Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

HEILBRONN: PARISER LEBEN von Offenbach. Respekt, alter Schwede. Premiere

11.10.2015 | Operette/Musical

Pariser Leben“ von Offenbach im Theater Heilbronn

RESPEKT, ALTER SCHWEDE!

Pariser Leben 6_klein
Copyright: Theater Heilbronn

Offenbachs „Pariser Leben“ mit dem Ensemble des Pfalztheaters Kaiserslautern am 10. Oktober 2015 im Theater/HEILBRONN

Die Inszenierung von Andreas Bronkalla von Jacques Offenbachs Operette „Pariser Leben“ ist einfallsreich – vor allem in den zahlreichen Verwandlungsszenen. Die Damen werden im Salon in reizvollen Kostümen präsentiert – beispielsweise auch als „Madame Moulin Rouge“ mit einem riesigen Toupet. In verschiedenen Fotomontagen sieht man die schwedischen Inseln und die Stadt Paris in all ihren Facetten. Einmal wird das Sofa sogar in die Höhe gezogen, im Hintergrund kann man den Eiffelturm erkennen – die Hommage an Paris als die ideale Stadt der Liebe und des Flirts gelingt in all ihren satirischen Facetten. Zuweilen würde man sich sogar noch mehr szenische Lebendigkeit wünschen. Bereits im Jahre 1866 feierte „Pariser Leben“ seine Uraufführung. Astrid Vosberg kann der schönen Dame Metella als Chansonsängerin klare Konturen und klangfarbenreiche Schattierungen geben. Den beiden Freunden Raoul de Gardefeu und Bobinet Chicard (Daniel Böhm und Stephan Boving mit abwechslungsreicher stimmlicher Charakterisierungskunst) verdreht sie jedenfalls gehörig den Kopf. Sie warten am Pariser Bahnhof auf die Dame ihres Herzens (Bühnenbild: Heiko Mönnich), sind jedoch hell entsetzt, als Metella plötzlich mit einem anderen Verehrer aus dem Zug steigt. Geschickt und witzig steigert der Regisseur Andreas Bronkalla nun die hitzige Situationskomik, denn die beiden Freunde versuchen, jetzt einfach in der Rolle des Fremdenführers an andere schöne Frauen heranzukommen. Gardefeu kümmert sich dabei um ein adeliges schwedisches Paar – den von Alexis Wagner mit Emphase verkörperten Baron de Gondremarck und dessen Frau Christine, die von Arlette Meißner mit filigranen Gesangslinien dargestellt wird.

Pariser Leben 5_klein
Copyright: Theater Heilbronn

Plastisch eindringlich stellt der Regisseur Andreas Bronkalla nun heraus, wie Gardefeu sein Haus plötzlich in eine reizvolle „Dependance“ des Grand Hotels verwandelt und seine Nachbarn als Handwerker der besseren Gesellschaft kostümiert. Dabei gerät die Inszenierung in Heilbronn dann richtig in Schwung. Die Chansonsängerin Metella macht ihren seelischen Wandlungsprozess intensiv deutlich, denn sie erkennt jetzt, dass Gardefeu offensichtlich das Interesse an ihr verloren hat und ist sehr eifersüchtig. In einem Brief an die Baronin Christine offenbart sie den Schwindel. Und die Frauen beschließen, sich an den Männern zu rächen. Zuletzt löst sich der ganze Ärger jedoch wieder in Luft auf, denn vereint mit Freund Bobinet lässt Gardefeu die Vorwürfe des Barons geschickt an sich abprallen, was auf der Bühne auch optisch zu einer reizvollen Auflösung führt. Der Baron habe doch bekommen, was er wollte – die Schönheiten der Stadt, Champagner und reizvolle Frauen. Nach der Versöhnung des schwedischen Ehepaars fließt zuletzt auch in Heilbronn der Champagner in Strömen. Diese „Offenbachiade“ kam im Theater Heilbronn aufgrund der filigranen musikalischen Leitung von Rodrigo Tomillo beim Publikum gut an. Die Atmosphäre der Pariser Weltausstellung von 1867 blitzte immer wieder musikalisch nuancenreich auf. Witz und Laune setzten sich harmonisch vielschichtig durch. Das galt auch für die kecken Septimensprünge. Insbesondere die Rausch-Stimmung im Hause der Madame Quimper-Karadec (ausdrucksvoll: Geertje Nissen) hatte es in sich. Da ließ der umsichtige Dirigent Rodrigo Tomillo zusammen mit dem Choreographen Stefano Giannetti im wahrsten Sinne des Wortes die Puppen tanzen. „Can-Can“-Orgien betörten die Zuschauer. Die Tanz-Rhythmen steigerten sich mit Chor und Orchester des Pfalztheaters in fulminanter Weise. Reminiszenen an Wolfgang Amadeus Mozart beim Damen-Terzett und Johann Strauß („Die Fledermaus“) gewannen immer größere Präsenz. Der windige Bolerorhythmus des Baron-Couplets „Ich stürz mich in den Strudel ’nein“ und Paulines „Frou-frou“ zeigten opernparodistisches Format. Der Zauber der Opera buffa entwickelte sich hier wie von selbst. Das galt auch für das köstliche Sextett über das Loch, das sich am Rock des „Admirals“ zeigt und das wirbelnde Walzerseptett im dritten Akt oder die köstliche Ode an die „Handschuhmacherin“. Rodrigo Tomillo heizte dabei die Stimmung immer wieder mächtig an. Es zirpte und flirrte im Orchester, dass es eine Freude war. Allerdings hätte man sich zuweilen etwas voluminösere Passagen gewünscht. Sehr gut gelangen hier der machtvolle Eingangschor der Eisenbahner, der explodierende Schlusscancan sowie Metellas graziöses Walzer-Nokturno. Monika Hügel gefiel insbesondere bei Gabrielles kapriziösen Polkaschritten hinsichtlich altmodischer Liebesbräuche. Auch der atemlos-rasante Champagnergalopp riss das Publikum in schwindelerregender Weise mit. Sehnsüchtig erklang das Brieflied des Barons Frascata. Aber die Inszenierung von Andreas Bronkalla versteht es, das Publikum in die rechte Feierlaune zu versetzen. Das spürte man in Heilbronn ganz deutlich. Schweden, Brasilianer, Kurtisanen, Handwerker und Domestiken gaben sich ein gewitztes Stelldichein. Peter Floch brillierte vor allem als milliardenschwerer Brasilianer Pompa di Matadores und auch als Schuster Frick. Monika Hügel verlieh der Handschuhmacherin Gabrielle erotisches Flair, Pierre-Eric Monnier bot als Madame de Folle-Verdure eine Travestie-Nummer der besonderen Art. Günther Fingerle als Joseph Partout, Ralph Jaarsma als Urbain, Bernhard Schreurs als Gontran sowie Daniel Ewald als Clochard sorgten für weiteren Stimmungsreichtum. Den Pas de Deux tanzten sehr bewegend und in sich abgerundet Aurore Nicolas, Riccardo Marchiori, Letizia Cirri und Jean-Francois Gabet. Neben dem Ballett des Pfalztheaters Kaiserslautern konnte sich auch die Statisterie dieses Hauses in Heilbronn profilieren. Jubel gab es am Ende für alle Mitwirkenden.
Alexander Walther

 

Diese Seite drucken