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HELSINKI/Finnische Nationaloper: THAIS von Jules Massenet. Premiere

26.01.2013 | KRITIKEN, Oper

Helsinki / Finnische Nationaloper: Première THAIS (25.1.2013)

Der 100. Wiederkehr des Todestages von Jules Massenet gedachte die Finnische Nationaloper mit einer Neuproduktion seiner Oper “Thais”, die zuletzt vor 80 Jahren gegeben worden war. Nimmt man den traditionell enthusiastischen, aber doch recht kurzen Beifall des Premierenpublikums zum Maßstab, war die Aufführung ein Erfolg, wenn nicht gar ein Triumph aller Beteiligten, angefangen vom (allerdings hervorragenden) Chor über die Kleinrollen-Sänger bis hin zu den Protagonisten, dem Dirigenten und das Regieteam, das jedoch nur durch die Regisseurin vertreten war – alle wurden lautstark umjubelt. Dass sich nur die Regisseurin NICOLA RAAB zeigte, war offenbar der Tatsache zuzuschreiben, dass Helsinki innerhalb einer kurzen Zeit bereits der vierte Aufguss dieser Produktion war, die über Göteborg, Valencia und Sevilla die finnische Hauptstadt erreicht hat.

Es sei gerne konzediert, dass die Aufführung in ihrer ganzen Pracht (Ausstattung JOHANN ENGELS) ein Fest für die Augen war, dass die Regisseurin zudem in der Lage war, die Personen zu führen und klar umrissene Charaktere zu schaffen. Man könnte also höchst zufrieden sein, doch seien einige kritische Anmerkungen nicht unterdrückt, denn so konventionell, wie die Inszenierung auf den ersten Blick war, war sie nun doch nicht. Schließlich gehört es zum Berufsbild heutiger Regisseure, nicht nur (wenn überhaupt) nachschöpferisch tätig zu sein, sondern – es hat den Anschein – an Kreativität dem Komponisten ebenbürtig. Damit möchte ich mich nicht prinzipiell gegen Änderungen am Sujet aussprechen, doch sollten diese Änderungen ein Mehr an Verständnis ermöglichen. Wenn die Regisseurin aus den Mönchen eine Art Sekte (Freimaurer?) macht, erhebt sich die Frage, ob das Stück dadurch verständlicher wird. Warum ist Athanael trotzdem durch seine Kleidung als Mönch zu erkennen? Gewiss Petitessen angesichts heute zum Alltag gehörenden Werksverfremdungen. Schwerwiegender scheint mir zu sein, dass Nicola Raab aus der Kurtisane Thais (im heutigen Sprachgebrauch eine, wenn auch gebildete, Prostituierte) eine Schauspielerin macht, die sich im Rampenlicht sonnt (das Stück spielt hier in einem Theater), so dass der nicht unkritische Besucher sich fragt, wovor Athanael Thais nun eigentlich retten will, vor der Sucht nach Erfolg oder vor der nach körperlicher Liebe. Das ursprüngliche Sujet mag einem Publikum von heute wenig oder nichts sagen; was die Regisseurin daraus gemacht hat, bringt es uns – abgesehen von fehlender Logik – nicht näher.

Als die damals 27jährige Slowenin SABINA CVILAK 2004 in Helsinki eine herausragende Turandot-Liù sang, war es mir eine Freude, ihre Leistung sehr positiv zu würdigen, so dass damit sogar auf der Homepage ihrer Agentur geworben wurde. Neun Jahre später habe ich trotz des überwältigenden Publikumsjubels leider eher Gelegenheit zu Kritik, denn die damalige Schönheit dieses Materials war als Thais nur zu erkennen, wenn Frau Cvilak sich auf ihre damalige Pianokultur besann. Dies tat sie jedoch nur viel zu selten, so dass der Eindruck einer im forte sich verhärtenden und scharfen Höhenlage überwog. Schade! Auch das eigentlich sehr angenehme Material des Baritons JAAKKO KORTEKANGAS (Athanael) entwickelte seine ganze Klangschönheit, wenn er seine Stimme natürlich fließen ließ, doch erkämpfte er sich die Dramatik dieser Partie durch zu offene Tonproduktion und Vokalverfärbungen. Was Stilgefühl anbelangt, war somit beiden Protagonisten der franko-kanadische Tenor LUC ROBERT als Nicias überlegen, wenn auch sein an sich strahlkräftiges Organ unter Druck zu grelle Töne produzierte. JYRKI KORHONEN war ein sonorer Palémon, mit prächtiger Altresonanz fiel die Albine von SARI NORDQVIST sehr positiv auf. Crobyle (ANNA-KRISTIINA KAAPPOLA) und Myrtale (HANNELE AULASVUO) waren ihres Auftritts im 2. Akt beraubt worden und konnten sich somit nicht weiter profilieren. Als Diener fiel der junge TAPANI PLATHAN mit prägnantem Bassbariton auf, der Anfang des Jahres im Finale des renommierten Gesangswettbewerbs von Lappeenranta stand. Sein kurzer Auftritt machte Appetit auf mehr!

Ein weiser Dirigent sagte einmal, wenn man die Blechbläser nur anschaute, seien sie schon zu laut. Nun, bei einem seiner recht seltenen Dirigate schien der Chefdirigent (und Künstlerischer Leiter) des Hauses MIKKO FRANCK das Blech nicht nur angesehen, sondern das ganze Orchester zu einem voluminösen Klang animiert zu haben, der offensichtlich diejenigen begeisterte, die Lautstärke mit Temperament verwechselten. Abgesehen davon, dass die Sänger angesichts dieses Klangpanzers zum Forcieren verleitet wurden, enthält die Partitur Massenets mehr lyrische Momente, als an diesem Premierenabend dargeboten wurde, würde eine Prise Durchsichtigkeit durchaus vertragen.

Um zum Ausgangspunkt dieser Rezension zurückzukommen: Es war ein großer Erfolg! Wen stört es, wenn ein offenbar überkritischer Rezensent diesen nicht nachvollziehen kann?

Sune Manninen

 

 

 

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