Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

INFOS DES TAGES (MITTWOCH, 14. JULI 2021)

14.07.2021 | Aktuelles

INFOS DES TAGES (MITTWOCH, 14. JULI 2021)

HEUTE/ ORF III am Mittwoch: „Erlebnis Bühne LIVE“: Premiere von Puccinis „Turandot“ mit Martina Serafin aus St. Margarethen

Außerdem: „Heimat Österreich“-Burgenland-Doppel

Esterhazy | Steinbruch St.Margarethen

 

Wien (OTS) – ORF III Kultur und Information überträgt am Mittwoch, dem 14. Juli 2021, um 21.05 Uhr die Premiere von Puccinis „Turandot“ live-zeitversetzt aus der Oper im Steinbruch St. Margarethen. In der Inszenierung von Thaddeus Strassberger übernimmt Martina Serafin die Titelpartie. Thematisch begleitet wird das Opernhighlight von zwei Dokus, die sich den schönsten Burgen und Schlössern im Südburgenland widmen bzw. in die Welt des Nationalparks Neusiedler See eintauchen. Bereits im Vorabend setzt „Kultur Heute“ (19.45 Uhr) die ORF-III-Festivalinitiative mit einem Besuch der Komödienspiele Porcia in Kärnten fort.

Auf die „Turandot“-Premiere aus St. Margarethen stimmt „Heimat Österreich“ um 20.15 Uhr mit der Doku „Burgen und Schlösser in Österreich – Das Südburgenland“ ein. Burg Güssing ist untrennbar mit dem ungarischen Adelsgeschlecht der Batthyánys verbunden, das die Geschichte des Südburgenlandes und seiner Wehrbauten entscheidend geprägt hat. Burg Schlaining lässt optisch noch an ihre ursprüngliche Bestimmung als Wehranlage erinnern, während Burg Lockenhaus mit ritterlichen Spektakeln stets große Menschenmengen anzieht. Und Schloss Tabor in Neuhaus am Klausenbach hat sich mittlerweile zu einem Schauplatz der Hochkultur gewandelt und sich als Opernspielstätte einen Namen gemacht.

Anschließend um 21.05 Uhr überträgt „Erlebnis Bühne LIVE“ die Premiere des von Thaddeus Strassberger inszenierten Puccini-Klassikers „Turandot“ live-zeitversetzt von der atemberaubenden Kulisse der burgenländischen Oper im Steinbruch St. Margarethen. Keiner schlafe – Nessun dorma! – so beginnt die berühmte Arie des Prinzen Calaf, in der er seine immer heißer aufflammende Liebe zur gefürchteten Prinzessin Turandot besingt. In der Titelpartie ist Martina Serafin zu erleben. Es musizieren unter der Leitung von Giuseppe Finzi das Piedra Festivalorchester und der Philharmonia Chor Wien. Das aufwendige Bühnenbild wurde von Paul Tate dePoo gestaltet.

Aktuelle Wetterprognose: Am Abend soll es in Ostösterreich weitgehend trocken sein, in Wien gab es um 5 h ein ziemlich heftiges Gewitter.
____________________________________________________________________________

„operklosterneuburg“: Zusatzvorstellung am 28.7.

forzt

karten@operklosterneuburg.at
______________________________________________________________________________

Endlich geht es wieder los: Das Lyric Opera Studio Weimar spielt „Le nozze di Figaro“ von von Wolfgang Amadeus Mozart

Von Thomas Janda

ploumis ps
Nestor Ploumis, Leiter des Lyric Opera Studio Weimar

„Wir sind alle sehr glücklich, dass wir endlich wieder spielen dürfen“, sagt Damon Nestor Ploumis, Leiter des Lyric Opera Studio Weimar. Wir mussten unseren Betrieb praktisch fast zwei Jahre einstellen, das war in jeder Hinsicht schlimm, für die jungen Künstler und für mich selbst. Wir waren alle wie im „Dornröschenschlaf“. Bei den Probenarbeiten im Kulturzentrum „mon ami“ herrscht jetzt lebendiges, quirliges Singen und Spielen.“

Woher kommen die Sängerinnen und Sänger diesmal?

Ploumis: Viele kommen aus den USA und Kanada, aber es kommen auch Studenten aus anderen Ländern, insgesamt aus 18 Nationen.

