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Igor Stravinskys LE SACRE DU PRINTEMPS, MusicAeterna unter Theodor Currentzis – SONY LP

31.12.2015 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

 

sacre Nochmal Igor Stravinskys LE SACRE DU PRINTEMPS, MusicAeterna unter Theodor Currentzis – hier nun als SONY-LP

„Um dieses Werk zu verstehen, muss man den Tanz verstehen; nicht als Bewegung, sondern als Ganzes.“ (Currentzis)

Diese in Köln 2013 aufgenommene „Frühlingsweihe“ folgt einem impressionistischen Klangverständnis und rehabilitiert die tänzerische Dimension in einem klar und transparent strukturierten Erzählfluss. Dem Hörer wird nicht – vergleichbar anderen berühmten Aufnahmen – ein großes Konzertstück bzw. dynamisch weit ausschwingendes Virtuosenvehikel geboten. Das Orchester aus Perm triumphiert nicht in opulenten Farben (der Beweis ob es das kann, steht aus), sondern ist mit sehnig grauem Klang ganz auf flotte Rhythmen zentriert. Vor allem der erste Teil (Anbetung der Erde) scheint ein transluzides Horchen in sich selbst zu sein, ein Ertasten einer Welt, die von sich selbst überwältigt ist. Beinahe schüchtern-keusch klingt da manches, bevor Currentzis im zweiten Teil (Das Opfer) mit hart an Techno erinnerndem bohrendem Stakkato einen Opfertanz wie mit der Stahlbürste gestriegelt zu einem intensiven Ritual stilisiert.

Diese Interpretation hat viel Faszinierendes, ist auf jeden Fall perfekt erarbeitet, hält aber auch große emotionale Distanz. Die instrumentalen Askese führt weg von der sinnlichen heidnischen Archaik, wie sie uns etwa Leonard Bernstein in seiner ersten Aufnahme aus 1958 mit den New York Philharmonic so eindringlich vorführt. In der Lesart von Currentzis werden vergleichsweise auch die volksliedhaften Bezüge weniger deutlich.

Viel ist über die Currentzis Aufnahme schon geschrieben worden, vielleicht ist sie wirklich die definitive Deutung unserer Tage. Für mich steht aber ebenso ein wortreicher, manches in hohle Formeln hüllender Zeitgeist Pate und der wie bei Currentzis üblich selbst formulierte (zu hohe) Anspruch kann nur partiell eingelöst werden. So hat die neue Aufnahme neben der schönen Durchsichtigkeit und hohen Tanzbarkeit, also einem am essentiellen Programminhalt orientierten  Musizieren, auch etwas verstörend-knöchern Gewolltes. Leidenschaftliche Ausbrüche wie bei den „Rondes printanières“ oder den „Jeux des cités rivales“ bzw. am Schluss kommen, wie schon von Frau Dorothea Zweipfennig in ihrem zutreffenden Text angemerkt, merkwürdig schaumgebremst und verhalten daher. Die einem strengen Konzept folgende Klangsprache scheint vielerorts nivelliert.

Positiv ist neben der neuen Hörerfahrung auf jeden Fall, das wieder über eines der größten musikalischen Meisterwerke des 20. Jahrhunderts leidenschaftlich diskutiert wird. Das LP-Cover im pointillistischem Stil weiß auf blau ist graphisch sensationell und lässt bei richtiger Perspektive die Worte Currentzis und Stravinsky (in dieser Reihenfolge!) erkennen. Die Pressung auf 180g schwerem Vinyl ist ausgezeichnet. Die LP hat den Vorteil, dass ein großes Ärgernis bei der CD wegfällt: eine Spieldauer von knapp 35 Minuten ist den technischen Möglichkeiten einer CD vollkommen unangemessen. Dafür ist der Preis für die LP mehr als fair.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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