Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

HYO-JUNG KANG / Stuttgarter Ballett – Im Portrait

07.02.2016 | INTERVIEWS, Tänzer

 Kang_Hyo-Jung HYO-JUNG KANG –  „Try to enjoy it and to learn of each situation!”

Tanzen als pure Freude – schon bald nachdem Hyo-Jung Kang in kleineren Soli aus dem Corps de ballet hinaus gewachsen war, vermittelte sie mit einem das ganze Gesicht ausfüllenden Strahlen ihren über alle Schwierigkeiten hinweg reichenden Spaß am Tanzen. Das aktuellste Beispiel für diese Bühnen beherrschende Freude ist die Aurora in Marcia Haydées/Jürgen Roses traumhaft ästhetischem „Dornröschen“, wo ihrer Königstochter an der Feier zum 18. Geburtstag ein umwerfend mädchenhaftes Leuchten mit gar fiebriger Erwartung im Gesicht geschrieben steht. Mit eben solchem, eine Spur Kindlichkeit bewahrt habendem und Glücklichsein durchscheinen lassendem lebhaftem Augenspiel schildert sie im Gespräch ihre Ansichten und Empfindungen.

Auf die in allen Komponenten so treffend übereinstimmende und technisch so selbstverständlich wie bewunderungswürdig sicher und entspannt wirkende Aurora angesprochen, meint die in Seoul geborene Koreanerin diese technisch anspruchsvollste Rolle in jedem Moment zu genießen. Als sie die Partie noch als 22jährige Halbsolistin aufgrund des Ausfalls gleich mehrerer Kolleginnen unerwartet innerhalb einer Woche lernen musste, waren ihr die immensen Schwierigkeiten gar nicht bewusst, weil sie keine Zeit hatte darüber nachzudenken. Erst bei der Wiederaufnahme vor der Sommerpause 2015 überfiel sie bei dieser Herausforderung eine gewisse Nervosität. Entscheidend ist speziell bei dieser ganz klassischen Aufgabe, auch in rein repräsentativen Momenten eine Geschichte zu erzählen, um über eventuell auftretende Probleme hinweg zu kommen. Eine weitere Hilfe bietet auch die Musik, die nicht nur das ganze Stück befördert und ohne die für sie Tanzen ohnehin gar nicht denkbar ist. Vielleicht auch, weil Musik in ihrem Leben generell eine große Rolle spielt, hatte sie doch einst als Klavierschülerin mehrere Preise gewonnen. Möglicherweise ist sie diesbezüglich auch durch ihren Großvater, der Dirigent war, und eine Tante, die Opernsängerin ist, vorbelastet. Jedoch keineswegs in ihrem Beruf, der in ihren vorherigen Familien-Generationen noch nicht vorgekommen war.

Zum Ballett kam sie letztlich aus der schlichten Tatsache heraus, dass sie von den Eltern aufgrund ihrer Schüchternheit zur Gewinnung von Selbstvertrauen in eine Tanzschule geschickt wurde. Dort gewann Hyo-Jung neben der erhofften Haltung auch ein von der Familie gar nicht erwartetes Gefallen am Tanz und ließ in der Folge an einer Schule in einer Kleinstadt, wohin der Wechsel durch den Beruf des Vaters erforderlich gewesen war, soviel Talent und Eignung fürs klassische Ballett erkennen, dass ihr zu einer professionellen Ausbildung geraten wurde. Diese begann sie an der Sunwha Arts Middle School in ihrer Geburtsstadt und setzte sie schließlich auf Empfehlung von Julia Moon, der Direktorin der Universal Ballet Company, an der Kirov Academy in Washington D.C. fort. Dort hatte sie das Glück eine Lehrerin zu bekommen, die viele Jahre Partnerin von Rudolf Nurejew gewesen war und gemäß der russischen Ballett-Tradition aufgrund von Hyos herausragender Begabung besonders streng und hart mit ihr gearbeitet hatte. Das anfängliche Gefühl einer ungerechten Behandlung wich später tiefer Dankbarkeit, weil sie dadurch gelernt hat, nicht nur gerne zu tanzen, vielmehr alles zu geben.

Die Teilnahme am Prix de Lausanne brachte Hyo-Jung zum ersten Mal nach Europa und durch die Präsentation u.a. einer „Dornröschen“-Variation den Gewinn eines Stipendiums von Cartier. Ihre „Ballettmutter“ Julia Moon hatte ihr daraufhin geraten, an die John Cranko-Schule nach Stuttgart zu wechseln, um dort ihren Abschluss zu machen. Sie hatte bis dahin weder etwas von dieser Compagnie noch von John Cranko gehört, aber erneut großes Glück, bekam sie doch ungewöhnlich früh, während des vorletzten Schuljahres die Chance bei der Aktion Weihnachten des Jahres 2002 mit dem heutigen Hauschoreographen Demis Volpi im Pas de deux „Come neve al sole“ aufzutreten, und dadurch schon bald die Einladung zu einem Vortanzen für die Compagnie. Die Wette mit einigen Freundinnen, nicht übernommen zu werden, verlor sie jedoch. Statt einer geplanten Rückkehr nach Washington und von dort wieder in die Heimat gehörte sie ab der Saison 2003/2004 zunächst als Elevin zum Stuttgarter Ballett. Vier Jahre im Corps de ballet musste sie durchstehen, bis es in ihrer Karriere einen Ruck gab, und sie dann umso schneller in jährlichen Schritten die Hierarchie-Stufen bis zur Ersten Solistin erklommen hatte.