War für sie die Einreise schwierig?

Ploumis: Alle sind natürlich zweimal geimpft und haben den entsprechenden Testnachweis, dass sie gesund sind.

Wie ist denn die Zusammenarbeit mit den Behörden?

Ploumis: Ich telefoniere mit dem Gesundheitsamt und der Kulturdirektion. Alle sind sehr kooperativ und wollen, dass es gelingt. Wir haben eine sehr vertrauensvolle Zusammenarbeit, darüber bin ich sehr froh.

Sie werden ja nicht nur in Weimar auftreten, sondern auch an anderen Orten in Thüringen. Wo kann man das LOSW erleben?

Ploumis: Alle Veranstalter haben sich gefreut, dass wir wieder bei ihnen auftreten werden. Leider sind die Plätze noch beschränkt, aber auch da kann sich noch etwas ändern. Das hängt von der jeweiligen Lage ab.

Was steht auf dem Spielplan?

Ploumis: Wir werden Le nozze di Figaro spielen. Das ist ein wirklich fröhliches und witziges Stück, voll mit prallem Leben. Ich bin überzeugt, dass sich die Zuschauer sehr freuen werden.

nozze 4 3
Foto: Lyric Opera Studio Weimar

Sie verstehen es amüsant zu inszenieren, haben Sie denn auch die Sängerinnen und Sänger dafür?

Ploumis: Ich bin erstaunt wie viel Potential in den diesjährigen Teilnehmern steckt und mit welcher Begeisterung alle spielen und singen. Stimmlich haben wir auch sehr viele Talente dabei, die sich hören lassen. Sie werden, wie man mit dem vielleicht altertümlichen Ausdruck sagt, „eine Fülle des Wohllautes“ erzeugen. Das merke ich jetzt schon bei den Proben.

An den Proben nimmt auch Derek Rue teil. Der gebürtige Amerikaner hat längst eine Festanstellung am Theater in Trier. Seine Tenor-Karriere begann beim Lyric Opera Studio Weimar. Jetzt nutzt er seine Theaterferien, um noch einmal in diesjährigen Produktion aufzutreten.

Was führt Sie nach Weimar?

Derek Rue: Also zum einen liebe ich Weimar und zum anderen bin immer noch begeistert vom Lyric Opera Studio Weimar. Ich wurde gefragt, ob ich einspringen kann, denn leider konnte ein Tenor aus England nicht kommen und jetzt springe ich für ihn in der Rolle des Basilio ein. Ich schätze die Thüringer Zuschauer sehr, sie gehen mit und sind so offen für junge Künstler. Da fühlt man sich wohl und will alles geben.

Profitieren die anderen Studenten von ihren Erfahrungen?

Derek Rue: Ich gebe gern weiter, was ich gelernt habe und was ich kann. Wir haben hier immer ein besonderes Klima der Zusammenarbeit, das schätzen viele und darum kommen sie. Für mich ist es fantastisch wieder ein Teil des Teams zu sein. Wir werden alle eine gute Zeit haben, natürlich auch gemeinsam mit unserem Publikum.

Ganz neu dabei ist Anisa Kureishi. Sie kommt aus Kanada, wohnt seit einiger Zeit in Essen und ist zum ersten Mal in Weimar.

Wie gefällt es Ihnen in Weimar?

Anisa Kureishi: Ich bin begeistert vom Lyric Opera Studio Weimar. Eine befreundete Sängerin hat mir davon erzählt und ich wollte unbedingt einmal dabei sein. Die Probenarbeiten finde ich ganz großartig. Wir lernen alle so viel von Damon und den anderen Dozenten. Eigentlich habe ich Physik und Philosophie in Kannada studiert, aber Operngesang war immer meine Leidenschaft und das Lyric Opera Studio Weimar sehe ich als entscheidende Stufe auf dem Weg in eine Gesangs-Karriere. Auf der Bühne zu stehen, das macht mich glücklich. Hier in Weimar finde ich alles, was ich schon immer gesucht habe. Es ist fantastisch. Wir sind hier ein wunderbares Ensemble. Davon profitiere ich.

Welche Rolle werden Sie singen?

