umso schöner ist es, die Spielzeit mit den letzten Livepremieren ausklingen lassen zu können.

Freuen Sie sich z.B. auf Rameaus opulente Oper »Hippolyte et Aricie«, die nach ihrer Onlinepremiere im April am 24. Juli erstmals vor Livepublikum gezeigt wird. Kurz vorher, am 18. Juli, feiert aber noch Benjamin Brittens komische Oper »Albert Herring« Premiere im Opernhaus.

Unter der Musikalischen Leitung von Generalmusikdirektor Alexander Soddy entwirft die Regisseurin Cordula Däuper eine skurril bunte Welt, die die liebevolle und zugleich abgründige Geschichte des Außenseiters Albert Herring perfekt in Szene setzt. Ihr Gespür für Witz und Timing sowie für liebevolle Figurenzeichnung hat Däuper in Mannheim bereits mit »Die Liebe zu drei Orangen«, »Aschenputtel« und »Don Pasquale« eindrucksvoll bewiesen.

In »Albert Herring« ist Lady Billows wild entschlossen, mit der Kür einer Maikönigin der Sittenlosigkeit im beschaulichen Dorf Loxford Einhalt zu gebieten. Da sich keine geeignete Kandidatin findet, soll schließlich Albert Herring, der Sohn der Gemüsehändlerin, als Maikönig herhalten. Dieser findet sich schließlich inmitten übergestülpter Rollen- und Moralvorstellungen wieder und begibt sich auf die Suche nach seinem eigenen Ich. In einer überraschenden Wendung holt er schließlich zum Befreiungsschlag aus!

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Die wichtigsten Tempo-Bezeichnungen in der Musik und ihre Bedeutung:

Die wichtigsten Dynamik-Bezeichnungen in der Musik und ihre Bedeutung:

https://my-music-lounge.de/wp-content/uploads/2016/03/Tempo-Dynamik-Bezeichnungen-in-der-Musik.pdf

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DIE FIRMA NETREBKO IN ATHEN

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Über das Konzert berichten wir morgen an dieser Stelle

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Papier! Papier! Papier!

Von Andrea Matzker und Dr. Egon Schlesinger

HA Schult macht wieder einmal mehr aufmerksam auf Missstände. Eigentlich müssten Zeitungen gleich recycelt werden, nachdem sie gedruckt und gelesen wurden. In jedem Fall ist er, genauso wie die Autoren dieses Berichts, ein glühender Anhänger und Vertreter der Leserschaft, die am Tag noch drei bis vier Tageszeitungen, die sie in der Hand halten kann, liest. Damit allerdings gehört man scheinbar zur aussterbenden Zunft heutzutage, denn weshalb sonst sollten so viele Tageszeitungen Existenzschwierigkeiten haben. Bereits vor vielen Jahren, als Schult den Markusplatz von Venedig mit Papier überschwemmte, beleuchtete er die verschiedenen Aspekte der Papierverarbeitung.

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HA Schult. Die erste Graphik für eine Zeitung aus dem Jahr 1991. Foto: Andrea Matzker

Vor genau 30 Jahren war er außerdem der allererste Künstler, der eine Grafik für eine Tageszeitung erstellte. Heutzutage sind diese Aktionen besonders beliebt, und die signierten Werke, wie zum Beispiel von Christo, werden hoch gehandelt. Dieses Kunstwerk von HA Schult wurde nun in Erinnerung an diesen Tag in 50-facher Auflage neu gedruckt, und der Künstler signierte es bei seinem Freund Christian Dauser auf dem Carlsplatz in Düsseldorf. Dessen Großvater hatte einst eine Gulaschkanone, und sein Enkel hat sich inzwischen zu einem Suppenkönig gemausert, dem bereits auch ein „Dausermann“, einer der berühmten Trash Men des Künstlers, gefertigt lediglich aus Dauser-Büchsen, von HA Schult gewürdigt wurde. Damit antizipiert dieser sein nächstes Projekt neben dem des „Herkules“, nämlich das der „Kunstsuppe“, deren Entwicklung durch den bedauerlichen Tod seines Freundes Robert Hülsmann unterbrochen wurde. Dieser war maßgeblich damit involviert und daran beteiligt und schwebte bereits vor 30 Jahren in einer Wolke auf der damaligen und nun wieder neu aufgelegten Grafik. Insofern ist sie auch seinem Andenken gewidmet.

