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HEILBRONN / Ballett der Staatsoper Hannover: WAHLVERWANDTSCHAFTEN nach Goethe von Jörg Mannes

24.06.2015 | Allgemein, Ballett/Tanz

Ballett der Staatsoper Hannover mit „Wahlverwandtschaften“ im Theater Heilbronn

SYMBOLE UND SPIEGELUNGEN. am 23.6.2015

Ballett der Staatsoper Hannover gastiert am 23. Juni 2015 mit Goethes „Wahlverwandtschaften“ im Theater/HEILBRONN

Gefühle möchte der Choreograph Jörg Mannes bei seinem Ballett „Wahlverwandtschaften“ nach Johann Wolfgang von Goethes gleichnamigem Roman zeigen. Symbole und Spiegelungen werden bei dieser Inszenierung in Bühne und Projektion von Mathias Fischer-Dieskau und den Kostümen von Alexandra Pitz überzeugend umgesetzt.

Eduard und Charlotte wollen nach langjähriger anderweitiger Bindung ihre Jugendliebe verwirklichen. Sie leben frei von materiellen Sorgen frisch verheiratet auf Eduards Landgut. Selbst die Kriegswirren können diesem Paar nichts anhaben. Doch es kommt alles anders, denn der Naturwissenschaftler Goethe fügt dem zentralen Paar A (Charlotte) und B (Eduard) wie in einer geheimnisvollen chemischen Formel Eduards Freund Otto als C und Charlottes Nichte Ottilie als D hinzu. Damit geraten diese „Wahlverwandtschaften“ auch tänzerisch völlig aus den Fugen, denn die Pirouetten werden zunehmend hektischer. Eduard und Ottilie fühlen sich wie Charlotte und Otto voneinander angezogen. Doch während Charlotte und Otto einander entsagen, will Eduard unbedingt seine Liebe zu Ottilie leben. Charlotte und Eduard fantasieren sich im ekstatischen Moment des „Ehebruchs im Ehebett“ in die Arme des geliebten Anderen. Wie in der chemischen Anordnung unterliegt das schwache dem starken Bindungsvermögen. Das zeigt sich auch eindrucksvoll auf der Bühne, wenn es grüne Konfetti regnet und riesige viereckige Tischgestelle langsam und fast unheimlich herabfahren. Was in Schönheit und Ruhe begann, endet mit Verlust, Tod, Trauer und Einsamkeit.

Dies alles vermag Jörg Mannes bei seiner gelungenen Choreographie packend in Szene zu setzen. Nachdem Eduard aus dem Krieg zurückkehrt, in dem er vergeblich den Tod gesucht hat, ist er mehr denn je entschlossen, mit Ottilie zu leben. Als er sie trifft, hält sie das Kind Charlottes im Arm, das in der Nacht des „Ehebruchs im Ehebett“ gezeugt wurde. Das Kind aber entgleitet ihr und ertrinkt. Ottilie verzweifelt, zieht sich immer mehr zurück und verliert jede Kraft. Schließlich stirbt sie in Eduards Armen. Fassungslos bricht auch Eduard über der Geliebten tot zusammen. Hier gelingt es Jörg Mannes, den Tänzerinnen und Tänzern elektrisierende körperliche Ausdruckskraft zu verleihen. Jörg Mannes geht dabei gleichzeitig noch weiter wie Goethe. Wie bei einer naturwissenschaftlichen Beweisführung kommt es zu spannungsvoll umgesetzten Vergleichsanordnungen: Die Personen Charlotte, Eduard, Otto und Ottilie werden einfach vervierfacht. Das schafft auf der Bühne ganz neue räumliche Möglichkeiten, die die Zuschauer zunehmend  verwirren. Aus einer völlig harmlosen Begegnung entsteht eine extreme Situation. Der Mensch und seine Leidenschaften sind nicht mehr kontrollierbar. Auch die musikalische Auswahl ist weitgehend stimmig: Die Ruhe in Felix Mendelssohn Bartholdys „Meeresstille und glückliche Fahrt“ passt gut zum idyllischen Anfang des Romans. Das Adagio aus Wolfgang Amadeus Mozarts A.Dur-Klavierkonzert ist für die konzentriert agierenden Tänzer der Staatsoper Hannover in jedem Fall eine große Herausforderung. Mozart gerät hier in eine Atmosphäre großen Umfangs. Auch der begräbnishafte Schreitrhythmus von Johann Sebastian Bachs Motette „O Jesu Christ, meins Lebens Licht“ prägt sich bei dieser Choreographie tief ein. Die zerstörerischen Elemente beherrschen zudem die gesamte Inszenierung und fordern den Tänzern ein gewaltiges Ausdrucksspektrum ab. Insbesondere der ungemein ergreifende Choral aus Felix Mendelssohn Bartholdys 2. Sinfonie in B-Dur „Lobgesang“ geht unter die Haut, weil die Kompanie hier aus einem Guss und mit großen Gefühlen agiert – gerade auch beim Pas de deux. Szenisch baut sich deswegen eine große Spannung auf, die das Publikum nicht mehr loslässt. Das Unbewusste kommt durch die Körpersprache in bewegender Weise zum Ausdruck. Die emotionale Kurve der Begebenheit steht jedenfalls im Mittelpunkt. So will es Jörg Mannes. Vier Personen fühlen sich hier voneinander angezogen und wollen alte Bindungen verlassen, um neue einzugehen. Die Frage nach der Kraft der Natur und nach der Freiheit des Willens wird immer wieder neu gestellt. Die Tänzer bringen die unterschiedlichen Persönlichkeiten dabei glänzend zur Geltung. Diese Individualisierung soll die Zuschauer aber nicht verwirren. Die Tische sind vergrößerte Möbelstücke, die auch Objektcharakter haben. Sie sind eine Metapher für Ordnung, die bei Goethe wichtig ist. Man muss sich benehmen und Gefühle unterdrücken. Das schafft automatisch Probleme. Strukturen sollen auch dann noch aufrecht erhalten werden, wenn sie innerlich eigentlich längst nicht mehr bestehen. Die großen und massiven Tische haben etwas Trennendes, gegen das die Tänzer in grandioser Weise aufbegehren. Im Gegensatz zu diesen Objekten steht die Natur – verkörpert auch von Gärtnern und Soldaten. Die Emotionen müssen stimmen – und deren Umsetzung gelingt der Kompanie überzeugend. Man spürt, dass dem Choreographen Eduard aufgrund seiner speziellen Lebensphase besonders nahesteht. Eindringlich gestaltet ist insbesondere jene Szene, wo sich die harte Trennwand zwischen die grelle Bühnenbeleuchtung schiebt. Dadurch wird der gewaltige seelische Bruch bei Ottilie angedeutet, der sich noch erheblich steigert, als sie das Kind verliert. 

Für das gesamte Ensemble gab es bei der Premiere verdiente Begeisterungsstürme und großen Jubel. Hervorheben muss man vor allem Cassia Lopes, Debora Di Giovanni, Steffi Waschina, Hildur Elin Olafsdottir (Charlotte), Denis Piza, Ruben Cabaleiro Campo, Marco Boschetti, Ismael Gil (Eduard), Anastasiya Bobrykova, Michele Stephanie Seydoux, Giada Zanotti, Mariateresa Molino (Ottilie) sowie Patrick Michael Doe, Demis Moretti, Francisco Banos Diaz, Hongtao Lin (Otto).  

 Alexander  Walther     

 

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