Anisa Kureishi: Ich darf die Gräfin Almaviva spielen, das ist meine Wunschrolle und ich bin über meine Besetzung ganz glücklich.

Dann kann man allen Teilnehmern gutes Gelingen wünschen und natürlich Gesundheit.

Vielen Dank für das Gespräch

Aufführungstermine:

15.07. 19.00 Uhr – mon ami

16.07. 19.00 Uhr – Offene Lutherkirche Apolda

18.07. 15.00 Uhr – Das Comödienhaus Bad Liebenstein

19.07. 19.00 Uhr – Franziskanerkloster Saalfeld

20.7.18.00 Uhr – Rittergut Besenhausen

21.07. 19.00 Uhr – mon ami

______________________________________________________________________

14. Jüdische Woche in Leipzig: Die Würde des Menschen …

leialte blick
Blick in den Saal am 2. Juli 2021 in der Alten Börse in Leipzig. Foto: Matthias Seidler

 14. Jüdische Woche in Leipzig
Die Würde des Menschen …
… ist unantastbar. Ist Sie das wirklich? Nach dem größten Zivilisationsbruch des 20. Jahrhunderts gehörte diese Feststellung nach Meinung seiner Schöpfer in das Grundgesetz der 1949 gegründeten alten Bundesrepublik Deutschland. Das Dritte Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg hatten Kräfte und Taten entfesselt, die auch nach 1945 wirkten und an deren Folgen heute noch weltweit gelitten wird.

Dies nicht dem Vergessen anheimfallen zu lassen ist ständige Aufgabe ebenso wie Lehren zu ziehen, im Großen, wie im Kleinen.
Die Stadt Leipzig z.B. erinnert alle zwei Jahre mit einer Jüdischen Woche daran, dass in ihr einmal eine der größten jüdischen Gemeinden Deutschlands ihre Heimstatt hatte, deren liberaler Teil die Stadtentwicklung bis 1933 entscheidend mitprägte. Im Leipziger Musikleben waren sie oft treibende Kraft u. a. im Ringen um eine angemessene Würdigung des Leipziger Musikgenies Richard Wagner.

Musikverleger Henri Hinrichsen und Chorleiter Barnet Licht stritten für ein Denkmal, Gustav Brecher als Generalmusikdirektor der Leipziger Oper bereitete umfänglich Wagners Bühnenwerke für die Gedenkjahre 1933 und 1938 vor, Letzteres mit der nie dagewesenen Aufführung aller Wagnerschen Werke. Er konnte es selbst nicht mehr umsetzen, weil er aus der Oper gebrüllt und dann kaltgestellt
wurde. Mit der Berufung Adolf Hitlers zum Reichskanzler und der schrittweisen Machtübernahme durch die NSDAP und ihre Gliederungen brach diese Entwicklung ab und endete für die hier genannten Protagonisten tragisch. Tragisch auch deshalb, weil sie sich bis zuletzt ihre Würde nicht nehmen ließen, die nun als  antastbar galt.

koüö
Der Vorstandsvorsitzende der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig, Küf Kaufmann, bei der Eröffnung der Jüdischen  Woche am 27. Juni auf dem  Leipziger Augustusplatz. Foto: privat

Daran knüpfte auch das vielfältige Programm der Jüdischen Woche 2021 an, das mahnend aber auch fordernd zur Auseinandersetzung mit der Vergangenheit einlud, dabei Gegenwärtiges bot und zur Gestaltung einer gemeinsamen friedlichen Zukunft einlud. Der Autor dieser Zeilen kennt deren Bedeutung nur zu gut, leitete er doch neun Jahre das Einladungsprogramm der Stadt Leipzig für vor 1945
geborene jüdische Leipziger.