AppleMark

******

An die Spitze verhalf ihr das Debut als Julia in Crankos berühmtem Shakespeare-Ballett. Das Gefühl einer zur Rolle passenden glücklichen Unschuld war Teil einer überwältigenden Vorstellung, zu der vor allem auch der damals gleichzeitig zum Ersten Solisten beförderte Alexander Jones als Romeo beigetragen hatte, so dass dieser 20. April 2011 zu den erinnerungswürdigsten Momenten ihrer Laufbahn zählt. Als Crankos Julia sah sie sich zum ersten Mal mit einem Drama konfrontiert, in dem es nicht nur wie bisher genügte zu strahlen, gute Miene zu machen, sondern  auch stumm zu schreien galt. Die Choreographien des Begründers des Stuttgarter Balletts von Weltrang stellen für Hyo-Jung allgemein das beste Beispiel dar, wie alles Technische hinter der Gestaltung einer Rolle verschwinden muss. „In Musik und Handlung ist bereits die ganze Choreographie enthalten. Es braucht nichts mehr hinzugefügt werden, kein zusätzliches „Acting“ ist gefragt, nur auf die Gefühle zu achten und sich selbst zu vertrauen. Crankos Schöpfungen sind reelles Leben, in dem die Technik von selbst kommt, weil die Schritte alles sagen.“ – deutlicher kann seine Kunst wohl nicht beschrieben werden! Die Tatjana in „Onegin“, die sie auch auf Tournee in ihrer Heimatstadt und jüngst als Gast beim Staatsballett Berlin verkörpert hat, ist dafür ein besonders markantes Beispiel.

Ihre schon eingangs erwähnte Ausstrahlung purer Tanzfreude erstreckt sich auch auf das modernere bzw. handlungslose Repertoire. Mag es noch so herausfordernd sein wie Volpis „Aftermath“, wo sie als Hauptakteurin die volle halbe Stunde auf der Bühne ist und beständig wechselnde Balancen sehr kompliziert sind, Jiri Kylians jüngst wieder getanztes „Vergessenes Land“, das so viel Anstrengung verlangt, dass danach alles andere möglich ist, Itzik Galilis „MonoLisa“, an dessen rasantes Tempo sie sich erst gewöhnen musste, oder William Forsythes bevorstehendes „The second detail“, dessen extrem riskante Bündelung unglaublich vieler schneller Schritte und Details in kürzester Zeit Hyo-Jung mit „Sky-diving“ vergleicht. Wie gut, dass der Tänzer-Körper soviel mehr zu speichern vermag als das Gehirn. Grundsätzlich ist sie durch den Probenalltag gewohnt, innerhalb eines Tages zwischen unterschiedlichsten Tanzformen zu wechseln, auch wenn parallele Einstudierungen von z.B. der ganz klassischen „Giselle“ und dem bereits genannten „Aftermath“ in der geforderten Härte doch an gewisse Grenzen führen. Dennoch gilt es für sie in jeder noch so schweren Situation etwas zu lernen und Gefallen daran zu finden!

Bevor sie ihr Können und Wissen später einmal an die nächsten Generationen weitergeben möchte (auf Einladung aus Seoul hatte sie dort bereits im Sommer 2013 Unterricht erteilt), dürften noch einige Rollenwünsche wie Béjarts „Bolero“ Wahrweit werden. Generell gibt sie für alles ihr Herz, doch John Neumeiers „Kameliendame“, in der sie bislang den aufgrund mit langen Pausen über das Stück verteilten Auftritten schwer unter Spannung zu haltenden Part der Manon getanzt hatte, wäre für sie eine besonders große Erfüllung. Außerdem die Manon in Kenneth MacMillans gleichnamigem Klassiker, das im Stuttgarter Repertoire bislang noch fehlt.

Wie viele Tänzer ist auch Hyo-Jung Kang von einer längerwierigen Verletzung nicht verschont geblieben – doch nicht ohne positiven Aspekt, denn seit ihrer Rückkehr im Frühsommer 2015 nach einer ausgestandenen Stress-Fraktur, übt sie ihren Beruf mit dem neuen Bewusstsein aus, wie sehr sie das Tanzen liebt, wie wertvoll ihr Körper dafür ist, ihn deshalb mehr als zuvor zu schätzen und nicht für sich selbst, sondern für andere auf die Bühne zu gehen!

Dieselbe Erfahrung machte bereits ihre berühmte, zum Spielzeitende scheidende Landsmännin und Namensvetterin Sue Jin Kang, vor der Hyo-Jung großen Respekt hat  – vielleicht kann sie ja den Platz der 20 Jahre älteren Kollegin ausfüllen, indem sie den Persönlichkeits-Status ihres Idols mit noch zunehmender Reife und Lebenserfahrung erreicht. Die wesentlichen Voraussetzungen wie Ausstrahlung, grenzenlose Hingabe und Leichtigkeit der Bewegung wären jedenfalls gegeben. Toi-toi-toi für die weitere Entwicklung und der Wunsch der Bewahrung ihrer ansteckenden Freude!                                                                                             

Udo Klebes 

 

Portraitfoto von Hyo-Jung Kang – Text:  Tanzen als pure Freude: Hyo-Jung Kang /           Copyright: Roman Novitzky 

Foto aus DORNRÖSCHEN – Text:  Entspannt und spielerisch leicht / Copyright: Stuttgarter Ballett

 

 

Diese Seite drucken