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IGOR MARKEVITCH – The Complete HMC Recordings auf 18 CDs ERATO ICON Serie

19.10.2015 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

markewi. IGOR MARKEVITCH – The Complete HMC Recordings auf 18 CDs ERATO ICON Serie – Einzigartige Zeugnisse vom Feuer des Anspruchs und eleganter Akuratesse 

Serbisch-russischer Aristokrat mit italienischer Staatsbürgerschaft, in der Schweiz und Frankreich aufgewachsen, Komponist, Dirigent, universell gebildeter Weltenbürger mit Schicksal. Igor Markevitch, dessen geographische Lebensspanne von Kiev bis Antibes reicht, wird im Booklet als radikaler Perfektionist bezeichnet, einer, dem jegliche melodische Sentimentalität fremd ist. Damit befindet er sich nicht nur in künstlerischer Nähe zu Igor Stravinsky oder Paul Hindemith, sondern es fallen einem sofort stilistisch und vom erzielten Ergebnis her ähnliche Dirigenten bzw. „Pult-Despoten“ wie Toscanini, de Sabata, Fritz Reiner oder Solti ein. Allesamt große anspruchsvolle Persönlichkeiten, die auf Präzision, Gewissenhaftigkeit in der technischen Umsetzung einer Partitur, extreme dynamische Kontraste, messerscharfe Rhythmik und klangliche Balance höchsten Wert legten. Markevitch hat zur Frage des nötigen Handwerkzeugs von Dirigenten auch einen bedeutenden Essay verfasst und seine Ideen in vielen Meisterkursen weitergegeben. 

Gerhard Markson, ehemaliger Schüler und Assistent, beschrieb Igor Markevitch zutreffend als „einen Mann mit einer sehr klaren, geradezu wissenschaftlichen Schlagtechnik. Die sei wie in einer Choreographie abgelaufen.“ Markevitch habe sich von der modernen Schlagtechnik Toscaninis her definiert. Wer sich ein Bild davon machen möchte, dem sei die BluRay „Classic Archive Collectors Edition – Conductors“ anempfohlen, wo Markevitch seine spektakuläre Vision der 1. Symphonie von Shostakovich mit dem Orchestre National de la RTF vom 15.6.1963 mit einprägsam knapper Gestik und glühender Intensität zu einem unvergesslichen Erlebnis werden lässt.  

Die nun die ICON Serie bereichernde Markevitch Box enthält 15 CDs mit Mono Einspielungen aus den Jahren 1938, 1949-1957 und 3 Stereo CDs mit Aufnahmen aus den Jahren 1958,1959 und 1969. Einige CD-Premieren befinden sich darunter, wie imposante frühe Verdi Ouverturen, Werke von Borodin, Britten, Prokofiev oder Dallapiccola. Besonders interessant sind die Aufnahmen mit dem Belgian National Orchestra aus 1938, die Markevitch als wohl besten Anwalt seiner eigenen Werke „L’Envoi d’Icare“ und „Le Nouvel Âge“ präsentieren. Man munkelt, er habe bei der Komposition des „Icare“ bestimmte Passagen unter dem Einfluss von Opium erfunden. Nach der Uraufführung sagte Jean Cocteau, das seien Töne aus einer ganz anderen Welt. Also keine einfach zu konsumierende süffige Meterware und alles andere als oberflächenpoliert, aber auch ein Endpunkt, weswegen er bald das Komponieren aufgab. 

Seine Dirigate zeichnen sich insgesamt durch eine Art von größtmöglicher Werktreue, flotten Tempi und eine klare, manchmal quasi mediterran helle Objektivität absoluter Musik aus, ohne dabei in kapellmeisterliche Selbstgefälligkeit oder düftelnde Kleingeisterei zu verfallen. Igor Markevitch konnte die Strukturen einer Partitur mit dem Seziermesser sichtbar machen und sie gleichzeitig von innen heraus dämonisch zum Glühen zu bringen. Ein Ergebnis aus russischer Herkunft und französischer clarté. 

Sein Perfektionsdrang führte dazu, dass gerade das Schallplattenvermächtnis so bedeutsam ist. Als Chef von eher zweitrangigen Orchestern gelang es ihm, einem großen Orchestererzieher, schon nach wenigen Proben, jedes technisch noch so schwierige Konzertprogramm aufführen zu können. Davon legen die in der Box enthaltenen Einspielungen etwa der schmissigen Rossini Ouvertüren mit dem Orchestre National de la Radiodiffusion Francaise oder sein verspielt klassizistischer Bourgeois Gentilhomme von Richard Strauss mit demselben Klangkörper beeindruckende Zeugnisse ab. Aber auch bei Haydn und Schubert (Unvollendete), Shostakovich (1. Symphonie) oder Tchaikovskys Vierter wächst das Orchester über sich hinaus und liefert maßstabsetzende Ergebnisse. Schon Kultstatus erlangt haben die beiden Aufnahmen von Stravinskys Sacre du Printemps mit dem Philharmonia Orchestra (1951, 1959). Mit diesem Orchester enthält die Anthologie noch eine elastisch federnde 1. Symphonie von Prokofiev, eine hinreißende Wiedergabe von Bartoks „Dance Suite“, Ravels „La Valse“ oder Saties „Parade“. Opernliebhaber kommen mit den legendären Aufnahmen von Michael Glinkas „Ein Leben für den Zaren“ mit Boris Christoff, Teresa Stich-Randall und Nicolai Gedda sowie der urfranzösischen „Perichole“ von Offenbach mit dem Orchestre de l‘Association des Concerts Lamoureux  und der wunderbaren Suzanne Lafaye in der Titelrolle ebenfalls voll auf ihre Kosten.

Disk 10 enthält grandiose Aufnahmen von Saint Saens „Karneval der Tiere“ mit Geza Anda, Prokofievs „Peter und der Wolf“ und Brittens „The Young Person‘s Guide to the Orchestra“ mit Peter Pears als Erzähler, die in keiner CD-Sammlung fehlen sollten.

Wie überhaupt der Musikfreund mit jetzt in dieser ICON Serie preisgünstig zu habenden Aufnahmen in den Vorteil kommt, auch auf interessante Raritäten zu stoßen, die man sich vielleicht als Einzel CD so nicht zugelegt hätte. Also durchaus auch ein wünschenswerter pädagogischer Effekt. Insgesamt ist die 18 CD Box trotz einer eher spartanischen Ausstattung und Information eine volle Empfehlung.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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