Vergangenheit und Würde trotz tragischem Ende bestimmten auch die Veranstaltung am Abend des 3. Juli in der gut besuchten Michaeliskirche im Stadtteil Gohlis. Deren Höhepunkt wurde die Lesung des kleinen Monodramas von Franz Werfel „Der Arzt von Wien“, in welchem dieser, um der Deportation zu entgehen, Selbstmord begeht. Kein Einzelfall, wie das Schicksal des o. g. Gustav
Brecher im Jahr 1940 bezeugt. Ein erschütterndes Dokument von Hilflosigkeit und Verzweiflung. Wer, wenn nicht der von Fernsehen und Bühne deutschlandweit bekannte und gefeierte Friedhelm Eberle, ein Leipziger Theaterurgestein, konnte diese szenische Lesung nachdrücklicher gestalten. Ketevan Warmuth, seine langjährige Partnerin in vielen gemeinsamen Programmen, kommentierte exzellent
die einzelnen Textpassagen am Flügel durch sehr stimmige „Klezmer“-Musik.

weikl diesener eberle
Kommt extra: Kammersänger Bernd Weikl, Dr. Christiane Meine, Vorsitzende des Fördervereins internationales Kurt-Masur-Institut e.v., Dr. Gerald Diesener,  Universitäts Verlag Leipzig, Professor Friedhelm Eberle. Foto: Matthias Seidler

Eberle, dessen tiefe Interpretationsfähigkeit niemanden unberührt lässt, gestaltete auch am Abend davor eine der Musik und ihren Protagonisten gewidmete Veranstaltung in der Alten Handelsbörse am Naschmarkt, als deren wichtigste Verbindung gleich einem Scharnier der auf Einladung von Oberbürgermeister Burkhard Jung und Küf Kaufmann, Vorsteher der Jüdischen Gemeinde zu Leipzig,
aus Hamburg angereiste Kammersänger und weltweit gefeierte Wagnerinterpret Bernd Weikl steht. Von seiner Person ausgehend entfaltete sich ein ganzes Kaleidoskop an Bezügen und Zusammenhängen, die, zu einem Programm komprimiert, das Besondere dieses Freitagabends in Leipzig ausmachten. Das brachte die Ärztin Dr. Christiane Meine, Vorsitzende des Fördervereins des Internationalen Kurt Masur Instituts, der gemeinsam mit dem Institut für Kulturund Universalgeschichte Leipzig e.V. diesen Abend ausrichtete, in ihrer Begrüßung dem erwartungsvollen Publikum im passabel besuchten Haus dar.

Meine, für die diese Vortragsveranstaltung „Kurt Masur in Israel – Musik überwindet Grenzen“ zugleich Höhe- wie auch Endpunkt Ihres Wirkens im Förderverein war, artikulierte mit „Versöhnung, Verständigung und Freundschaft zwischen Deutschen und Juden wie zwischen Deutschland und Israel“ das Credo Bernd Weikls, das den ganzen Abend über der Veranstaltung schwebte. Der Sänger schöpft aus einem großen Reservoir an vor allem auch Lebenserfahrung, sang er doch als AltBundesbürger unter der Stabführung Kurt Masurs beim letzten Staatsakt der DDR am 2. Oktober 1990, wenige Stunden vor dem Beitritt des zweiten deutschen Staates zum Geltungsbereich des bereits erwähnten Grundgesetz der BRD, im Berliner Konzerthaus am Gendarmenmarkt. Dieser Bernd Weikl initiierte kurz zuvor
und sang auch in der Hauptrolle die – inzwischen in Israel legendäre – Aufführung des in Leipzig verfassten und uraufgeführten Oratoriums „ELIAS“ von Felix Mendelssohn Bartholdy in Jerusalem und Hamburg zum 40. Jahrestag der Staatsgründung Israels. Er stellte den Kontakt zur israelischen Kulturwissenschaftlerin Dr. Yael Ben-Moshe, Hochschullehrerin in Haifa und Jerusalem, her, die – Corona sei es geschuldet und geklagt –ihren Vortrag zu Kurt Masur und dem Israel Philharmonic Orchestra nicht persönlich halten konnte.

eberle liest 2
Professor Friedhelm Eberle liest aus „Masur in Israel“ von Dr. Yael Ben Moshe. Foto: Matthias Seidler

