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IN THE LAND OF BLOOD AND HONEY

22.02.2012 | FILM/TV

Ab 24. Februar 2012 in den österreichischen Kinos
IN THE LAND OF BLOOD AND HONEY
USA  /  2011
Regie: Angelina Jolie
Mit: Zana Marjanovic, Goran Kostic, Rade Serbedzija u.a.

Wer immer Angelina Jolie für nicht mehr als eine volllippige Society-Schönheit gehalten hat, die eben gelegentlich vor der Kamera steht und sich und ihren Mann Brad Pitt medial optimal vermarktet, wird sich entschuldigen müssen: Mit dem Film „In the Land of Blood and Honey“ legt sie ein bemerkenswertes Werk vor, in dem sie als Drehbuchautorin und Regisseurin in nur wenige der Fallen getappt ist, die sich Neulingen im Genre auftun. Es ist ein hochprofessionell gemachter, inhaltlich stringenter Film, der seine Aussage transportiert und dabei als „ewige Geschichte“ in voller Überzeugungskraft funktioniert.

Angelina Jolie ist immer wieder als UNO-Abgesandte durch Konfliktregionen gereist und hat das offenbar doch nicht – der Verdacht lag nahe – für die eigene Publicity getan, sondern genau hingesehen. In den zerrissenen Ländern des Balkan wurde ihr klar, was in Bürgerkriegsregionen in aller Welt immer wieder passiert: Dass Menschen, die zuvor friedlich nebeneinander gelebt hatten, plötzlich als Feinde auseinander gerissen wurden, auf entgegengesetzten Seiten standen und imstande waren, einander die schier unglaublichsten Greuel zuzufügen. Wie viele „Liebesgeschichten“ zwischen den Fronten mögen sich in der Realität abgespielt haben? Angelina Jolie erzählt eine davon, die sich als roter Faden durch das Geschehen zieht.

Es beginnt – noch – friedlich: Ajla ist Malerin (einige ihrer Bilder hängen sogar im Museum), sie lebt mit ihrer Schwester und deren kleinem Kind in einem Plattenbau, und zu Beginn kann sie sich – wie jede Frau – nicht hübsch genug machen für das Rendezvous mit Danijel, dem Mann in Uniform. Wenn sie in der Disco tanzen, tun sie es wie ein schüchtern verliebtes Paar in den Anfängen einer Beziehung, das bereit ist, sich sehr an einander anzunähern… Dann platzt die Bombe im Wortsinn, die Disco wird verwüstet. Beide überleben, aber der Krieg beginnt. Und nun sind sie auf verschiedenen Seiten: sie, die bosnische Muslima (was sich in keinerlei Äußerlichkeiten zeigt, keine Frau trägt hier Kopftuch oder verhüllt sich gar), er, der serbische Soldat (und das sogar in exponierter Stellung).

Und nun kann an ihren Schicksalen jeweils die entgegen gesetzte Position aufgearbeitet werden, grob gesagt natürlich die Situation von Opfern und Tätern, denn die Serben, die dieses Land beanspruchen, erinnern sich ebenso wie die Bosnier an durch Jahrhunderte und Generationen verfestigte Gegensätze. Dass Hass dann ausufert in Greueltaten, die Angelina Jolie als Regisseurin schildert, ohne sie allzu plakativ auszureizen (das aus dem Fenster geworfene Baby ergibt allerdings offenbar unvermeidlich eine „Mater dolorosa“-Pose), macht den Film erschütternd „lebensnah“. Nicht, dass man gerne dabei zusehen würde, wie die Soldaten die Häuser der Bosnier stürmen, die Männer einfach niedermetzeln, die Frauen zusammentreiben und Hunderte davon als Sexsklavinnen mitnehmen, die ihnen noch kochend und arbeitend den Alltag bestreiten – aber man hat nie das Gefühl, hier würde etwas erfunden, was es nicht gegeben hat. Kein Zweifel, was man sieht, ist so oder anders (aber im Prinzip so) geschehen.

Angelina Jolie ist ein Geschöpf Hollywoods, sie muss die Liebesgeschichte, die schwierig bis unmöglich wird, im Zentrum des Geschehens halten – Danijel, dessen Vater einer der wichtigen Generale der serbischen Armee ist, kann nur so verfahren, dass er sich Ajla nach außen hin als seine „Moslem-Hure“ hält. Aber wenn sie allein sind, versucht er, die verlorene menschliche Basis wieder aufzubauen. Wobei Ängste, Zweifel, Misstrauen stets von neuem zu überwinden sind – und letztlich doch zum letalen Ende führen.

Aber diese Geschichte wird natürlich auch dazu benützt, die verschiedenen Positionen ideologisch klar zu machen. Sicher hat es Volkshochschule-Niveau, wenn die Serben so untereinander konversieren, dass sie Geschichte, Emotionen, politische Ambitionen schön klarlegen – aber sie dürfen es, auch ihr Standpunkt wird berücksichtigt, der absoluten Einseitigkeit von Schwarz / Weiß, Böse / Gut macht sich Angelina Jolie nie schuldig. Und weil sie auch mit bemerkenswertem handwerklichem Können verfährt (sie hat offenbar vielen guten Regisseuren, mit denen sie gearbeitet hat, genau zugesehen) und weil es geglückt ist, die Atmosphäre eines vom Krieg zerrütteten, zerschossenen, zerstörten Landes und seiner Menschen auch optisch bemerkenswert einzufangen, ist „In the Land of Blood and Honey“ ein Film, den zu sehen sich lohnt.

Es gibt eine Fassung auf Englisch, eindrucksvoller ist er in der Originalsprache mit Untertitel, wenn da auch Feinheiten unter den Tisch fallen mögen, weil man sie eben nicht versteht. Die Darsteller sind hierzulande unbekannt, aber natürlich nach ihrer Leinwand-Wirkung ausgesucht – sie sind quasi Prototypen, für die es in Hollywood Äquivalente gegeben hätte, auf die die Jolie verzichtet hat: Goran Kostic etwa ist ein Typ ähnlich wie Daniel Craig. Er spielt jenen Danijel, der durch Geburt und Verwandtschaft unauflösbar in seiner Rolle als Armeekommandant steckt, aber nicht zuletzt durch die Gefühle für Ajla von jedem Scheuklappendenken frei ist, weil er die Gegenseite auch kennt. Immer wieder wird klar, wie er in seiner abweichenden Position auf der Hut sein muss, von seinen Kollegen und vor allem seinem Vater nicht durchschaut zu werden. Rade Serbedzija gibt diesem General Vukojevich so viel Gewicht und Würde, dass das schon eher eine Hollywood-Figur ist als ein Verbrecher, der gnadenloses Morden auf sein Banner geschrieben hat. Zana Marjanovic schließlich geht mit schönem Gesicht und waidwundem Blick durch die Hölle der Ajla, wobei Angelina Jolie den bosnischen Frauen, deren Demütigungen sie zeichnet, ihre Würde lässt: Jenes Geheule, Geweine, Gekreische, das Fernsehkameras am liebsten quälend einfangen, wird man kaum finden, vielmehr die hinuntergeschluckten Tränen und die verzweifelten Versuche, durch das Grauen zu kommen.

Happyend kann es natürlich keines geben, so viel Hollywood darf wirklich nicht sein.

Ein Kompliment für Angelina Jolie, die menschliches Kino macht, ohne in die Kitschfalle zu laufen, die im Hintergrund dauernd gähnt. Es ist ihr doch erheblich mehr gelungen als nur das „gut Gemeinte“.

Renate Wagner

 

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