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IN GUTEN HÄNDEN

30.05.2012 | FILM/TV

Ab 1. Juni 2012 in den österreichischen Kinos
IN GUTEN HÄNDEN
Hysteria  /  GB  /  2011 
Regie: Tanya Wexler
Mit: Hugh Dancy, Maggie Gyllenhaal, Jonathan Pryce, Rupert Everett u.a.

So witzig und boshaft war selten ein Film, der sich quasi unschuldsvoll in die plüschigen Gewänder des Viktorianischen Zeitalters hüllt, um eine Geschichte zu erzählen, die wir selbst heute noch schwer in Worte fassen können. Denn es geht – und altmodisch empfindenden Menschen ist es peinlich, darüber zu reden – um die Erfindung des Vibrators. Nicht als Schmuddelgeschichte, sondern als kulturhistorisches Faktum. Es nannte sich  „Hysteria“. Und ausnahmsweise ist der deutsche Filmtitel einmal wirklich gelungen: „In guten Händen…“

Da ist Dr. Mortimer Granville (ideal besetzt mit Hugh Dancy), ein intelligenter und fortschrittlich denkender junger Arzt, wie er im England des ausklingenden 19. Jahrhunderts nur aus einer Klinik nach der anderen rausfliegen kann, denn so jemanden, der alles in Frage stellt, braucht man wirklich nicht. Hingegen braucht der elegante und erfolgreiche Frauen- und Modearzt Dr. Robert Dalrymple (von unüberbietbarer Noblesse: Jonathan Pryce) dringend Hilfe, denn er hat eine anstrengende Tätigkeit. Man stutzt regelrecht, als man sieht und begreift, was der gute Mann in seiner Praxis tut, wo die streng aussehenden, in Rüschen erstickenden Ladys unter einem diskreten Schirm ihren Unterleib darbieten. Er behandelt nämlich ihre „Hysteria“ – indem er sie masturbiert. Sie entschweben mit beseeligtem Gesichtsausdruck, und der gute Mann kann sich kaum retten, so groß ist der Andrang in seiner Ordination…

Ja, und Dr. Granville „lernt“ auch schnell, was da erwartet wird, und wenn man ihm bald zusieht, wie er seine überarbeitete Hand kaum noch in Eiswürfeln kühlen und zum Arbeiten bringen kann, wird klar, dass die Erfindung mechanischer Hilfe, sprich, des Vibrators, unerlässlich wird. Sein technischen Spielereien hingegebener Freund Lord Edmund St. John-Smythe (wieder einmal darf Rupert Everett den ganzen Snobismus ausspielen, den er so unnachahmlich beherrscht) ist ihm dabei eine Hilfe…

Ginge es allerdings nur darum, der Film wäre nicht mehr als eine Pointe. Regisseurin Tanya Wexler wollte entschieden mehr – mehr auch als den Kostümschinken, wenngleich sie ihn meisterlich erfüllt, in den Luxuswohnungen ebenso wie bei den armen Leuten auf der Straße. Tatsächlich geht es um Emanzipation, um die Stellung der Frau, um die Erkenntnisse, die in dieser Epoche dank vieler Kämpferinnen gewonnen wurden – Maggie Gyllenhaal als Charlotte, die gescheite, ungebärdige Tochter des trotz seiner Behandlungsmethoden stockkonservativen Dr. Dalrymple macht es klar. Und da geht es dann zwar auch darum, dass man als „Hysterie“ bezeichnete, was nur die Leugnung der legitimen sexuellen Bedürfnisse der Frauen war. Vor allem aber um diese Stellung der Frau, deren Selbständigkeit mühevoll erkämpft werden musste.

Ein Happyend zwischen Charlotte und Mortimer (in dem auch noch ein Konservativer steckte, der aufzuwecken war) ist erst möglich, als er zu einigen profunden Erkenntnissen kommt… und da geht es nicht nur um Medizin, sondern auch um Soziales. Denn der Fortschritt kann nur von jenen kommen, die ihre Augen vor den Notständen aller Art, ob sexueller oder gesellschaftlicher Natur, nicht verschließen. Wenn aus solchem „Lehrstück“ noch ein höheres Filmvergnügen wird – nichts als wie ins Kino!

Renate Wagner

 

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