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HA Schult bei Dauser in Düsseldorf. Foto: Andrea Matzker

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HA Schult bei Christian Dauser mit dem Dausermann. Foto: Andrea Matzker

Gut gelaunt erzählte HA Schult eine Anekdote zu deren Entstehung. Als er vor 30 Jahren seine damals frisch entstandene Grafik für über 2000 Leute während einer Aktion von 10 Stunden in Köln signierte, wollten auch sämtliche Angestellte des Hotels Hyatt, wo die Veranstaltung stattfand, eine Grafik mit Autogramm erstehen. Einmal befand er sich im Aufzug, mit dabei waren Rod Stewart und seine damals hochschwangere Frau Rachel Hunter. Rod Stewart hatte wohl sein Kölner Konzert der Vagabond Heart Tour in der Sporthalle absagen oder unterbrechen müssen, weil er unter akuter Heiserkeit litt. Als der Aufzug während seiner Fahrt auf einer Etage hielt, strömten Köche des Hotels hinein und wollten Autogramme von HA Schult. Daraufhin fragte ihn die Frau von Rod Stewart: „Wo hast du denn gesungen?“ Damals hatten sich ganze Schlangen von Menschen vor dem Hotel gebildet, um eine Grafik zu erhalten. Diesmal, in Düsseldorf, hielt sich das Ganze überschaubar in Grenzen, aber die fünfziger Auflage war am Ende auch fast vergriffen.

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HA Schult signiert seine Graphik. Foto: Andrea Matzker
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STUTTGARTER BALLETT: „HÖHEPUNKTE“ Der Tanz als Medium des Zusammenhanges von Leben und Tod

Ein Programm, das letzte Saison dem Lockdown zum Opfer fiel und am Ersatztermin im vergangenen November zwar als Live stream, aber ohne Publikum zu sehen war, schaffte es jetzt zum Ende der Jubiläumsspielzeit des Stuttgarter Balletts (60 Jahre) doch noch vor das im Rahmen eines Modellprojektes zur Hälfte belegbare Opernhaus. Doch selbst jetzt kam es aufgrund eines in Folge eines schweren Gewittersturms mit Wasserschäden belasteten Hauses zu einer Verlegung der Premiere um weitere drei Tage.

In dieser zweiten Vorstellung trat die Alternativ-Besetzung an, weshalb auf diejenige der Premiere erst zu einem späteren Zeitpunkt eingegangen werden kann.

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Spannung zwischen Licht und viel synchronem Bewegungsmodus: das Ensemble in „Falling Angels“. Foto: Stuttgarter Ballett

Jiri Kylians 1989 beim Nederlands Dans Theater uraufgeführte „FALLING ANGELS“ waren hier erstmals 2017 zu sehen. Ob es am langen Vermissen von Live-Darbietungen oder an dem neu gemischten Frauenensemble lag, ist schwer zu sagen. Jedenfalls kam das zu den Schwarz-/Weiß-Stücken des renommierten tschechischen Choreographen zählende Opus mit vier Percussion-Solisten als antreibender, Impulse setzender Kraft jetzt mit mehr fesselnder Unmittelbarkeit und Direktheit über die Bühne. Gruppenzwang oder Unabhängigkeit – jede der 8 Tänzerinnen versucht in einem Solo aus dem vorgegebenen Rhythmus auszubrechen, statt einheitlicher Bewegungsmuster einen eigenen Ausdrucks-Weg zu finden. Da werden Lichtquadrate zu schmalen Rechtecken oder ganz knappen Linien. Die Beleuchtungswechsel setzen Spannungsfelder zwischen den Sog der Trommeln und der immer wieder unterbrochenen choreographischen Synchronität. Vor allem mit Fernanda Lopes und Mackenzie Brown sind zwei Positionen auffallend charismatisch neu besetzt, aber auch Coralie Grand und Minji Nam fügen sich tadellos in das übrige, bereits rollenerfahrene Ensemble ihrer Kolleginnen.

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Elisa Ghisalberti und Timoor Afshar in „Petite mort“. Foto: Stuttgarter Ballett

Ohne Szenen-und Applaus-Unterbrechung schließt sich Kylians hier nun erstmals auf die Bühne kommendes „PETITE MORT“ an, mit dem in Frankreich umgangssprachlich der Orgasmus bezeichnet wird. Als Auftragswerk der Salzburger Festspiele in Mozarts 200. Todesjahr und deshalb zu Musik von ihm kreiert, hat es inzwischen einen festen Platz im Ballettrepertoire gefunden. Die eher leise, aber doch eindrücklich präsente Erotik, die sich zwischen 6 Paaren entfaltet, erhält durch die beiden langsamen Mittelsätze der Klavierkonzerte KV 488 und KV 467 ein Bett gesättigt in Harmonie und tiefer menschlicher Empfindungskraft (Solist: Andrej Jussow und das Staatsorchester Stuttgart unter der Leitung von Wolfgang Heinz). Degen dienen als Objekte der Macht, aber auch des partnerschaftlichen Spiels, sie werden geschwungen, gerollt, auf den Füßen balanciert, gebogen und in allerlei Positionen zwischen den Paaren symbolisch eingesetzt. Weitere Requisiten sind ein wallendes Tuch, das die Frauen zunächst verhüllt und dann auch wieder verschwinden lässt sowie fahrbare schwarze Rokokokleider-Gestelle, hinter die sich die Frauen mit ihnen spielend stellen, und die am Ende als Relikt von körperlicher Enge zurück bleiben. In den überaus anspruchsvollen Kombinationen, zunächst unisono, dann nacheinander in Duos, behaupten sich alle Rollendebutanten mit Balance und partnerschaftlichem Geschick: Miriam Kaceroca + Roman Novitzky, Hyo-Jung Kang + Ciro Ernesto Mansilla, Sinead Brodd + Clemens Fröhlich, Elisa Ghisalberti + Timoor Afshar, Alicia Torronteras + Alessandro Giaquinto sowie Veronika Verterich + Moacir de Oliveira.

