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HEILBRONN: MEDEA von Cherubini als Gastspiel des Staatstheater Mainz – eine musikdramatische Höllenfahrt

03.04.2016 | Oper

EINE MUSIKDRAMATISCHE HÖLLENFAHRT

Aufführung des Gastspiels von Cherubinis „Medea“ mit dem Staatstheater Mainz im Theater Heilbronn am 3. April 2016  

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Copyright: Andreas Etter

Johannes Brahms sagte einmal über Luigi Cherubinis „Medea“: „Diese Medea, das ist, was wir Musiker unter uns als das Höchste in dramatischer Musik anerkennen“. In der Tat enthält das 1797 kurz nach der Französischen Revolution entstandene Meisterwerk zukunftsweisende Harmonien zwischen Klassik und Romantik. In Elisabeth Stöpplers karger Inszenierung dominiert der weiße Bühnenhintergrund. Die verletzte Frau kauert hilflos zwischen weißen Wänden. Medea ist hier eindeutig Opfer und Täterin zugleich – schmählich verlassene Frau und grausame Rächerin. Sie hat sich am Tod ihres Bruders schuldig gemacht, als sie Jason zu Ruhm verhalf. Jason und Medea sind deswegen Verbrecher auf der Flucht. Dann ist sie ihm mit den beiden gemeinsamen Söhnen nach Griechenland gefolgt, was in der Inszenierung aus unterschiedlichen Perspektiven zu sehen ist. Oben öffnet sich in geheimnisvoller Weise eine Dachluke. Als Jason sie verlassen will, um die Königstochter von Korinth Dirce zu heiraten, bahnt sich eine schreckliche Katastrophe an. Dieser Zerstörung ihrer Existenz setzt sie einen gnadenlosen Racheplan entgegen, der sich immer weiter zuspitzt. Kindsmord und Selbstzerstörung bilden den Schlusspunkt dieses Geschehens. Ein weiterer Höhepunkt in dieser mit beklemmenden Bildern aufwartenden Inszenierung bildet die Tötung von Medeas Nebenbuhlerin Dirce durch Medea selbst. Auf der oberen Empore tötet sie schließlich auch ihre Kinder. Jason beweint Dirce. Zuletzt wird Medea, die sich vor dem Mord schwarz geschminkt hat, von Polizisten erschossen.

Neben den packend gestalteten großen Chorpassagen mit ihren marschartigen Sequenzen fasziniert bei der Aufführung vor allem Medeas großer Schlussmonolog, den Cornelia Ptassek mit voluminöser Fülle und Leuchtkraft gestaltet. Ihre subtile Sopran-Stimme kommt ohne störendes Vibrato aus, besitzt aber auch die notwendige schneidend-gellende Schärfe bei den Spitzentönen, die sich in die Seele der Zuhörer bohren. Es gibt keine Privatsphäre für Medea, man befindet sich ausschließlich in der Machtzentrale. Als dann der von Sebastian Hernandez-Laverny sehr gut einstudierte Chor des Staatstheaters Mainz zu einem letzten Aufschrei ansetzt, bekommt das Publikum eine Gänsehaut. Als seltsames erotisches Zaubermittel wird von der Bühnenhöhe ein erlegtes Nashorn an Seilen heruntergelassen, dessen spitzes Horn man zuletzt abtrennt. Es ist auch ein seltsames Symbol für das goldene Vlies. Das spirituell aufgeladene Mysterium gipfelt hier in einem verwirrenden Objekt der Begierde. Das Philharmonische Staatsorchester Mainz nutzt das furiose Orchesternachspiel mit großflächtigen Bögen und entgegengesetzter Rhythmik, um die üblichen viertaktigen Phrasen mit wildem spieltechnischen Feuer zu durchbrechen. Regie und musikalische Gestaltung wachsen bei dieser Inszenierung von Elisabeth Stöppler vor allem gegen Ende ganz zusammen. Stöppler macht deutlich, dass es bei Cherubini nur einen Ort gibt, nämlich den Platz vor, neben und am Rand des Königspalastes von Korinth. Alle Figuren lehnen sich an diesen Palast an. Man befindet sich in der Machtzentrale, das wird auch später bei der Szene im kastenartigen Gefängnis deutlich, als Medea verhaftet wird. Die Fahrt der Argonauten zum „Ende der Welt Kolchis“, der Raub des Goldenen Vlieses und die Landung in Korinth ist hier in entfernter Weise erahnbar. Und die Assoziation „Hafen“ hat die Architektur von Kreons Palast bestimmt. Es gibt an dem geheimnisvollen Vlies ein ökonomisches und symbolisches Interesse, das schwere Konflikte zur Folge hat. Für Medea geht es bei Elisabeth Stöppler vor allem um die Feststellung von Unrecht, das beglichen werden muss. Sie ist eine gewaltbereite Idealistin, die terroristische Züge trägt. Letztendlich wird sie von der Gesellschaft dann auch wie eine Terroristin behandelt. Cornelia Ptassek lässt deutlich werden, wie Medeas Arien zunächst relativ ruhig beginnen und dann zunehmend zerfahren und aufgebrochen werden. Auch der mit schlanker Gesangsstimme auftretende Tenor Philippe Do als Jason macht diesen Aspekt bei seiner Interpretation deutlich. Der eindeutig geradlinige Gefühlszustand wird abgestellt. Emotionale Tiefe können jedoch auch die anderen Sänger über die Rampe bringen, allen voran Peter Felix Bauer als Creon, Dorin Rahardja als leidenschaftliche Dirce und Genevieve King, die als Neris schließlich den Mord an den Kindern durch die Mutter prophezeit.

