Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

Heinrich Pflanzl – GRÜSS GOTT, HERR KAMMERSÄNGER!

15.08.2012 | buch

 

Robert H. Pflanzl
GRÜSS GOTT, HERR KAMMERSÄNGER!
Der Salzburger Heinrich Pflanzl in der Welt der Oper
284 Seiten, Böhlau Verlag, 2012

Er war gebürtiger und leidenschaftlicher Salzburger, hat seine Karriere aber fast ausschließlich in Deutschland gemacht (nach Wien verschlug es ihn während des Krieges gerade zweimal als Ochs). Die Rede ist von Heinrich Pflanzl (1903-1978), ein vielseitiger Bassist, der zwar seine letzten Jahre als Lehrer am Mozarteum verbrachte, aber in seiner Heimat wohl nie ausreichend wahrgenommen wurde. Dem versucht nun sein Sohn Robert H. Pflanzl mit dem Buch „Grüß Gott, Herr Kammersänger!“ erfolgreich abzuhelfen.

Dass die Lebensgeschichte so lebendig wird, liegt an der Fülle von Material aus erster Hand, das – nur wenige erklärende Zwischen-Passagen sind nötig – dem Autor zur Verfügung stand. Sein Vater hat offenbar reichlich Tagebuch geschrieben, die Familie hob alle Briefe auf, es gibt auch Kritiken (dass nur die lobenden zitiert werden – wie auch anders!), und ein reicher Bildteil verfolgt die Karriere des Salzburgers quer durch seine großen Rollen, von denen ihm der Beckmesser und der Ochs wohl die wichtigsten waren. Doch seine Spannweite reichte von Leporello zu Klingsor, von Nicolais Falstaff bis zu Mussorgskys Warlaam.

In geschickter Zusammenstellung ergeben Bilder aber auch eine Dramaturgie und sind von höchster Aussagekraft – wenn hier Pflanzl 1944 in Uniform, kurz vor seinem Abmarsch in den Krieg gezeigt wird, noch sein freundliches, pausbäckiges Selbst; und wenn daneben das Foto Pflanzls ein Jahr später steht, aus der Kriegsgefangenschaft heimgekehrt, unglaublich schmal geworden, mit fragend-traurigen Augen, ohne Lächeln…

Er hat in seinem Künstlerleben manches erreicht, ist aber nie in die vorderste Reihe der großen „Stars“ aufgestiegen, was er selbst gespürt hat und immer wieder einmal notierte, wobei er sich auch Dankbarkeit dem Schicksal gegenüber auferlegt hat. Denn schließlich konnte er doch mit viel Erfolg einen Beruf ausüben, den er liebte. Er kam aus einer musischen Familie, sein Vater war ein in Salzburg bekannter Mundartdichter. „Heini“, wie Pflanzl genannt wurde, studierte in Wien und ging den Weg von Bern über Breslau (dort wurde 1934 sein Sohn, der Herausgeber des Buches, geboren), Nürnberg und Kassel nach Dresden, wo er während des Krieges und auch danach engagiert war. Damit war er allerdings in der DDR gelandet. 1950 kam er an die Deutsche Staatsoper Berlin, und gastierte in den folgenden Jahren auch in München und Hamburg, Paris, Venedig, Barcelona.

Von 1951 und 1952 war Pflanzl in Bayreuth engagiert. Dazu wäre es fast nicht gekommen, weil er meinte, ein Sänger mit seiner Reputation müsse sich wohl keinem Vorsingen unterziehen, wie es von Wieland Wagner verlangt wurde. Er wurde dennoch engagiert, sang unter Karajan und Knappertsbusch, den Beckmesser und die Alberiche, wobei er mit seinem Salzburger Landsmann nicht ganz glücklich wurde: Karajan ist ein überspannter, hysterischer Pinsel und gar nicht nett. Knappertsbusch hingegen ein prächtiges Original und ein großer Dirigent.

Instinktiv wechselte Pflanzl von Ost- nach Westberlin, als es noch möglich war, und als die DDR 1961 die Mauer errichtete, bat er um Lösung seines Vertrags. Er kehrte nach Salzburg zurück, wo ihn keiner mit offenen Armen empfing und auch niemand zu den Festspielen einlud. Man gab ihm zwar eine Lehrstelle am Mozarteum, hat diese aber nach zehn Jahren nicht verlängert. Ein österreichisches Schicksal…

Pflanzl, der bis zu seinem Tod in Großgmain lebte, starb 74-jährig im Jahr 1978 und ist bei seinen Eltern am Petersfriedhof begraben, in der Nähe von Richard Mayr, den er so bewunderte… (Mayrs Witwe hatte ihm nach dessen Tod das Ochs-Kostüm geschickt – es ging während der Bombardierung von Dresden verloren.)

Pflanzls Aufzeichnungen geben Einblicke in den Alltag eines Sängerlebens, wie man sie selten gewinnt. Er ist ein reflektierender Kopf, der sympathisch aus diesen Seiten steigt. Filmaufnahmen wird man von ihm nicht finden, aber auf Plattenaufnahmen der vierziger und fünfziger Jahre (etwa die Bayreuther Knappertsbusch-„Meistersinger“ 1952 mit Edelmann, Della Casa und Hopf, wo er den Beckmesser singt) ist er verewigt.

Renate Wagner

 

 

 

Diese Seite drucken