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Im Gespräch mit VLADISLAV SOLODYAGIN

22.11.2015 | INTERVIEWS, Sänger

Bass_Vladislav_Solodyagin_de.wikipedia.org  Im Gespräch mit VLADISLAV SOLODYAGIN 

In Wologda, einer russischen Gebietshauptstadt mit über 300.000 Einwohnern ca. 500 km nordöstlich von Moskau gelegen, wurde der Bassist Vladislav Solodyagin  geboren. Seine Heimatstadt hat eine sehr wechselvolle Geschichte, sollte unter Iwan dem Schrecklichen gar Hauptstadt  werden,  war  nach Moskau und Jarosjawl die drittgrößte Stadt Rußlands.   Erst mit der Gründung von St. Petersburg verlor sie an Bedeutung, heute ist sie durch die Metall- und chemische Industrie geprägt, auch durch Holzverarbeitungs- und Papierindustrie. Sie verfügt über mehrere Theater, Bibliotheken und Museen, unterhält ein gutes Angebot an Hochschulen.- Herr Solodyagin – wie kommt man in einem solchen Umfeld zur Musik, zum Gesang, schließlich zur Oper?   

Meine Großmutter war vom alten Adel. Sie mochte Musik, Theater, Kunst. Meine andere Oma hat auch nicht schlecht gesungen. Deshalb nimmt mein Interesse an der Musik seinen Ursprung wohl in meiner Kindheit. Und ich denke, dass ich die Liebe zur Musik von meinen beiden Omas geerbt habe.

Nach dem Besuch einer Musikberufsschule in Ihrer Heimatstadt kamen Sie dann gleich in ein internationales Musikzentrum – Sie konnten in St. Petersburg studieren.

Ja, ich studierte am Rimsky-Korsakow Konservatorium in St. Petersburg, mein Hauptfachlehrer war Georgi Selesnew. Neben Gesang habe ich auch Klavier und Dirigieren studiert. Das Konservatorium in St. Petersburg befindet sich gegenüber vom Mariinsky Theater. Ich nahm tagsüber Unterricht im Konservatorium und abends ging ich, wie alle Studenten, zu irgendeiner Vorstellung ins Mariinsky Theater. Ich habe dort viele bekannte Sänger gehört: Placido Domingo, René Pape, Olga Borodina, Anna Netrebko, Ferruccio Furlanetto, Thomas Hampson, Renée Fleming. So habe ich auch meine Ausbildung bekommen. Sankt-Petersburg war und ist nicht nur eine sehr schöne Stadt sondern auch ein sehr grosses Kulturzentrum, wo die Studenten des Konservatoriums die Möglichkeit haben, mit vielen berümten Musikern und Sängern zu kommunizieren. 

Und in St. Petersburg, wo es ja viele Theater gibt, haben Sie auch als Sänger begonnen.

Zunächst konnte ich bereits im Rahmen des Opernstudios zahlreiche große Partien meines Faches interpretieren. Von 2006 bis 2008 sang ich als Solist an der St. Petersburger Oper.

Wo haben Sie die deutsche Sprache so gut gelernt?

Ich habe Deutsch in der Schule gelernt. 

Hatten Sie schon als Student eine besondere Beziehung zur deutschen Musik?

Während meines Studiums habe ich viele Stücke von Wagner besucht. Fast jede Woche war ich beim RING DES NIBELUNGN oder TRISTAN UND ISOLDE  im Zuschauerraum. Diese Musik hat mich sehr berührt, ich war von ihr ganz begeistert. Deswegen habe ich mich entschieden, nach Deutschland zu gehen und hier die Technik des Gesanges zu erlernen, die für deutsche Musik am besten passt. Zum Glück habe ich in München Herrn Prof. Josef Loibl und Kammersängerin Catarina Ligendza getroffen, die mir dabei sehr geholfen haben.

In München haben Sie also Ihre Studien fortgesetzt, daneben aber bereits verschiedene Engagements in Deutschland absolviert ?

