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In Memoriam STELLA DOUFEXIS (1968-2015): Einzigartiges diskographisches Vermächtnis mit ….

09.01.2016 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

 

In Memoriam STELLA DOUFEXIS (1968-2015): Einzigartiges diskographisches Vermächtnis mit Berlioz, Chausson, Ravel und Debussy – Berlin Classics

„Ich möchte fortgehen auf Blumeninseln, und dabei das dämonische Meer singen hören auf einen alten verführerischen Rhythmus.“ Tristan Klingsor

Am 15. Dezember 2015 ist eine der schönsten Mezzostimmen unserer Zeit für immer verstummt. Die besonders der Komischen Oper Berlin verbundene Sängerin mit griechisch deutschen Wurzeln war nicht nur ein wunderbarer Cherubino, Dorabella, Carmen, Hamlet, Xerxes oder Octavian, sie war auch eine begnadete Liedsängerin. Wir dürfen dem Label Berlin Classics dankbar sein, dass dieser reich und warm timbrierte Mezzo gut dokumentiert ist. Vor allem im französischen Repertoire sind gültige und anrührende Interpretationen auf allerhöchstem Niveau nachzuhören, die keinen Vergleich zu scheuen brauchen und in keinem Plattenregal fehlen sollten.

 0885470005232 Ich möchte mich anhand zweier CDs an die große, schöne, elegante Stella Doufexis, die ich oft live in Berlin gehört habe, erinnern: Eine der großartigsten CDs ist zweifelsohne die Berlioz (Les Nuits d‘été), Ernest Chausson (Poème de l‘amour et de la mer) und Mauruce Ravel (Shérérazade) gewidmete Einspielung mit der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz unter der feinfühligen musikalischen Leitung von Karl-Heinz Steffens. „Kennt ihr die überweiße Taube, über der klagend der Schatten einer Eibe hängt?“ Berlioz‘ Sommernächte, diese sieben einzigartig poetisch-melancholischen Gesänge, sind kaum je anrührender erklungen als in dieser Aufnahme aus Ludwigshafen. Stella Doufexis, einer Schülerin von Dietrich Fischer-Dieskau und  Aribert Reimann, gelingen magische Momente der Introspektion mittels delikat „in offene Ohren zugeflüsterter“ Worte. Eine außergewöhnliche Schönheit des Klangs und eine intensive Textausdeutung lassen den Hörer eintauchen in die geheimnisvollen Klangwelten, die sich zu Stoffen von Träumen verdichten. „Wohin entschwindest du Schöne, welche Richtung schlägst du ein?“ Vor dem Lebenshintergrund der Sängerin gewinnen diese Liedinterpretationen eine Intensität und Wahrheit, die sprachlos machen. Ich wüsste nicht, welche Sängerin Verse wie „Oh Himmel, fast wie in der Farbe ihrer Augen, die Brise singt in blühendem Flieder, um vollen Duft zu entsteigen“ aus der „Wasserblume“ des Gedichts über die Liebe und das Meer von Ernest Chausson zu Herzen gehender gesungen hätte als Stella Doufexis. Dabei ist sie im französischen Idiom genau so zu Hause und steht bei den Nuits d‘été in Stimmqualität und Tiefenauslotung der Musik auf absolut einer Stufe mit den großen Legenden Eleanor Steber (Mitropoulos), Regine Crespin (Ansermet) oder mit ihrer grandiosen jüngeren Kollegin Susan Graham (John Nelson). Stella Doufexis trifft aber auch den humorigeren, ironischen und erotischen Ton eines Maurice Ravel in Shérerazade aufs Beste. Über die Lieder „Asie“, „La flûte enchantée“ und „L‘Indifférent“ stülpt sich so die „Schamhaftigkeit der Sinnlichkeit, das schillernde Kleid des Verlangens“ (Étienne Barilier). Der Wehmut des letzten Gedichts kann man fast nicht ohne Tränen lauschen: „Doch nein, du gehst vorbei, an der Tür sehe ich dich entschwinden. Anmutig winkst du mir noch einmal zu mit dem leicht müßigen Gang deiner so weiblichen Art.“

0885470006208 Die zweite CD ist Poèmes von Claude Debussy gewidmet. Am Flügel wird Stella Doufexis von Daniel Heide begleitet. Von den achzig Liedvertonungen des Meisters des französischen Impressionismus gibt die CD eine  schöne Auswahl mit den Nuit d‘étoiles, Fleur des blés, Deux romances, Fêtes galantes, Le promenoir des deux amants, trois poèmes de Stéphane Mallarmé und cinq poèmes de Charles Baudelaire („Le balcon“, „Harmonie du soir“, „Le jet d‘eau“, „Recueillement“ und „La mort des amants“). Wie schon bei der ersten CD, kann sich der Hörer auch hier an der zauberhaften Delikatesse des Vortrags, an stimmlich filigran gepinselten Miniaturen, an einer Raffinesse der Interpretation erfreuen, die durch den edlen Ton der herrlich schönen Stimme von Stella Doufexis geadelt werden. Wir als Erben dieser hohen Vokalkunst wollen uns in Demut vor dieser zu früh gegangenen Künstlerin verneigen.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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