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HELSINKI: DIE ZAUBERFLÖTE oder Helsinki: ”Die Zauberflöte” oder ”Begleitmusik zu einer Lichtspielszene” . Premiere

27.02.2016 | Oper

Helsinki: ”Die Zauberflöte” oder ”Begleitmusik zu einer Lichtspielszene” – 26.2.2016

Nein, nicht Arnold Schönbergs 1929/30 entstandenes Werk wurde am 26.2.2016 in der Finnischen Nationaloper gespielt, sondern Mozarts „Taikahuilu“ – wie beim Opernfestival in Savonlinna und wie bei der letzten Premiere im März 2006 in finnischer Sprache aufgeführt. Auf die Premiere an der Komischen Oper Berlin folgten u.a.  Los Angeles, Düsseldorf, Minnesota, Edinburgh, Madrid, und nun kam auch Helsinki in den Genuss einer weltweit gefragten Produktion, die als Teamwork des Berliner Intendanten BARRIE KOSKY und der britischen Theatertruppe „1927“ (Regie: SUZANNE ANDRADE, Animation: PAUL BARRITT) entstanden ist und überall bei Publikum wie Kritik helles Vergnügen ausgelöst hat.

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Sarastro und Monostatos am Ende des 1. Aktes (Foto: Heikki Tuuli)

Auf eine Leinwand wurden Animationsfilme projiziert, mit denen die Sänger interagierten; wäre ich böswillig, würde ich sagen: sie dienten als Beleuchtungsstatisten. Die Königin der Nacht war als eine Riesenspinne gezeichnet, die anderen Figuren im Stile der 20er Jahre kostümiert (Kostüme: ESTHER BIALAS). Papageno war, unschwer zu erkennen, Buster Keaton nachempfunden, Monostatos als Nosferatu. Auf Dialoge wurde komplett verzichtet; auf die Leinwand projizierte Zwischentitel wurden von einem verstimmten Stummfilmklavier begleitet. Diese Mischung aus Stumm- und Zeichentrickfilm, dieser Cocktail aus Comic und Kintopp war ein atemlos machendes Animationsspektakel, bei der nicht die Musik, sondern der Kintopp die Hauptrolle spielte. Die Bilderflut drohte die Musik zu überlagern, die hier als untertänige Dienerin der Szenerie zu fungieren hatte. Dass sie nicht zu bloßer Filmmusik degradiert wurde, war nicht das geringste Verdienst von MICHAEL GÜTTLER, der das Kunststück fertigbrachte, Mozarts himmlische Musik mit seiner eigenen Persönlichkeit zu erfassen, umzusetzen und sich dabei dem Tempo der Filmsequenzen anzupassen. Sein Mozart war ein Mozart der goldenen Mitte – weder romantisch-weihevoll á la Furtwängler, noch verhetzt wie teilweise bei den Originalklang-Anhängern Norrington, Gardiner & Co. Seine genaue Zeichengebung machte es den Sängern leicht, trotz der Koordination ihrer Auftritte in luftiger Höhe bzw. auf dem Bühnenboden „im Takt“ zu bleiben, und obwohl der Chor oft zu beiden Seiten der Bühne postiert war, war kein Auseinanderdriften zu konstatieren.

Bedingt durch die flache Bühne vor der Leinwand, spielte sich alles an der Rampe ab – nicht zum Vorteil der akustischen Umsetzung, so dass die Solisten durchwegs zu laut klangen, weil ihnen angesichts dieser Zweidimensionalität der Raumklang fehlte.

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Pamina verfolgt von Nosferatu (pardon: Monostatos). (Foto: Heikki Tuuli)

 Leider war ein Ensemble aus Sängern verpflichtet worden, denen (mit wenigen Ausnahmen) die Voraussetzungen fehlten, um zum Zuhören zu zwingen. Gewiss, die Töne waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort, doch zumindest mir fehlte die Individualität des Stimmklangs, die es möglich macht, dass ein Timbre im Ohr haften bleibt. Ein solches Stimmtimbre besitzt zweifellos TUOMAS KATAJALA, mit dessen Tamino ich trotzdem nicht ganz glücklich wurde. Lag es an der Positionierung an der Bühnenrampe oder daran, dass seiner mit viel Mischklang produzierten Höhenlage gerade bei dieser Partie ein Gran mehr an Bruststimme gutgetan hätte? Jedenfalls war der Eindruck, den er hinterließ, nicht so uneingeschränkt positiv wie sonst. Mit seinem etwas knarzigen Stimmklang war der Sarastro von JYRKI KORHONEN (er sang auch den Sprecher aus dem Off) gewiss unverkennbar, doch war nicht zu überhören, dass ihm viel an Legatokultur fehlt. Das diesmal sehr differenziert applaudierende Publikum feierte neben Katajala am meisten die Königin der Nacht von TUULI TAKALA, die keinerlei Mühe hatte mit den Staccati und Spitzentönen ihrer Partie (ANNA-KRISTIINA KAAPPOLA, die früher führende Interpretin dieser Rolle, war diesmal mit der Ersten Dame betraut). Die übrigen braven, gewiss nicht schlechten, aber eben nicht sehr individuell timbrierten Sänger teilen das Los von Interpreten, deren Leistungen durch die Dominanz des Visuellen weniger Beachtung finden: KRISTEL PÄRTNA (Pamina), JUSSI MERIKANTO (Papageno), MARGARITA NAĆER (Papagena), ILKKA HÄMÄLÄINEN (in der Vorwoche noch als Titelheld im „Phantom der Oper“, nun Monostatos), ANN-MARIE HEINO (2. Dame), TUULA PAAVOLA (3. Dame), AKI ALAMIKKOTERVO und HEIKKI AALTO (Zwei Geharnischte) sowie die 3 Knaben MISKA LUNDBERG, MIKKO ELIAS und WERNER TELIVUO.

Fazit: Mit dem „Phantom der Oper“ (alle über 60 Vorstellungen dieser Saison ausverkauft) und dieser „Zauberflöte“ hat die Finnische Nationaloper zwei Erfolgsproduktionen in ihrem Spielplan, mit denen sich gut Geld machen lässt. Bei der Mozart-Oper sträubt sich meine PC-Tastatur, von einer Inszenierung zu sprechen. Wer mit einer kurzweiligen Bebilderung von Mozarts herrlicher Musik zufrieden ist, sollte sich diese Aufführung nicht entgehen lassen.

Sune Manninen

 

 

 

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