Im Jahre 2008 konnte ich im Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen in der AFRIKANERIN von Meyerbeer den Großinquisitor von Lissabon und den Oberpriester des Brahma singen. Dann hatte ich das große Glück, von Herrn Staatsintendant Peter Theiler ins Internationale Opernstudio nach Nürnberg engagiert zu werden und wurde im Jahr darauf festes Ensemblemitglied des Staatstheaters Nürnberg, wo ich auch eine sehr wichtige Partie meines Faches, den Sarastro in der „Zauberflöte“ singen konnte. Daneben gastierte ich am Mainfranken-Theater in Würzburg und an den Staatstheatern Meiningen und Cottbus. 

Ab der Spielzeit 2012/13 gehören Sie dem Ensemble des Theaters Augsburg an und hatten da viele interessante Aufgaben.

Die wichtigsten Partien, die ich bisher dort gesungen habe, waren der Commendatore in DON GIOVANNI, der Colline in LA BOHEME,  zwei wichtige Verdi-Partien – der Jacopo Fiesco in der konzertanten Aufführungs-Serie des SIMONE BOCCANEGRA und der Banquo in MACBETH. Auch meine erste Wagner-Partie, der König Heinrich im LOHENGRIN sowie der Doktor im WOZZECK gehörten zu meinen Aufgaben. 

Wie erarbeiten Sie sich eine neue Partie? 

Ich denke natürlich an die Gestalt, die ich auf der Bühne verkörpere und lese dazu diverse Literatur. Wichtig ist mir, Parallelen zwischen mir und der zu verkörpernden Rolle zu finden. Ich spiele ja immer einen Charakter, der aus vielen Kleinigkeiten besteht und versuche die private und menschliche Seite zu verstehen. Ich bin der Anwalt meiner Gestalten und versuche, ihre Handlungen zu rechtfertigen, ich überlege mir: „Warum hat er das gemacht?“ Warum handelt ein Mensch gut oder schlecht? Ich mag auch Dichter,  die in der Phonetik eine Musikalität haben. Wenn die Rolle nicht in meiner Muttersprache ist, arbeite ich sehr viel mit Phonetik und versuche die sprachliche Melodie zu verstehen. 

Haben Sie musikalische Vorlieben?

Außer der Musik von Bach, Wagner, Verdi, Tschaikowsky, Schostakowitch und anderen interessiere ich mich für Kammermusik. Ich bin gerade dabei, ein Programm mit Werken von Schubert und Tschaikowsky zu erarbeiten; ich singe gern Konzerte. Vor kurzem habe ich ein Konzert mit der Sopranistin Ekaterina Godovanets gesungen, die am Staatstheater Nürnberg engagiert ist und am Bolschoi-Theater Moskau gastiert. 

Was singen Sie besonders gern, wo sehen Sie Ihre weitere Entwicklung?

Ich möchte immer das singen, was mir meine Natur und meine Stimme zeigt. Zurzeit konzentriere ich mich auf Verdi- und Wagner-Opern. Ich versuche, die Erfahrungen aus dem italienischen und dem deutschen Fach zu sammeln und spüre dabei, dass meine Stimme mir diese Richtung zeigt.
Meiner Meinung nach muss ein echter Bass unbedingt eine dunkle Klangfarbe haben, weil Bass eine tiefe Stimme ist. Ich denke immer daran, wenn ich mit einer Rolle arbeite. Alle berühmten Sänger haben oder hatten ihre persönlichen stimmlichen Farben. Mein Ziel ist es, meine persönliche Farbe in meiner Stimme und meine Persönlichkeit nicht zu verlieren. Es soll nicht notwendig sein, einen Sänger zu sehen, um ihn zu erkennen. Es reicht, ihm zuzuhören, wenn er eine persönliche Stimmfarbe hat. Man kann einen Sänger erkennen dank der persönlichen Stimmfarbe! Das zu erreichen, ist mein Ziel! 

Welche Interessen verfolgen Sie außerhalb Ihres Berufes?
Ich liebe es zu reisen. Ich interessiere mich für verschiedene Kulturen, für schöne Literatur, Malerei und Dichtung.

 

(Das Gespräch führte Werner P. Seiferth/ 27.09.2015)

Foto: Bass_Vladislav_Solodyagin_de.wikipedia.org 

 

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