Der Dirigent Hermann Bäumer akzentuiert mit dem leidenschaftlich musizierenden Philharmonischen Staatsorchester Mainz die eingängigen Melodien und starke Motivik dieser ungewöhnlichen Oper. Aufspringende Quarte und fallende kleine Sekunde sind messerscharf herauszuhören. Die feurig-elektrisierenden Funken der Partitur springen auf das Publikum über, das sich dem Geschehen zuletzt überhaupt nicht mehr entziehen kann. Elisabeth Stöppler lässt zusammen mit Annika Haller (Bühne) und Ingo Krügler (Kostüme) deutlich werden, dass Cherubinis „Medea“ ein politisches Stück ist: Medea ist durch ihre Verbrechen bereits in ihrer Heimat zur Illegalen geworden. In dieser in Heilbronn gezeigten Fassung sind die französischen Dialoge zum größten Teil durch eine Tonspur ersetzt worden, die vor allem von Heiner Müllers „Medeamaterial“ bestimmt wird: „Aus meinem Herzen schneiden will ich euch mein Herzfleisch…“ Diese Tonbandtexte werden von Anna Steffens neben weiteren Texten von Ingeborg Bachmann, Albert Camus, Euripides, Christa Wolf und Sylvia Plath („Die Frau ist vollendet. Ihr toter Körper trägt das Lächeln des Erreichten„) in eindringlicher Weise gesprochen. Die Sprache der Tonspur soll mit der musikalischen Komposition gleichwertig sein, was manchmal mehr und zuweilen weniger gelingt. Die Fülle der Weiblichkeit  der Medea-Figur macht Cornelia Ptassek gut deutlich, könnte dabei ihre gesangliche Intensität aber auch noch weiter steigern. Gerade in ihrer ersten Arie sollte das warme Flehen noch stärker zum Ausdruck kommen. Doch insgesamt erfüllt sie die Bühne mit großartiger stimmlicher Präsenz. Hermann Bäumer unterstützt sie mit dem ausgezeichneten Philharmonischen Staatsorchester Mainz aufgrund der klaren Betonung unheimlicher Bassgänge und Modulationen. Bei der Passage „Son coeur ignorait les chagrins, enfants des passions terribles“ ertönt in f-Moll eine sich steigernde, wahrhaft herzzerreissende Figur, die unter die Haut geht. Da ahnt man, welche unglaublichen Leidenschaften bereits in Medeas Seele gewühlt haben. Der Ton des Flehens erinnert bei dieser Interpretation ferner an Schubert. Dass Luigi Cherubini diese verschiedenen Stimmungen genial ineinander verflochten hat, lässt das insgesamt überzeugend aufeinander abgestimmte Ensemble deutlich werden. Sehr drastisch stellen Cornelia Ptassek und Philippe Do außerdem dar, wie sehr Medeas Flehen an Jason abprallt. Deswegen bricht sie in übermenschliche Wildheit aus, was bei Cornelia Ptasseks Interpretation am besten und grellsten zum Ausdruck kommt. Transparent leiten die Bläser nach dem glutvollen Schlussteil Medeas nach C-Dur über. Bei ihrem letzten „Moi fuir“ moduliert sie von fis-Moll mit dem übermäßigen Quintsextakkord auf F- nach E-Dur. Dabei lässt sie die schillernden Klangfarben nicht außer Acht, was ausgesprochen reizvoll ist. Neben dem Unisonomotiv sticht bei dieser Aufführung die leidenschaftliche Coda Medeas in Es-Dur hervor. Da vereinigen sich Darstellung und Gesang von Cornelia Ptassek ganz und gar. Edler und tiefer Schmerz durchdringt weiterhin die Prophetin Neris in der Darstellung von Genevieve King. Aufwühlend gestaltet der Dirigent Hermann Bäumer zudem die Ouvertüre. Schon Hans von Bülow meinte, dass man die Cherubinischen Ouvertüren stets überall spielen würde. Ein Diktum, dass man nach dieser gelungenen Wiedergabe gut nachvollziehen kann. Tremolo-Passagen weisen immer wieder auf das spätromantische Sujet hin – Cherubini erscheint hier als unglaublich moderner Komponist, der sich zuletzt mit aufpeitschend-avantgardistischen Blech-Attacken verabschiedet. Auch den Triolen des Schlussteils gewinnt er maßgebliche Bedeutung ab. Das chromatische Hauptthema zu Beginn des dritten Aktes lässt die furchtbare Entscheidung Medeas mit eherner, grauenhafter Macht erkennen.

In weiteren Rollen überzeugen bei dieser Produktion Alexandra Samouilidou als erste Hofdame sowie Anke Steffens als zweite Hofdame. Des weiteren sind noch die Kinderstatisterie des Theaters Heilbronn mit den Söhnen von Medea und Jason sowie die Statisterie des Staatstheaters Mainz erwähnenswert.

Fazit: Diese Produktion sollte man nicht versäumen. Maria Callas hat die tragische Titelheldin zu Recht weltberühmt bemacht. Zudem spürt man, wie dieses Werk Verdi, Wagner („Rienzi“) und Boito („Mefistofele“) beeinflusst hat.    

Alexander Walther

 

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