Doch alles ist mit allem verbunden, denn der vortragende Wortkünstler Friedhelm Eberle las nicht nur gut und akzentuierte perfekt. Er selbst war mit einem anderen Projekt mit beiden – dem Orchester und dem Dirigenten – bereits in Israel zu Gast.
Eberle strahlte vor allem Authentizität aus. Der Inhalt ist leicht zusammengefasst und ist vor allem für die jüngere Generation ein Lehrstück, um nachzulesen und zu hören, wie Kommunikation und Kooperation in Zeiten des Kalten Krieges mal schlecht, mal recht funktionierten und am Ende doch große Kunst ermöglicht wurde. Dazu kam der Umstand, dass die DDR und Israel keine diplomatischen
Beziehungen unterhielten. Es bedurfte manchen Zufalls, fähiger Köpfe, Menschen die ein Ziel kontinuierlich verfolgen und immer einen Ausweg finden. Kurt Masur, ein Deutscher, ein Ostdeutscher gar, als Dirigent des Israel Philharmonic Orchestra in Israel, auch in den USA, das ist ein Untersuchungsgegenstand, den es zu erforschen und von allen Seiten zu beleuchten gilt. Es begann mit dem Anstoß durch den Ideengeber und Stardirigenten Zubin Mehta und führte bis zum Höhepunkt – längst nicht dem Ende -, als das Orchester Kurt Masur 1992 mit dem Titel Ehrendirigent auf Lebenszeit auszeichnete. Die Beziehungen zwischen Deutschen und Juden, zwischen Deutschland und Israel bleiben besondere, aus der Geschichte heraus aber auch heute gelebt von Menschen dieser Qualität und Güte.

Nach dem Vortrag war klar, dass die Ankündigung, das erweiterte Thema in Leipzig in Buchform erscheinen zu lassen, eine Verheißung ist.

e alte börse
Die Alte Börse zu Leipzig. Foto: Matthias Seidler

Der zweite Teil des Abends wurde musikalisch, wiewohl eingeführt wiederum von Friedhelm Eberle, der die Biografie des 2020 verstorbenen Adolph Kurt Böhm vortrug, seit 1995 „Gerechter unter den Völkern“ in Israel und enger Freund von Kammersänger Bernd Weikl. Es war nicht zum ersten Mal, dass man in Leipzig von und über „Mutz“, wie er sich gern nennen ließ, hörte. Masur und er haben auf den ersten Blick nicht viel mehr gemein, als den Vornamen Kurt, nach den Geburtsjahren 1926 und 1927 die gleiche Lebenszeit, nur an unterschiedlichen Orten und dass beide Vollblutmusiker waren. Der eine im klassischen Genre, der andere in der Unterhaltungsmusik, die er nach seinem Klavierstudium in Paris pflegte. Als Halbjude war Böhm von Franken nach Paris emigriert, half mit seiner Mutter dort anderen Emigranten und wurde so für das Leben geprägt. Zurück in Deutschland betätigte er sich vor allem als Liedbegleiter und Komponist und verriet sich dabei als unerschütterlicher Romantiker, was auch seine mit „Musik und Menschlichkeit“ betitelten Memoiren preisgeben.

müller ohlmann, 1.
Pianist Karl-HeinZ Müller und die Sopranistin Ruth Ingeborg Ohlmann. Foto: Matthias Seidler

Davon konnte sich auch das Publikum bei einem kleinen Konzert überzeugen. KarlHeinz Müller, im erfüllten Arbeitsleben Solorepetitor an der Oper Leipzig, Studioleiter und Kapellmeister in Altenburg und der Musikalischen Komödie in Leipzig sowie Hochschullehrer in Leipzig und Weimar, begleitete am Klavier Ruth Ingeborg Ohlmann zu einer Reihe Böhmscher Kompositionen. Ohlmann, in Kanada
ausgebildet und mit erstem Engagement an der Oper Montreal, danach von Zürich bis Leipzig, schaffte es mit ihrem Gesang, unterstützt von Mimik und Gestik, die romantische Grundhaltung Böhms in seinen Werken zum Klingen zu bringen. Fröhlich und mit dem Blick nach vorn und mit vom Publikum qua Applaus erheischter Zugabe.

Der Autor fühlte sich an sein Beisammensein mit den alten jüdischen Leipzigern verbunden, wenn um 2005 das Salonorchester Cappuccino unter Albrecht Winter an gleicher Stelle Musik der 20er und 30er Jahre bot und in Ihnen die schönen Seiten  jener immer härter werdenden Jahre zum Klingen brachte, wenn Mitgesungen, mit Fuß, Bein oder ganzem Körper dem Rhythmus gefolgt wurde. Musik und Menschlichkeit, denn Musik überwindet Grenzen.

