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Ilse Stahr: DAS GEHEIMNIS DER MILCHFRAU IN OTTAKRING

14.07.2014 | buch

BuchCover Stahr, Alja Rachmanova

Ilse Stahr
DAS GEHEIMNIS DER MILCHFRAU IN OTTAKRING
Alja Rachmanowa.
Ein Leben
240 Seiten, Amalthea Verlag, 2014

Um die Wahrheit zu sagen: Man wusste gar nicht, dass hinter der „Milchfrau in Ottakring“ ein „Geheimnis“ steckte. Die Bücher, die „Alja Rachmanowa“ in den dreißiger Jahren schrieb und die noch in den letzten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts mit Anteilnahme gelesen wurden, schienen das, was sie vorgaben zu sein: Die authentische Geschichte einer Frau dieses Namens, die von ihrem Leben erzählte – Großbürgerstochter aus der letzten Dekade des Zarenreichs, Russische Revolution, großes Elend, Heirat mit einem österreichischen Kriegsgefangenen, mit dem sie 1925 nach Wien ging, als sie ohne Begründung aus ihrer Heimat ausgewiesen wurde…

Sie hieß nicht „Alja Rachmanowa“, sondern Galina Djurjagina (woher der „Künstlername“ kam, konnte nicht festgestellt werden), und das Milchgeschäft, das sie führte, war nicht in Ottakring, sondern in Währing. Und sie hatte noch ein langes Leben nach den Jahren, die sie in ihrer berühmten Roman-Trilogie schildert, die dennoch nicht „falsch“ ist. Sie beruht auf ihren zahllosen Tagebucheintragungen, die „Alja“ (wir wollen sie einmal so nennen) bei jeder Flucht und Übersiedlung mit sich nahm: Sie hat nur – teils aus Rücksicht, wohl auch manchmal um der Wirkung wegen – so manches verändert. Der Wahrheitsgehalt des Erlebten, das die Frau mit den interessanten mongoloiden Zügen niederschrieb, ist unbestreitbar und unbestritten.

Wie es „wirklich“ war, das legt die Autorin Ilse Stahr nun vor, die durch einen Zufall (es passieren die seltsamsten Dinge) zu einem Teil des Rachmanowa-Nachlasses kam und die akribisch und liebevoll Fakten und Bild- und Dokumentationsmaterial über die am 27. Juli 1898 in Kasli (Ural) Geborene zusammen gestellt hat. Sie erzählt nun – nicht als Roman, sondern als Biographie – von einem jungen Mädchen im Ural, intellektuelle Großbürgerstochter, die einmal in ihr Tagebuch schrieb, es gehe ihr einfach zu gut, sie sehne sich nach Leiden und Kämpfen, Not und Entbehrungen. Nun, mal soll vorsichtig sein mit dem, was man sich wünscht, denn all das wurde ihr nach der  Russischen Revolution, wo ihre Familie dann zu den verhassten Bourgeois zählte, reichlich zuteil.

Immer auf der Flucht, fand Alja doch den Mann, mit dem sie über Jahrzehnte ihr ganzes Leben teilen sollte: Arnulf von Hoyer, der Österreicher, der das Kriegsgefangenenlager überlebte, den Alja heiratete, und der bereit war, mit ihr in Russland zu bleiben und zu leben. Nur, dass man sie dort nicht wollte…

Eine kleine Familie kam 1925 mit nichts in Wien an, Sohn Alexander (Jurka) war gerade drei Jahre alt. Dass dieser hochbegabte Junge wenige Tage vor Kriegsende 1945 noch fallen sollte und die Eltern allein ließ, war sicher die größte Tragödie im Leben der Alja Rachmanowa: Wie bewundernswert sie sich und die Ihren in Wien tatsächlich als „Milchfrau“ durchbrachte, das schimmert auch aus der Biographie, die kein Roman ist.

Doch dann kamen die Bücher: Das Talent der Alja Rachmanowa, Alltag fesselnd zu beschreiben (stets aus dem Russischen übersetzt von ihrem Mann), brachte ihr auf Anhieb Erfolg, als 1931 im Otto Müller Verlag (die Familie war 1927 nach Salzburg übersiedelt, wo Arnulf von Hoyer nach Beendigung seiner Studien eine Stelle als Lehrer fand) der erste Band dessen erschien, was später eine Trilogie wurde: „Studenten, Liebe, Tscheka und Tod“ fand sehr viele Leser und sehr viel Lob,, „Ehen im roten Sturm“ folgte, schließlich die „Milchfrau in Ottakring“, die quasi zum „Signet“ der Autorin wurde. Bei Lese-Reisen, die sie zahlreich unternahm, wurde sie stets von begeistertem Publikum umschwärmt.

In den Jahren bis zum Zweiten Weltkrieg schien das Glück die kleine Familie erreicht zu haben, tatsächlich konnte Alja Rachmanowa mit diesen Büchern wohlhabend werden und in ein eigenes Haus einziehen. Doch dann kamen die Nationalsozialisten, und ein zweites Mal in ihrem Leben geschah es, dass Alja Rachmanowa plötzlich unerwünscht war. Dennoch ging das  Ehepaar erst 1945, nach Jurkas Tod, in die Schweiz, wo sie bis zu ihrem Tod blieben – Arnulf von Hoyer starb 1970, Alja Rachmanowa überlebte ihn lange, starb, am Ende schon schwerkrank, am 11. Februar 1991 im Alter von 93 Jahren.

Ihre Schweizer Zeit haben sie – auch aus Gründen des Überlebens – als schwer arbeitendes, schreibendes Paar verbracht. Seltsam, dass man von Alja Rachmanowa nur „ihre“ Geschichte kennt, nur den Begriff der „Milchfrau in Ottakring“, dabei haben sie und ihr Mann Biographisches über Tolstoi und Dostojewski, Turgenjew, Puschkin und Tschechow sowie Tschaikowski verfasst, um nur die Berühmtesten zu nennen. All diese heute vergessenen Bücher haben ihr den schweren Überlebenskampf bis zum Ende nicht erspart.

Und doch – sie hat Spuren hinterlassen. Wie authentisch sie aus ihrer Welt erzählt hat, das sichert ihren Ruhm. Diese Biographie rundet nun das Bild der Frau hinter der „Milchfrau“.

Renate Wagner

 

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