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HISTORISCHE KOSTBARKEITEN – ERICH KLEIBER mit seinem legendären Rosenkavalier u. m. / GIOCONDA DE VITO mit Beethovens Violinkonzert

27.12.2015 | cd, CD/DVD/BUCH/Apps

 

0028948239528 ERICH KLEIBER – Hommage zum 60. Todestag 

Neben Symphonischem von Beethoven, Schubert, Mozart und Weber die Referenzeinspielungen von „LE NOZZE DI FIGARO“ und „ROSENKAVALIER“ –  12 CDs – DECCA Recordings – Universal Music Italia 

Eine charismatische rätselhafte, musikalisch unerbittliche Persönlichkeit muss dieser Erich Kleiber, Vater des noch berühmteren Carlos Kleiber, gewesen sein. In Wien Alsergrund geboren, früh Vollwaise, entschließt er sich nach einer von Gustav Mahler selbst geleiteten 6. Symphonie, selbst Dirigent zu werde. Als musikalischer Chef der Berliner Staatsoper setzte er höchste Standards in Besetzung und musikalischer Qualität, ein visionärer Pionier der Moderne.

Weißt Du wie das ward? Wer die Aufnahme LE NOZZE DI FIGARO mit den Wiener Philharmonikern, aufgenommen 1955 im Redoutensaal kennt, kann sich einen Begriff davon machen. Mit einer nach heutigen Verhältnissen unvorstellbar luxuriösen Besetzung (Lisa della Casa als Gräfin, Hilde Güden als Susanna, Cesare Siepi als Figaro, Fernando Corena als Bartolo, Alfred Pöll als Graf, Suzanne Danco als Cherubino, Hilde Rössel-Majdan als Marcellina, Murray Dickie als Don Basilio, Hugo Meyer-Welfing als Don Curzio) lässt er diesen „verrückten Tag“, dieses qui pro quo auch musikalisch auferstehen und Kontur gewinnen wie kaum ein anderer. Vom Arbeitsstil und Interpretation her ein Antipode etwa zu Knappertsbusch, pflegt Erich Kleiber eine „neue Sachlichkeit mit Charme und Liebe zum Detail“. Seine Gesten waren klar, präzise, ökonomisch. Besessen von Proben und Präzision erreicht der unermüdliche Kleiber mit solchen Sängerinnen und Sängern Resultate, die neben ihm nur Pultgrößen wie Toscanini, Klemperer, Bruno Walter oder Wilhelm Furtwängler vorbehalten waren. „Routine“ und „Improvisation“ waren für ihn inakzeptable Reizworte schlechthin. Hören Sie sich wieder einmal den ROSENKAVALIER mit dem „dream cast“ Maria Reining, Ludwig Weber, Hilde Güden, Sena Jurinac, Anton Dermota und Walter Berry an. Im Vergleich zu den berühmten Aufnahmen seines Sohnes Carlos weniger „walzerselig“ und im Vergleich zu Karajan weniger opulent und raffiniert, ist sein Rosenkavalier ungemein transparent und spannungsgeladen nach vorwärts drängend wie bei einer amerikanischen screwball comedy, das Wiener Konversationsstück betonend, in genialer dynamischer Ausgewogenheit zwischen Orchester und Solisten, von denen nie jemand um des Klanges willen zugedeckt wird. Das Zusammenspiel von Text und Musik, Vokalem und Instrumentalem ist seither nicht mehr in solch symbiotisch, gegenseitig anstachelnder Weise erreicht worden. Sozusagen der Billy Wilder unter den Dirigenten.