Thomas Krakow
____________________________________________________________________

Black Cracker & Solistenensemble Kaleidoskop. A Ballet of Slug and Shell
360-Grad-Video (Premiere)
Auftragswerk zum 200-jährigen Jubiläum des Konzerthaus Berlin
Online ab dem 15. Juli 2021 auf kaleidoskopmusik.de

A Ballet of Slug and Shell ist die erste gemeinsame Arbeit des Solistenensemble Kaleidoskop mit dem Künstler Black Cracker, der für seine multi-disziplinären Arbeiten zwischen Sound, Text, Video und Installation bekannt ist. Dieses Auftragswerk wurde zum 200-jährigen
Jubiläum des Konzerthaus Berlin erarbeitet und hätte ursprünglich im April 2021 live gezeigt werden sollen. Die Bühnenversion wurde nun für eine besondere 360°-Video-Fassungbearbeitet und auf der Probenbühne aufgezeichnet. Thematischer und musikalischer
Ausgangspunkt dieser Musik-Performance in 7 Akten ist die Auseinandersetzung mit Der Freischütz von Carl Maria von Weber. In A Ballet of Slug and Shell begeben sich Black Cracker und Kaleidoskop in einen Dialog über Gemeinschaft, Praxis, Privilegien, Geschmack, Gewalt und Unbehagen. Auf dieser Suche nach ästhetischen Perspektiven auf Hierarchie, struktureller Unterdrückung und Diskriminierung befragen sie sich damit gegenseitig zur eigenen künstlerischen Herkunft und zu eigenen Traditionen.

Die 360-Grad-Video-Fassung wird ab dem 15. Juli 2021 kostenlos auf kaleidoskopmusik.de online abrufbar sein.

black cracker solistenensemble kaleidoskop a ballet of slug and shell (c) daniele caetano 55 edit
Fotos „A Ballet of Slug and Shell“ © Daniele Caetano

Der Freischütz von Carl Maria von Weber gilt als die „deutsche Nationaloper“ und wurde 1821 im heutigen Konzerthaus Berlin uraufgeführt. Mit ihrem romantisierten Bild ländlicher Gemeinschaft bot sie eine Projektionsfläche für deutsche Identifikations-Sehnsüchte und wurde schnell als musikalisches „National-heiligtum“ stilisiert. Von der kritischen Reflektion und Dekonstruktion dieses Artefakts deutscher „Leitkultur“ spannen Kaleidoskop und Black Cracker den Bogen zu einer Auseinandersetzung mit den eigenen Privilegien, angelernten Traditionen und dem Elitismus der klassischen Musik.
In Anlehnung an den Freischütz eröffnet Black Cracker mit seinen Assoziationen neue Bedeutungsräume: Der entscheidende Probeschuss aus dem Freischütz und das Motiv der Jagd bzw. des Schießsports werden in Verbindung gesetzt mit „Shooting hoops“ aus dem
Basketball. Black Cracker erspürt im Basketball in seinem Afro-amerikanischen Kontext musikalische Kräfte, die denen der klassischen Musik ähneln. In dieser Suche verhandelt Cracker das Überleben mit den komplexen Folgen der Entrechtung. Die Aufforderung des
DJs an sein Publikum, „Put Your Hands Up“ wird dabei mit „Hands Up, Don’t Shoot“, demSlogan der Black Lives Matter Bewegung, verflochten. Der Schuss mit der Waffe und der Wurf auf den Basketballkorb wird gleichzeitig mit der gewalttätigen und voyeuristischen Natureiner Kamera gleichgesetzt. Auf teils subtile, teils bildgewaltige Art erweitert Black Cracker den thematischen Rahmen des Stückes um schwarze, US-amerikanische Themen und Perspektiven und bringt sie mit Wettkampf und Polizeigewalt zusammen.

In einem Bühnensetting aus modularen Holz-Strukturen, Basketbällen, Streich-Instrumenten, Flaggen, Projektionen, weißen Stoffen und Augmented Reality erschafft Black Cracker eine sich stetig verwandelnde Landschaft. Das Ensemble und drei Performer*innen stürzen sich mit Versatzstücken aus der Freischütz-Overtüre in die Tiefen des Kitsches, in ungeahnte Verzerrungen und ins Spiel mit der Anmut. Zu atmosphärischen, wabernden, elektronischen Klängen tauchen sie wieder auf und ergründen Konstellationen zwischen Konfrontation und Kooperation. Das Publikum kann dank der 360-Grad-Kamera-Perspektive selbst  entscheiden, welchen Blickwinkel es einnehmen will.