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Agnes Su und Marti Fernandez Paixa in „Le jeune homme et la mort“.  Foto: Stuttgarter Ballett

Ebenfalls eine verspätete Premiere beim Stuttgarter Ballett ist Roland Petits 1946 in Paris uraufgeführtes, sogenanntes mimisches Drama „LE JEUNE HOMME ET LA MORT“. Mögen diesen typischen existenzialistischen Stoff von Jean Cocteau mit etwas theatralischen choreographischen Zügen auch manche Tanzliebhaber als gestrig abtun – so zeitgebunden ist diese Art von Surrealismus nun auch wieder nicht. Außerdem ist ein erzählendes Ballett mit dem Spagat zwischen klassischer Basis und Alltagsgesten immer ein lohnendes Feld für Tänzer und ihre darstellerische Ausdrucksfähigkeit. Und so beweist der erst kurz davor zum Ersten Solisten beförderte Marti Fernandez Paixa, dass er jetzt zurecht in die vorderste Front berufen wurde. Sein Charme und seine Einfühlsamkeit in die psychischen Belange einer Figur geben dem Künstler, der da in einer spärlich möblierten Pariser Mansarde wohnt und an seiner zwischen Erfolg und Zweifel schwankenden Existenz zu zerbrechen droht, ein sympathisches Profil. Sein eher sanftes, weiches Gepräge bleibt selbst in den artistischen Momenten, wenn Tisch und Stuhl zu außergewöhnlichen Protagonisten werden, vorherrschend, wodurch er auch in mimischer Hinsicht nie in Gefahr gerät zu übertreiben. Die schillernde Rolle der jungen Frau, die da in gelbem Kleid mit schwarzer Perücke und schwarzen Handschuhen an seiner Tür klopft, auf seine Avancen erst ablehnend und dann mit verführerischem Liebreiz reagiert, ehe sie eine herab hängende Schnur zur Schlinge knotet und ihn zum Selbstmord leitet, wird von der Solistin Agnes Su ebenso einfühlsam und mit der erforderlichen Raffinesse und Gelassenheit für den lockenden Todesengel interpretiert. Nachdem die Wände der Mansarde nach oben entschwinden und ein nächtlich beleuchtetes Paris mit Eiffelturm (Bühnenbild: Georges Wakhevitch) sichtbar wird, befreit ihn die nun in weißem Kleid und rotem Umhang erscheinende Frau wieder aus der Schlinge, hält ihm die zunächst selbst getragene Totenkopfmaske vors Gesicht und weist ihm den Weg über die Dächer. Getragen von Bachs Passacaglia und Fuge in c-moll, die hier nicht in der Orchestrierung von Ottorino Respighi, sondern im Original von Jörg Halubek live gespielt den Raum füllt und sich von leisem Beginn letztlich wie zu einer volltönenden Apotheose steigert, erlebt das gut 20minütige Stück eine stetig anschwellende Entwicklung bis zum Höhepunkt. Geschmack hin oder her – alles in allem ist das ein wertvoller Repertoire-Zugewinn.

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Fesselnder Protagonist in „Bolero“: Jason Reilly. Foto: Stuttgarter Ballett

Als krönender Abschluss ist der „BOLERO“ ein immer wiederkehrender Gigant in den unterschiedlichsten Ballettabend-Programmierungen. Auch mit reduzierter Gruppe (18 statt 30) und zugespielter Musik vom Band (die Vorschriften erlauben immer noch kein so groß besetztes Orchester) büßt dieses absolute Unikum der Musikgeschichte in der rauschhaft entfesselten Choreographie von Maurice Béjart nichts von ihrer rhythmisch-tänzerischen Sprengkraft ein. Die Figur auf dem zentralen roten Tisch ist an diesem Abend wieder einmal Kammertänzer Jason Reilly. In der Spätphase seiner Karriere wirkt der Afro-Kanadier bei diesem konditionellen Kraftakt besser konditioniert und gelöster als zuletzt. Auf seine hier so essentielle erotische Aussendung ist stets Verlass und die Körperspannung ist durchweg gehalten, auch wenn der Bewegungsduktus insgesamt etwas leichter und weniger auf reine Kraft bauend sein dürfte, um der bis zum Anschlag in sich kreisenden und schließlich zusammen brechenden melodischen Keimzelle ganz gelöst zu folgen.

Die Rhythmusgruppe wurde von Alexander Mc Gowan und Ciro Ernesto Mansilla mit etwas zu deutlich kontrastierenden Bewegungs-Charakter angeführt.

Der Jubel liegt unabhängig von den Ausführenden in der Luft und hält auch diesmal wieder verdient für viele Vorhänge an.

Udo Klebes

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