Bei den Aufnahmen der Beethoven Symphonien sind mir die Lesarten der 3. und 9. (Solisten Güden, Wagner, Dermota, Weber) mit den Wiener Philharmonikern lieber als diejenigen mit dem Concertgebouw Orchestra (3., 6., 7.). Allerdings gilt die fünfte für manche als beste im Katalog. Mit den Mozart Symphonien Nr. 39 und 40, den 4 Deutschen Tänzen, einer grandiosen Großen C-Dur von Schubert und der ersten Symphonie von Carl Maria von Weber (Kölner Radio Sinfonie Orchester, London Philharmonic Orchestra) kann man in einem zwar historischen, aber dennoch zufriedenstellenden Klangbild den großen kraftvollen Symphoniker Kleiber entdecken. Schade, dass das diskographische Vermächtnis dieses ethisch, moralisch wie künstlerisch so anspruchsvollen Mannes, der am 27.1.1956 unter mysteriösen Umständen in einem Züricher Hotelzimmer viel zu früh ums Leben gekommen ist, so klein ist. Aufnahmepläne der DECCA etwa für einen Fidelio sowie die Missa Solemnis konnten nicht mehr realisiert werden. Dafür gebührt der italienischen Universal umso größerer Dank, diese wichtigen Aufnahmen aus den letzten acht Jahren seines Lebens in einer sehr gut dokumentierten Box zu einem vernünftigen Preis dem Publikum wieder zugänglich zu machen.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

4022143956217 LUDWIG VAN BEETHOVEN: VIOLINKONZERT OP. 61, GIOCONDA DE VITO, live Berlin 1954, AUDITE CD

Welch sinnlich-melancholischer Ton, stupende Technik, romantisch-verträumte Geste. Das sind Attribute, die einem sofort einfallen, hört man den Beginn des Beethovenschen Violinkonzertes, das live mit dem RIAS Symphonie-Orchester unter der Leitung von Georg Ludwig Jochum 1954 in Berlin aufgenommen wurde.  Die in Martina Franca geborene Gioconda de Vito, eine der wenigen erfolgreichen Frauen als Solistin auf der Violine in den fünfziger Jahren, war so begabt, dass sie schon als 17-jährige eine Professur am Konservatorium in Bari innehatte (!). Ihr Debüt vor einem Orchester gab sie mit 16 Jahren in Rom  mit dem Tchaikovsky Violinkonzert unter der Leitung keines Geringeren als Mario Rossi. Sie spielte unter Victor de Sabata, Ferenc Fricsay und Wilhelm Furtwängler, hatte als Kammermusikpartner u.a. Edwin Fischer und Arturo Benedetti Michelangelo.

Leider ist das diskographische Vermächtnis dieser früh aus dem Konzertleben geschiedenen Geigerin mit Wahlheimat England schmal. Die meisten Aufnahmen sind nur in technisch nicht gerade herausragenden Schwarzpressungen erhältlich.  Umso mehr darf sich der Musikfreund über die Neuveröffentlichung bei AUDITE freuen, zumal das Label auf die RIAS Originalbänder zurückgreifen konnte. Und siehe da: Dieser Livemitschnitt klingt plastischer, räumlicher, klarer als etwa zur gleichen Zeit entstandene Studio-Aufnahmen der berühmten DECCA.

Es ist schwer das Besondere des Spiels von Gioconda de Vito in adäquate Worte zu fassen. Mich hat dieser in der süditalienischen Sonne gereifte Klang, dieses intuitiv Sängerische, die leichte Traurigkeit des „zu Schönen“ sofort berührt. Man vermag ein Geheimnis zu spüren, vielleicht etwas autobiographisch nicht Preisgegebenes, das sich in der Musik veredelt und die Interpretation adelt. Oder ist es einfach ein unglaublich hohes künstlerisches Ethos, das diese tief religiöse Frau antrieb. Das musikalische Resultat, wo  auch eine temperamentvolle Virtuosität nicht zu kurz kommt, spricht jedenfalls für sich.  Es gebiert jenseits des einfachen Hörvergnügens jenen Zauber, der einen euphorisch über die Welt schweben lässt.

Die CD enthält noch die Sonate für Violine und Klavier in A-Dur von Johannes Brahms und die Chaconne in G-Moll von Tomaso Antonio Vitali mit Michael Raucheisen am Klavier, Studioaufnahmen aus dem RIAS Funkhaus Berlin vom 7.10.1951. Tout simplement merveilleux! 

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

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