Den Trailer finden Sie hier: 

https://www.youtube.com/watch?v=k1O_P4MCN2A 

Künstlerische Leitung: Black Cracker
Musikalische Leitung: Paul Valikoski
Dramaturgie und Produktionsleitung: Anna von Glasenapp
Musik Produktion: Black Cracker, Paul Valikoski, Solistenensemble Kaleidoskop
Bühne: Lau Bau, Kalma Lab
Kostüm: Marquet K. Lee
Sound Design: Olivia Oyama
Licht Design: Veslemoy Holseter
Video Design: Kalma Lab
Augmented Reality Design: Camille Lacadee
360° Video Produktion: Black Cracker, Camille Lacadee
Libretto Edit: Ricardo Domeneck, Black Cracker
Grafik Design: Yule Franke
Fotos: Dan Caetano
Instagram Design: Laura Clock
Produktion: Solistenensemble Kaleidoskop (Nina Braatz, Anna von
Glasenapp, Michael Hohendorf, Volker Hormann, Alexander Krupp, Boram Lie)
Dank an: Peaches Nisker, Kiani del Valle, Lori Baldwin
Ein Auftragswerk zum 200-jährigen Jubiläum des Konzerthaus Berlin.
Gefördert vom Hauptstadtkulturfonds. Das Solistenensemble Kaleidoskop wird gefördert von der Senatsverwaltung für Kultur und Europa.
Basierend auf dem Recherche-Projekt „Hands Up Don’t Shoot“ gefördert vom Fonds Darstellende Künste aus Mitteln der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.
_________________________________________________________________________

BUCH „Wie Pferde sterben: Was wir von Pferden über den Tod lernen können“ von Iris Geuder.

Pferde gehen nicht nur sehr sozial miteinander um, sondern sind auch ausgesprochen sensibel für die Menschen, mit denen sie engen Kontakt haben. Sie nehmen intuitiv Anteil, wenn diese Menschen nicht mit sich in Harmonie sind, sondern in einem Entwicklungsprozess stecken. Auch sie haben Zugang zum »Weltgedächtnis«, dem gesammelten Wissen über alles Leben – und damit auch über den Tod. So teilen sie den Menschen, die wiederum sensibel für sie sind, auch rechtzeitig mit, wenn »ihre Zeit gekommen ist«. Dann wollen sie so sterben, wie es ihre Art ist.

Einen solchen Tod mitzuerleben macht einen Menschen auf wundersame Weise reich und glücklich weit über die Trauer hinaus, dass ein geliebtes Tier für immer gegangen ist. Erst mit 27 Jahren nimmt Iris Geuder ihre ersten Reitstunden und stellt fest, mit dem Reglement dieses Sports nicht zurecht zu kommen. Sie kauft ein Pferd, um von ihm das Reiten zu lernen, macht während ihrer ersten Schwangerschaft eine Ausbildung zur Hufheilpraktikerin und lässt ihre beiden Kinder mit und auf ihrem Pferd aufwachsen. Während die Zahl ihrer Pferde zunimmt, ermöglicht sie auch anderen Familien und Kindern Pferdebegegnungen, schreibt Bücher und Arbeitshefte und verlegt schließlich ihre größer gewordene Herde auf einen Naturplatz ohne Weg und Steg, der erst einmal urbar gemacht werden muss. Auch dort ermöglicht sie seit Kurzem wieder Begegnungen mit ihren Pferden, die so frei wie möglich und ihrer Natur entsprechend leben – und eben auch sterben dürfen.

Neugierig?

Zum Buch: Wie Pferde sterben: Was wir von Pferden über den Tod lernen können von Iris Geuder, 56 Seiten, 9,95, ISBN: 9783830195542

„Ich bin nur ein Beobachter, mit einem vielleicht anderen Blick auf die Dinge, die hier bezüglich unserer Pferde geschehen.“ Iris Geuder

_____________________________________________________________________________

 

 

Diese Seite drucken